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Testbericht

Jürgen Wolff, 25. Juni 2015
Mit einer sportlichen Limousine startet Alfa Romeo sein Comeback. Die Giulia erinnert nicht nur mit dem Namen an alte, glorreiche Zeiten.

Wenn Alfa Romeo tief an die eigene Vergangenheit anknüpfen will, dann bietet sich eine Reise dorthin geradezu an. In Arese, nur ein paar Kilometer von Mailand entfernt, wurden jahrzehntelang die Alfas gebaut. Dort steht auch das neue Museum der italienischen Marke. Dem ging es zuletzt so ähnlich wie der Marke selbst: vorübergehend geschlossen und unter Denkmalschutz. Nun legt man den Neuanfang genau dort zusammen. Das Museum eröffnet frisch renoviert - und Alfa Romeo präsentiert ein neues Auto mit altem Namen, auf das alle schon lange gewartet haben: die neue "Giulia". Glaubt man den Worten von Sergio Marchionne, Chef des Alfa-Mutterkonzerns Fiat/Chrysler, dann dürften bis 2018 sieben weitere neue Modell folgen. 400.000 Fahrzeuge sollen dann jährlich verkauft werden - heute sind es gerade mal 70.000.

Der erste Knall muss der lauteste sein - das wissen auch Marchionne und sein deutscher Alfa-Markenchef Harald Wester. Es muss wieder glänzende Augen geben beim Anblick eines Alfa Romeo. "Ahhh"s und "Ohhh"s. "Moderne Autos", sagt Wester, "sind verwechselbar geworden - viel Technik, null Emotionen." Und er impliziert gleichzeitig: Ein Alfa Romeo darf so nicht sein. Um es gleich zu sagen: Mission erfüllt. Mit der neuen Giulia meldet sich Alfa Romeo eindrucksvoll zurück. Und damit der Rahmen auch stimmt, waren an die 500 Gäste zur Präsentation ins neu eröffnete Alfa Romeo- Museum geladen.

Die Stufenhecklimousine, die es auch als Kombi geben wird und die intern den Code "Tipo 952" trägt, basiert auf einer neuen, auch allradtauglichen Plattform, deren Gene vom Ghibli der Schwestermarke Maserati stammen. Und sie kehrt - hörbares Aufatmen bei den Alfisti - wieder zum sportlichen Prinzip des Heckantriebs zurück. Unter der Haube werden neu entwickelte Vier- (mit 1,4 und 1,8-Liter Hubraum) sowie Sechszylinder (2,5 und 3,0 Liter Hubraum) arbeiten und atmen. Von bis zu 510 PS in einer Alfa Giulia Quadrifoglio Verde ist bei den Benzinern die Rede und einem Sprint von 0 auf 100 km/h in 3,9 Sekunden. Von bis zu 300 PS bei den Dieselaggregaten, die es auch als Vier- und Sechszylinder geben soll. Aus der Gerüchteküche brodelt es, dass auch eine Variante mit einem Ferrari-Motor geplant ist. Gekoppelt werden die Aggregate jedenfalls mit dem automatisierten Sechsganggetriebe TCT. Die Gewichtsverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse ist mit 50:50 ideal.

Optisch orientiert sich die Giulia am aktuellen Alfa-Grunddesign: Vorne dertypische Grill mit dem nach unten spitz zulaufenden und oben vom Alfa-Logo gekrönten Scudetto, zwei üppige, mit schwarzen Rautengitter verblendete Lufteinlässe, weit in die Kotflügel reichende Scheinwerfer, eine stark konturierte , lange Motorhaube mit zwei schwarz vergitterten Lufteinlässen, kurze Überhänge, langer Radstand, coupéhafte Dachlinie, Haifischkiemen hinter den vorderen Radkästen, kurzer Kofferraum und schmale, weit zur Fahrzeugmitte reichende Rückleuchten. Dazu kommen vier in Zweiergruppen angeordnete mächtige Endrohre. Vorne sorgt ein Aero-Splitter für zusätzlichen Abtrieb. Anders als erwartet sind die Griffe der hinteren Türen nicht wie bei diversen Vorgängermodellen versenkt, sondern ganz normal ausgebildet.

Auch der Innenraum ist sorgfältig gestaltet, mit ausgesuchten Materialien - zumindest bei präsentierten 510-PS-Modell mit Bi-Turbo-V6. Zur Bedienung reichen laut Alfa zwei Drehknöpfe auf dem Mitteltunnel. Einer ist für die Auswahl des Fahrmodus von "Race" bis Öko, der andere für die Bedienung des Infotainment-Systems und des Fahrzeugcomputers. Alle anderen wichtigen Bedienknöpfe sind am Lenkrad. Nicht umsonst versucht Alfa Romeo den Neustart mit einem Auto, das auf den Namen Giulia hört. Die "Gulia" ist neben den roten Vorkriegsrennern einer der Legendenkerne, um die herum sich der Mythos der italienischen Automobilmarke aufbaut. Da konnten sich Alfa Romeo und Fiat über die Jahrzehnte noch so sehr mühen, die Marke klein zu kriegen. Dass die Qualität der Alfas über viele Jahre lausig war - die Fans lieben das als Ausdruck der italienischen Gene. Dass die Alfas schneller rosteten, als man den Tank nachfüllen konnte: Kein Fall für den Verbraucherschutz, sondern Zeichen von Individualität und liebenswertem Charakter. Alfas sind halt so.

Dass Alfa seit der originalen Giulia, deren Produktion 1978 nach 17 Jahren eingestellt wurde, kaum noch einen Viertürer hinbekommen hat, der für eine ähnlich hoher Herzfrequenz sorgte - der echte Alfa-Fan verdrängt so was geflissentlich. Arna? Alfasud? Alfa 90? Wie es sich für ein echtes, wahres Liebesverhältnis gehört, werden die Schwächen subtil in Richtung Stammhirn verdrängt. Doch dass auch Alfa durchaus einen wirtschaftlichen Tod sterben könnte, zeigen die vergangenen paar Jahre. Statt einer wenigstens rudimentären Modellvielfalt sind gerade mal zweieinhalb Modellreihen übrig geblieben: Giulietta, MiTo und in homöopathischen Dosen der archaische Sportler C4. Sonderlich erfolgreich ist das Trio nicht: 2014 wurden in Deutschland insgesamt 3.391 Alfa Romeo zugelassen. Selbst ein Lada Niva hat da deutlich mehr aufzuweisen.

Mit der runderneuerten Giulia bekommt Alfa Romeo also eine letzte Chance. "Wir haben einen Reinigungsprozess durchgemacht", sagte Marchionne. Wenn "Julia II" so fährt, wie sie aussieht und klingt - könnte das funktioniert haben: Endlich sorgt wieder ein Alfa für Herzrasen. Einer, der zumindest ein bisschen mit BMW 3er, Audi A4 und Mercedes C-Klasse mithalten kann. Nicht ohne Grund sang Andrea Bocelli, während die Giulia auf die Bühne rollte, "Vincerò" aus der Puccini-Oper "Turandot": "Ich werde siegen!" Die erste öffentliche Bewährungsprobe für Herzschrittmacher und Defibrillatoren wird es auf der IAA im September geben, wenn die Italiener ihre Giulia erstmals ein Bad in der Menge gönnen. Und die zweite dann, wenn sie den Preis verkünden - angeblich geht es knapp unter 30.000 Euro los.
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Quelle: Autoplenum, 2015-06-25

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