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Testbericht

Stefan Grundhoff, 23. Mai 2009
Stirling Moss donnerte bei der Mille Miglia 1955 in Rekordzeit von Brescia nach Rom und zurück. Sein Wagen: ein Mercedes 300 SLR. Wir wagen jetzt mit ihm auf gleicher Strecke unterwegs. Wir und David Coulthard.

Zusammen mit dem Motorjournalisten Denis Jenkinson schaffte Stirling Moss die rund 1.600 Kilometer lange Mille-Strecke in kaum mehr als zehn Stunden. Ähnlich wie es Rallyefahrer seit Jahrzehnten kennen, hatte sich Moss zusammen mit seinem Beifahrer umfangreiche Aufzeichnungen über Streckenführung, Kurven, Fahrbahnbelag und Ortsdurchfahrten gemacht und diese auf eine Rolle drucken lassen, die während der zehn Stunden Fahrzeit Kilometer für Kilometer abgespult wurde.

Doch fahrerisches Können und die detaillierten Aufzeichnungen waren nicht der einzige Schlüssel zum Erfolg. Der 1,1 Tonnen schwere 300 SLR war in diesen Zeiten der wohl schnellste Renner, den man unter dem Hinterteil haben konnte. Über 300 PS stark und mit einem besonders ausgelegten Fünfgang-Getriebe ausgestattet, fuhr der Stuttgarter Bolide die Mille-Miglia-Konkurrenz in Grund und Boden. Fahrer und Copilot saßen bei der Mille Miglia 1955 auf einer rasenden Kanonenkugel. Auf das Thema Sicherheit angesprochen, kann Moss auch heute nur lächeln: "Was heißt keine Gurte? Wir hatten 240 Liter Sprit im Rücken und fuhren im Renntempo. Wenn da was passiert, will man nur raus." Fahrdynamisch ist der Mercedes 300 SLR mehr als anspruchsvoll. "Als ich gestern Abend im Bett lag, haben meine Hände von der Lenkung immer noch gezittert", berichtet Ex-Formel-1-Fahrer David Coulthard von seiner ersten Ausfahrt mit dem 300er bei der diesjährigen Mille Miglia. "Kaum zu glauben, was Stirling Moss damals bei seiner Rekordfahrt mit diesem SLR geleistet hat", anerkennt der Schotte: "Tausend Meilen in kaum mehr als zehn Stunden – unfassbar. Ein Schnitt von 160 km/h auf öffentlichen Straßen."

Auch Chefmechaniker Uwe Karrer liebt seinen Mercedes 300 SLR heiß und innig. Der mit der Produktionsnummer S 10 ist besonders gut in Schuss. Vor einem neuzeitlichen Renneinsatz bringt er den Achtzylinder jedesmal liebevoll auf Touren. "Einfach starten und losfahren ist nicht", erklärt Karrer. "Motor und Öl müssen erst einmal gleichmäßig warm werden." Das Getöse des 300 SLR ist dabei gewaltig. Fehlzündungen und Flammen aus dem seitlichen Doppelrohrauspuff an der rechten Seite gehören zum beliebten Publikumsprogramm. "Von dem Mercedes 300 SLR wurden nur neun Fahrzeuge gebaut. Das Auto mit der Seriennummer zehn auf dem Getriebetunnel ist der letzte produzierte SLR mit der langen Hockenheim-Übersetzung", erzählt er, während sich Coulthard ins enge Volant arbeitet. "Der schafft über 300 km/h Spitze." Zum finanzielle Wert des Silberlings schweigt sich Michael Bock, Leiter der Klassik-Abteilung von Mercedes aus: "Einen regulären Markt für solche Autos gibt es nicht. Die stehen zumeist nur in Museen. Wir würden vielleicht überlegen, wenn jemand 30 Millionen bieten würde." Mit 30 Millionen Euro wäre der Mercedes 300 SLR der teuerste Oldtimer der Welt. Fest steht: Er ist einer der exklusivsten.

Für die Insassen des 300ers ist eine Fahrt Hochleistungssport. Dabei geht es weniger um die fehlende Windschutzscheibe oder ein Dach, die die Insassen gegen die Unwillen des Wetters schützen könnten. Der SLR brüllt nicht erst ab 4.000 Touren wie ein hungriger Löwe in die Ohren und die nur leidlich isolierte Auspuffanlage erhitzt den Fußraum binnen Minuten auf über 60 Grad. Dass die Fünfgang-Rennschaltung die nötige Synchronität vermissen lässt und der Pilot breitbeinig auf dem Getriebetunnel hockt, erleichtern das Handling des silbernen Renners nicht gerade. "Ich fahre zum ersten Mal mit dem 300 SLR und bin von den Fahrleistungen beeindruckt", erzählt Coulthard dennoch bei einem der wenigen Tankstopps: "Der Wagen läuft gut. Doch die Pedalwege sind wirklich die Hölle." Unter 3.500 Touren ist bei dem Silberpfeil tote Hose. Doch wenn er erst einmal gedreht wird, kennt der Achtzylinder keine Grenzen mehr. Ein kleiner Klebezettel am linken Einstieg zeigt, wie schnell man ungefähr ist. Denn wie die meisten Renner verzichtete auch Mercedes Mitte der 50er Jahre auf einen Tacho. Bei 5.000 Touren soll der 300 SLR im vierten Gang 160 km/h laufen.

Coulthard bringt die Rennzigarre mit dem riesigen Tank im fünften an die 5.000er Marke. Dann sitzt man mit Lederkappe und Schutzbrille bei weit über 200 km/h im tosenden Sturm. Dass Stirling Moss im Renntrimm deutlich höhere Geschwindigkeiten auf größtenteils unbefestigten Straßen fuhr, macht seine Rekordfahrt noch unglaublicher.

"Der Wagen wurde damals für die unbefestigten Straßen gebaut und abgestimmt", erläutert SLR-Experte Michael Bock: "Hier ist er besonders gut." Von dem neutralen Fahrverhalten kann sich auch Formel-Champion Coulthard überzeugen. Wenn der Renner erst einmal rollt, gibt es kaum ein Halten mehr – wenn man den Tourenzähler nicht unter 4.000 Touren fallen lässt. Wem rund 30 Millionen Euro für das Schmuckstück von Stirling Moss zu viel sein sollte: Mercedes hat mit dem Sondermodell "Stirling Moss" eine letzte Sonderserie des auslaufenden aktuellen SLR aufgelegt. Ebenfalls ohne Windschutzschiebe oder Dach, Türen oder Komfortschnickschnack kostet der auf 75 Stück limitierte Renner 750.000 Euro. Dafür gibt es 650 PS und 350 km/h Spitze. Leider schon alles ausverkauft.
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Quelle: Autoplenum, 2009-05-23

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