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Testbericht

Wolfgang Gomoll, 18. August 2016
VW füllt die Lücke, die der Phaeton in China hinterlassen hat, mit dem Phideon. Der 5,07 Meter lange Luxus-Kreuzer bietet so viel Platz, wie eine S-Klasse. Gekrönt wird das Paket Technik aus dem VW-Konzern zum fairen Preis. Auch wenn echte Innovationen fehlen, kann diese Rechnung im Reich der Mitte aufgehen.

Vor knapp vier Jahren trafen sich Hu Maoyuan und der damalige VW-Boss Martin Winterkorn auf Wunsch des Chinesen zu einem dringenden Gespräch. Der SAIC-Chef und Joint Venture-Partner des deutschen Autobauers erklärte dem allgewaltigen Konzernlenker, dass er in China ein Auto oberhalb des Passats brauche, um langfristig erfolgreich zu sein. Wiko überlegte nicht lange und hob den Daumen. Der Startschuss für den Phideon war abgefeuert. Dass der Name an den Phaeton erinnert, ist kein Zufall, der VW hat mit einer Länge von 5,07-Metern S-Klassen-Ausmaße, ist aber in der oberen Mitteklasse daheim. Das Wachstum hat einen Grund. "Wir haben zwei Millionen Passat-Kunden, denen wir die Möglichkeit zum Aufstieg geben müssen", sagt Holger Santel, heute Vice President SAIC-Volkswagen Sales. Wenn sich die Chinesen ein neues Auto holen, dann muss dieses mindestens eine Klasse höher angesiedelt sein, als der aktuelle Wagen. Wenn der bisherige Hersteller nichts Passendes im Angebot hat, schaut man sich woanders um. Andere Mütter haben auch schöne Töchter - Markentreue, wie man sie aus Deutschland kennt, ist hier noch ein Fremdwort.

Die Aufgabe für den neuen VW ist auch so schon schwer genug. Er tritt im Reich der Mitte gegen den BMW 5er, den Audi A6 und die Mercedes E-Klasse an. Das teutonische Trio dominiert den Markt der Mittelklasse-Limousinen mit einem Verkaufsanteil von rund 75 Prozent. In diese Premium-Phalanx soll der Phideon nach dem Willen eines seiner Schöpfer einbrechen. Dem Ex-VW-Chef Winterkorn war es dem Vernehmen nach ein Dorn im Auge, dass seine Kernmarke kein Premium-Fahrzeug in China im Programm hat. Das ändert sich nun und SAIC-Volkswagen greift ab Anfang Oktober die drei Segment-Bestseller mit einer aggressiven Preispolitik an. Während die teutonischen Platzhirsche bei 400.000 Yuan (gut 53.000 Euro) starten, kostet der günstigste Phideon 359.000 Yuan (knapp 48.000 Euro). Allerdings tobt auch in diesem Segment eine heftige Rabattschlacht. "Das wollen wir nicht und das können wir nicht", sagt Marketing-Chef Jörg Hitpass. Auch ohne Nachlässe bietet der Phideon dem chinesischen Autofahrer einiges: Massagesitze vorne und hinten garantieren Business-Class-Komfort und der Acht-Zoll-Bildschirm erleichtert die Bedienung.

Das Leder des Sitzbezuges wird auch bei der Luxusmarke Louis Vuitton verwendet und die Holzapplikationen im Armaturenbrett stammen von ausgesuchten französischen Oliven-Eschen, die älter als 100 Jahre sein müssen. Die Verarbeitung und der Materialmix erreichen fast Audi-Niveau. Auch wenn man an manchen Schaltern und den konventionellen analogen Rundinstrumenten noch einen Unterschied erkennt. Sensoren überwachen ständig die Luftqualität im Innenraum und zwei Filter der Vier-Zonen-Klimaanlage reinigen diese - angesichts des Smogs, der in den chinesischen Metropolen herrscht, ein sinnvolles Detail. Damit der Lärm auch draußen bleibt, befindet sich eine 0,76 Millimeter dicke Polyvinylbutyral-Folie (PVB) zwischen den Doppel-Glasscheiben. Der Kunstgriff gelingt: Der Phideon ist innen angenehm leise, auch wenn das leichte Knurren des Vierzylinders dennoch vernehmbar ist.

