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Testbericht

Stefan Grundhoff, 11. Dezember 2009
So unterschiedlich können die Automobilwelten sein. BMW bietet seinen sportlichen X6 Hybrid in Deutschland für astronomische 102.900 Euro an. In den USA gibt es den Konkurrenten Mercedes ML 450 Hybrid zum Sparpreis von umgerechnet weniger als 40.000 Euro.

Lange blieben Mercedes und BMW in den Hybrid-Startblöcken hängen. Doch mit einem Katapultstart soll der mächtige Rückstand gegenüber asiatischer und amerikanischer Konkurrenz aufgeholt werden. Die Mercedes S-Klasse machte im Sommer den Anfang. Jetzt legt BMW mit hybriden Versionen von 7er und X6 nach. Mercedes verspricht sich jedoch besonders bei der M-Klasse eine große Hybridnachfrage. Da die Diesel-SUV in Europa derart die Hosen anhaben, bleibt der ML 450 Hybrid bis auf weiteres dem amerikanischen Markt vorbehalten. Hier ist er zu seinem Marktstart ein echtes Schnäppchen, das Druck auf den Klassensprecher Lexus RX machen soll. Der Japaner startet auf seinem Vorzeigemarkt für günstige 42.110 Dollar. Zum Vergleich: der bärenstark motorisierte BMW X6 Hybrid wird in Amerika ab knapp 90.000 Dollar angeboten. „Wir haben mit dem Verkauf des ML Hybrid hier in den USA gerade erst begonnen“, sagt Projektleiter Michael Weiss und unterstreicht die gute Nachfrage, „für den Rest des Jahres ist die Produktion voll ausgelastet und auch für 2010 sieht es schon gut aus“.

Von außen deutet abgesehen vom Schriftzug und der leicht bauchigen Motorhaube nichts auf die Teilelektrifizierung des Mercedes ML hin. Bereits beim Starten des Motors gibt es das bekannte Hybridgeräusch – kaum mehr als ein sanftes Surren. Nur Multifunktionsbildschirm und Ladeanzeige zeigen, dass das Triebwerk läuft. Da es sich bei dem ML 450 im Gegensatz zur hybriden S-Klasse um einen Vollhybriden handelt, kann der SUV auch rein elektrisch fahren. „Wir haben eine rein elektrische Reichweite von bis zu 2,5 Kilometern“, erklärt Michael Weiss, „bei kraftvoller Beschleunigung springt jedoch sofort der Benziner an. Die Batterie befindet sich unsichtbar und ohne Platzeinbußen in der Reserveradmulde unter dem Kofferraumboden.“

Der erste Beschleunigungsversuch lässt die beiden Elektromodule in den Hintergrund treten und der 2,4 Tonnen schwere Koloss schnellt nach vorn. Der Sechszylinder heult auf, und ein gutes Stück der knapp 300 Benzin-PS scheint im Getriebe verschwunden. Im normalen Fahrbetrieb präsentiert sich die stufenlose Automatik mit ihren sieben elektronisch hinein projizierten Schaltstufen und zwei Betriebsmodi jedoch als überaus zäh und träge. Beim ersten Ampelstopp verstummt der Sechszylinder und springt beim Tritt aufs Gaspedal in Sekundenbruchteilen wieder an. Die ins Getriebe integrierten beiden Elektromotoren verrichten nahezu lautlos ihre Arbeit. Der erste E-Motor leistet 67 Kilowatt und ist für den normalen Fahrbetrieb zuständig. Das zweite Elektrotriebwerk ist mit seinen 63 Kilowatt kaum weniger stark und für die Boost-Funktion zuständig. Wer zum Beispiel bei einem Überholvorgang stark beschleunigt, hat die Kraft der drei Herzen, rund 250 kW / 340 PS und 517 Nm Drehmoment im Rücken. Der 3,5 Liter große Benzinmotor und die beiden Elektromodule werfen dann alles in die Waagschale, was nur geht. Die Geschwindigkeit wird bei 210 km/h abgeregelt.

Nach amerikanischen Maßstäben soll sich der Mercedes ML Hybrid als wahrer Sparmeister in Szene setzen. „Der Verbrauch läge nach dem entsprechendem Messverfahren in der EU bei etwa 8 bis 8,5 Litern auf 100 Kilometern", so Michael Weiss, „die Verbesserung der Mileage-Reichweite gegenüber dem V8 ML liegt bei etwa 47 Prozent.“ So kann der ML 450 Hybrid mit einer Gallone (3,8 Liter) 21 bis 24 Meilen weit fahren. „Für uns stand das Thema Sparsamkeit an erster Stelle“, unterstreicht auch Entwickler Dr. Neil Armstrong. Die Implementierung des knapp 250 Kilogramm schweren Elektromoduls hat mehr als drei Jahre in Anspruch genommen. Sanft, kaum spürbar schaltet die M-Klasse im normalen Fahrbetrieb je nach Bedarf zwischen Elektro- und Benzinantrieb hin und her.

Doch der wirkliche Knaller am Mercedes ML 450 Hybrid ist sein Preis – eben leider nur auf dem US-Markt. Bis auf weiteres kann der Elektro-ML nur geleast werden. Wer 30 Monate will, bezahlt rund 650 Dollar, wer sich für 60 Monate bindet, 550 Dollar monatlich. Das sind nach Angaben von Mercedes-Mann Weiss gerade einmal 30 Dollar mehr als für einen normalen ML mit acht Zylindern. Kalkuliert wurde das Ganze zu einem Verkaufspreis von deutlich unter 60.000 Dollar, macht umgerechnet kaum mehr als 35.000 Euro. Dafür gibt es in Deutschland noch nicht einmal einen müde ausgestatteten Mercedes GLK. Trotzdem bleibt der Mercedes ML 450 Hybrid erst einmal in den USA. „In Europa setzen wir voll und ganz auf unsere Diesel“, unterstreicht Weiss. Das dürfte bei der nächsten M-Klasse-Generation, die 2011 vorgestellt wird, anders sein. Sie kommt vom Start weg auch als Hybrid mit Lithium-Ionen-Akku.

Quelle: Autoplenum, 2009-12-11

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