AMG baut unten an - Allrad wäre interessant
Testbericht
AMG ist auf vielen Märkten zum sportlichen Zugpferd für Mercedes geworden. Firmenchef Ola Källenius setzt auf ein neues Kompaktmodell mit kleineren Motoren und hofft auf einen Image-Transfer durch die Partnerschaft mit Ducati.
„Sie stehen mit dem linken Fuß auf der Bremse, ziehen einmal an der Schaltwippe, lösen die Bremse und treten das Gaspedal voll durch. Ich garantiere Ihnen, damit gewinnen Sie an jeder Ampel“, beschreibt AMG-Chef Ola Källenius die „Race Start“-Funktion des CLS 63 AMG. Wenn es um Motorpower, Sound und Hightech geht, blüht Källenius richtig auf. In diesem Punkt hat er Ähnlichkeit mit seinem Vorgänger Volker Mornhinweg, der heute Daimlers Transporter-Sparte leitet: Ein hemdsärmeliger Typ, der selten über Zahlen, aber umso begeisterter über Technik spricht. Bei AMG hat man den Eindruck, die Ingenieure säßen stets neben ihrem Chef und die Controller am Katzentisch.
Der gebürtige Schwede Ola Källenius war zuletzt Leiter des Daimler-Werkes in Tuscaloosa (USA). Davor leitete er die Mercedes-Benz High Performance Engines Ltd. in Großbritannien und arbeitete bei McLaren Automotive. In Tuscaloosa hatte er eigentlich noch länger bleiben wollen. „Aber als der Anruf kam, dass die Leitung bei AMG frei wird, musste ich nicht lange überlegen“, sagt Källenius.
Verkaufszahlen kommunizieren die Affalterbacher selten, doch Daimler dürfte zufrieden sein. Die USA sind prozentual gesehen immer noch der wichtigste AMG-Markt, aber andere Länder holen auf. In China haben die Schwaben im vergangenen Jahr mehr als 1000 Fahrzeuge abgesetzt. Zahlreiche Kunden wurden durch das Trainingsprogramm der „Driving Academy“ geschleust, um auf dem klassischen Chauffeurs-Markt China die Lust am Selbstfahren zu wecken. „China hat das Potenzial, zu unserem zweitwichtigsten Markt zu werden“, glaubt Ola Källenius. Auch in Korea, Südafrika, Australien, Indien und nach der Krise sogar wieder in Russland laufe das Geschäft gut. In Deutschland verspricht man sich einen Zuwachs durch das neue C-Klasse-Coupé, das seine Premiere auf dem Genfer Salon feiern dürfte.
Während die großen Modelle meistens mit V8-Motoren unterwegs sind, wird das bereits angekündigte neue Kompaktmodell kleinere Aggregate haben. Denkbar wäre zum Beispiel ein aufgeladener Vierzylinder. In den auf Daimlers neuer MFA-Plattform entwickelten Autos sieht Ola Källenius „interessante Kandidaten“ für ein AMG-Einstiegsmodell. „Die jetzigen Modelle der A- und B-Klasse eignen sich nicht als Performance-Autos“, so Källenius. Auch beim Antriebsstrang könnte die klassische Hinterradantriebs-Marke AMG neue Wege gehen. „Ich würde Allradantrieb nicht ausschließen“, betont der Firmenchef. Längst ist es kein Geheimnis mehr, dass die neue Frontantriebsplattform nicht nur Heimat für A- und B-Klasse wird. Vielmehr wird es 2013 einen kleinen Crossover BLK und 2014 einen kleinen Bruder vom CLS geben. Als Antrieb sollen hier doppelt aufgeladene Vierzylinder mit bis zu 300 PS dienen.
Die neuen AMG-Modelle an der unteren Seite des Portfolios werden aufgrund der Motorleistung wohl nicht nur mit Frontantrieb, sondern auch als Allradversionen verfügbar sein. AMG-Versionen sind bis hinunter zur A-Klasse in Planung. Das ist kein Wunder, denn die neue A-Klasse wird sich optisch dynamisch und knackig wie ein 1er BMW oder ein Audi A3 präsentieren. Einen ersten Ausblick soll es dieses Jahr bereits in Shanghai geben. Nach der Weltpremiere der neuen B-Klasse auf der IAA Mitte September kommt die neue A-Klasse 2012 in den Handel.
Das Downsizing im Bereich der AMG-Motoren hatte bereits Volker Mornhinweg eingeleitet, und es fand fast unbemerkt statt. Der 6,3 Liter große V8-Saugmotor wurde durch einen 5,5 Liter großen Biturbo-V8 mit Benzin-Direkteinspritzung ersetzt. Die Motorenbezeichnung 63 blieb erhalten, die Leistung sowieso und auch den kraftvollen Sound des Saugers haben die Ingenieure ganz gut in die Turbo-Welt hinüber gerettet.Selbst bei schwäbischen PS-Fetischisten geht es aber nicht mehr ohne Start-Stopp-Automatik. Das An-Aus-Spiel an der Ampel im Getriebeprogramm „Controlled Efficiency“ funktioniert reibungslos und spart ein klein bisschen Sprit – rund fünf Prozent nach dem europäischen NEFZ-Zyklus und drei Prozent nach US-amerikanischer Verbrauchsmessung. Der neue CLS 63 AMG bleibt zumindest auf dem Papier ganz knapp unter der psychologisch wichtigen 10-Liter-Grenze. In Zukunft wollen die Affalterbacher zudem verstärkt auf Leichtbau setzen, um den Durst ihrer Boliden zu zügeln.
Ganz neue Wege geht die Sportwagenschmiede bei der Imagepflege. AMG unterstützt das Ducati MotoGP Team und hofft im Gegenzug, dass durch gemeinsame Marketingaktivitäten ein bisschen Motorrad-Kult auf AMG abfärbt. Bei Kunden-Events beider Marken kann man neben der Strecke auch die Raketen der jeweils anderen Marke testen. „Ducati hat ähnliche Werte wie wir, und tatsächlich haben viele AMG-Kunden auch eine Ducati in der Garage stehen“, sagt Ola Källenius. Bei bloßen Marketing-Maßnahmen soll es nicht bleiben. „Ducati hat großes Interesse an der Benzindirekteinspritzung“, berichtet AMG-Entwicklungsingenieur Marco Witzel. Im Gegenzug könnten die Affalterbacher vielleicht auch auf Ducati-Knowhow zurückgreifen.
Ob bei soviel Benzin im Blut langfristig der Umstieg auf alternative Antriebsformen gelingt, bleibt abzuwarten – zu sehr scheint AMG noch mit komplexer Verbrenner-Technik, ausgefeilten Getrieben und bollerndem V8-Sound verbandelt. Vor kurzem ließen die Affalterbacher einige SLS-Käufer ein paar Runden im Elektro-Renner SLS E-Cell drehen. „Die Reaktionen waren begeistert“, erzählt Ola Källenius. Wie viele Kunden tatsächlich auch einen Stromer kaufen würden, lasse sich aber schwer sagen. Schon sein Preis dürfte dafür sorgen, dass der elektrische SLS ein Kleinserienfahrzeug bleibt: Rund 350.000 Euro soll der Wagen kosten.





