Für Musik-Fans sorgt ein 730-Watt-Dynauto-Sound-System mit 16 Lautsprechern für knackigen Klang. Die geschätzten Passagiere müssen sich nicht einmal anstrengen, die Türe vollständig zu schließen, das besorgt die Elektronik. Damit der Champagner auch immer richtig gekühlt ist, gibt es bei der Top-Ausstattung Flagship auch einen Kühlschrank zwischen den beiden hinteren Sitzen. Der fasst elf Liter und kühlt bis zu minus sechs Grad. "Damit bleibt auch Eiscreme kalt", freut sich Jörg Hitpass. Wenn man die Vollausstattung ordert, steigt der Preis der VW-S-Klasse auf 600.000 Yuan (rund 80.000 Euro).

Die Feinheiten kommen nicht von ungefähr: Der VW Phideon teilt sich die Plattform mit dem Audi A6 und hat modernste VW-Technik und Assistenzsysteme an Bord: unter anderem Nachtsicht, toter Winkel, 360 Grad Kamera, Spurwechsel-Warner und ein Head-Up-Display. Zwei bekannte Motoren stehen zur Auswahl. Der Zwei-Liter Turbo-Benziner mit 165 kW / 225 PS und der Kompressor-Sechszylinder mit drei Litern Hubraum und 220 kW / 300 PS. Im Zusammenspiel mit dem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe geben beide Triebwerke eine gute Figur ab. Der Vierzylinder ist für den hiesigen Großstadtverkehr und entspannte Autobahnfahrten ausreichend kräftig. Allerdings gibt es den kleineren Benziner nur mit Frontantrieb und Stahlfahrwerk, das aber seinen Federungs-Job gut verrichtet. Wer auf Luftfederung und permanenten Allrad besteht, muss zum kräftigeren Modell greifen, das Unebenheiten ebenfalls locker wegsteckt. Da der Phideon zunächst nur für den chinesischen Markt bestimmt ist, ist der Komfort die ganz große Stärke des Newcomers. Sobald es dynamisch zur Sache geht, taucht der gut 1,8 Tonnen schwere Phideon selbst beim Fahrmodus "Sport" beim Anbremsen vorne ein und auch die Lenkung lässt die europäische Straffheit vermissen. Wobei der kräftigere Benziner dank des maximalen Drehmoments von 400 Newtonmetern souveräner wirkt als der kleine Antriebs-Bruder und den Nobel-VW entspannt in 6,1 Sekunden auf 100 km/h und erst bei 250 km/h durch die Elektronik gestoppt wird.

Auch wenn SUVs nach wie vor in China gefragt sind, kann der Phideon trotzdem zum Erfolgsmodell werden. Die Zeiten des überbordenden Bling-Bling des statusbewussten Ich-zeige-was-ich-habe, neigen sich im Reich der Mitte so langsam dem Ende. zu Understatement und Luxus ohne großflächig aufgedruckte Markennamen sind "in". Außerdem geben die Chinesen ihr Geld mittlerweile bewusster aus. Die Zahl der wirtschaftlich wohlhabenden Bürger, die sich keinen sündhaft teuren Importwagen leisten wollen, nur um den Erfolg zu visualisieren, steigt an. Genau diesen Zeitgeist trifft der bezahlbare Phideon mit seinem Luxus-Ambiente und wenn die Plug-in-Hybrid-Version auf den Markt kommt, gibt es noch einen Grund mehr, den VW zu kaufen. Momentan kommen nur die Chinesen in den Genuss des Luxusmobils. Einen Export in andere Märkte schließen die SAIC-VW-Manager nicht aus. "Wenn die Welt danach schreit, werden wir uns nicht verweigern", sagt Holger Santel. Im Visier ist vor allem Südkorea, einer der größten Limousinen-Märkte weltweit, auch wenn VW dort momentan aufgrund der Diesel-Affäre einen schweren Stand hat. Nur Europa soll auf der Phideon-Landkarte ein weißer Fleck bleiben.
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Testwertung
3.5 von 5

Quelle: Autoplenum, 2016-08-18

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