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Testbericht

Stefan Grundhoff, 4. Juni 2009
Ein Ferrari ist was demokratisches: Er gehört nie nur dem, der ihn fährt. Oder parkt. Er gehört immer auch denen, die sich sogleich um ihn scharen. Oder ihn fahren hören und sehen. Unterwegs im 430 Scuderia.

Irgendwie ist alles wie immer, wenn man in einem Ferrari unterwegs ist. Der Motor brüllt, man wird ordentlich durchgeschüttelt, die wenig ansehnlichen Bedienelemente lassen einen bei einem Einstandspreis von 207.840 Euro den Kopf schütteln. Und alle, die ihm begegnen, huldigen dem Renner aus Maranello. Doch diesmal ist das Ganze noch schlimmer. Die Straßenversion des Tourenwagens 430 Scuderia ist in beißendem Gelb lackiert, mit zwei schwarzen Streifen. Nicht auffallen - das geht mit diesem Boliden nicht. Selbst wenn man sich in geschlossenen Ortschaften bemüht, die hohen Gangstufen vier und fünf nur im Notfall nach unten hin zu verlassen. Egal, was man auch tut: Jeder hört den Ferrari 430 Scuderia schon lange bevor er ihn sieht. Und wenn man ihn sieht, ist er meist auch gleich schon wieder weg. Zumindest gibt ihm der 510 PS starke V8-Sauger ein Spurtpotenzial von 0 auf 100 km/h in 3,6 Sekunden - und eine Höchstgeschwindigkeit von 320 km/h alle Möglichkeiten.

Selbst Sportwagenignoranten dürften sich kaum für den offiziellen Durchschnittsverbrauch von 15,7 Litern pro 100 Kilometern interessieren. Ernsthaft wird niemand den 430er als gewöhnliches Auto im öffentlichen Straßenverkehr bewegen. Der Scuderia ist ein echter Rennwagen – mit Straßenzulassung. Das gibt die Möglichkeit, der Lust auch auf kurvigen Landstraßen zu fröhnen.

Dass der 430 Scuderia aber auf der Straße an sich nichts zu suchen hat, das sieht man spätestens am Innenraum. Verkleidungen, Teppiche und andere Annehmlichkeiten sucht man vergeblich. Türinnenseiten und Konsolen sind in Handarbeit aus Karbon gefertigt. Die eigens für den Piloten angepassten Rennsitze sind das genaue Gegenteil eines weichen Volvo-Sofas. Trotz Vierpunkt-Gurten und hohen Seitenwangen geht es für einen puristischen Sportler jedoch durchaus noch bequem zu. Dass Ferrari sich die verstellbaren Vierpunkt-Gurte mit einem Aufpreis von 2.415 Euro ebenso fürstlich bezahlen lässt wie den Überrollbügel für 2.820 Euro mag kaum so überraschen wie der Umstand, dass das Paket aus Karbon-Einstiegsleisten und Karbonlenkrad mit den obligatorischen fünf Drehzahldioden auch noch einmal eindrucksvolle 4.725 Euro kostet. Wie teuer Karbonteile wirklich sein können, zeigt sich erst, wenn man sich das Äußere des Scuderia vor Augen hält. Gelb lackierte Bremssättel, Front- und Heckschürze sowie Schweller und Radläufe aus Karbon kosten nochmals 20.545 Euro Aufpreis. Da kann man über die beiden schwarzen Hornet-Streifen auf der Fronthaube für 6.675 Euro nur noch müde lächeln.

Auch daran sieht man, dass Ferrari und seine ebenso finanzstarken wie autoverrückten Kunden in einer anderen Welt leben. Und der 4,3 Liter große Achtzylinder tut alles, um das zu befördern. So realitätsfremd ein Spurt 0 auf exakt 100 km/h im normalen Straßenverkehr auch ist, so wichtig ist er auf dem Rundkurs. Und genau für den ist der 430 Scuderia gebaut. Bei warmen Reifen und entsprechend griffigem Asphalt verspricht Ferrari dafür eine Zeit von unter 3,6 Sekunden.

Doch noch beeindruckender als der Kanonenstart ist die Art und Weise, wie effizient der Scuderia seine Kraft beim heraus Beschleunigen aus engen Kurven auf den Untergrund zaubert. Das seit Jahren in der Formel-1 bewährte elektronische Differenzial wurde mit der fahrzeugeigenen Stabilitätskontrolle fusioniert. Wie früh man bei guter Linie wieder aufs Gas kann, zeigt sich erst, wenn man sich an den dünnen Grenzbereich heran getastet hat. Doch das wichtigste am Ferrari 430 Scuderia sind nicht das elektronische Sperrdifferenzial, das Manettino-Drehknöpfchen für die einzelnen Fahrprogramme am Lenkrad oder das Hochleistungsgetriebe F1-SuperFast2, das seine Gangwechsel in der Geschwindigkeit erledigt, die sein Name verspricht. Viel wichtiger sind die rund 100 Kilogramm, die die Rennversion 430 Scuderia im Gegensatz zu seiner auch schon alles andere als zahmen Straßenversion F 430 abgespeckt hat. Fahrbereit bringt die Rennversion nur noch 1.350 Kilogramm auf die Waage. So hat es eine Pferdestärke mit gerade mal 2,65 Kilogramm zu tun. Kein Wunder, dass einen das auf 510 PS erstarkte Triebwerk in die Sitze presst, als wäre man auf dem Weg in die Umlaufbahn. Das maximale Drehmoment von 470 Nm steht bei 5.250 Touren zur Verfügung.

Entweder man vertraut seinem Gehör oder hat bei dem Blick auf die Straße die LED-Anzeige an der Oberseite des Lenkrades fest im Augenwinkel. Sie zeigt ab 6.500 Touren im 500er-Rhythmus an, dass der nächste Gang in Sekundenbruchteilen mit seinem Arbeitseinsatz beginnt. Die durch die fehlenden Dämmungen erbarmungslos donnernde Drehzahlorgie endet erst bei der Bekanntschaft mit dem Begrenzer, der bei 8.640 Touren den schier endlosen Tatendrang des Ferrari 430 Scuderia jäh unterbricht.

Noch eindrucksvoller als die Beschleunigung ist die Verzögerung des Rennwagens. Kaum zu glauben angesichts der sonstigen Preispolitik, dass Ferrari dem 430 Scuderia eine serienmäßige Hochleistungsbremse aus Karbon und Keramik mit auf den Weg gibt.

Karbon und Keramik sorgen dafür, dass man sich im Grenzbereich besonders spät entscheiden kann, die Reißleine zu ziehen. Hier gilt das gleiche wie beim Beschleunigen Dank elektronisch geregeltem Differenzial: Erst einmal eingefahren, kennt die fahrdynamische Gigantomanie kaum Grenzen mehr. Aussteigen, den Applaus des Publikums an der Tankstelle genießen, auftanken, einsteigen und es geht weiter. Ein bißchen kann man ihn noch genießen. Am Horizont blitzt bereits der neue F 450.
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Quelle: Autoplenum, 2009-06-04

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