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Testbericht

Michael Gebhardt/SP-X, 27. Januar 2017

Der Winter ist da, und in den Bergen bevölkern wieder Skifahrer und Snowboarder die Hänge. Damit die Alpinisten beste Bedingungen vorfinden, rücken Abend für Abend ganze Horden von Pistenraupen aus um die Abfahrten für den nächsten Tag zu präparieren. Die Männer-Spielzeuge auf zwei Ketten sind allerdings alles andere als umweltfreundlich: Gut 25 Liter Diesel pro Stunde verbrennt eine Schneekatze im Durchschnitt, und pro Saison läuft so ein Pistenbully durchaus an die 1.000 Stunden. Das muss sich ändern, dachte sich Kässbohrer und entwickelte eine Hybrid-Pistenraupe.

„Schon 1997 haben wir den ersten Prototypen in den Schnee geschickt“, erzählt Kässbohrers Chef-Entwickler Michael Kuhn. Bis zur Serienreife dauerte es allerdings eine ganze Weile. Erst 2012 konnte der gut 360.000 Euro teure Pistenbully 600 E+, der sich allein der grünen Lackierung wegen von seinen üblicherweise roten Brüdern unterscheidet, in Kundenhand übergeben werden. „Eher konnten uns die Zulieferer einfach nicht mit den passenden Bauteilen versorgen“, so Kuhn. Damit sind vor allem die starken Elektromotoren und -generatoren gemeint, die trotz der üppigen Dimensionen einer Pistenraupe auf recht engem Platz zwischen den Ketten untergebrachte werden müssen und auch bei tiefen Minusgraden nicht zicken dürfen.

Um zu verstehen, warum der elektrifizierte E+ bis zu 20 Prozent weniger Diesel verbraucht und entsprechend weniger CO2 ausstößt, muss man wissen, wie eine herkömmliche Pistenraupe funktioniert: Unter dem hohen Fahrerhaus steckt ein knapp 13 Liter großer Sechszylinder-Dieselmotor von Mercedes, der nichts anderes macht, als – mit 400 PS und 1.900 Newtonmetern – Hydraulikpumpen in Bewegung zu setzen. Der erzeugte Öldruck wiederum bewegt Hydraulikmotoren, die schließlich auf die Antriebsräder an den beiden Ketten wirken. Im E+ steckt zwar immer noch das gleiche Diesel-Triebwerk, allerdings wirkt der Selbstzünder nicht mehr auf Hydraulikpumpen sondern auf zwei je 140 Kilowatt starke Generatoren. Der dadurch erzeugte Strom fließt – durch orange-farbene Kabel statt Ölleitungen – zu den Fahrrädern der Ketten, wo nun Elektromotoren den Platz der Hydraulikantriebe eingenommen haben.

Die Umstellung von Öl auf Elektronen allein bringt allerdings noch keine große Ersparnis. Die eigentliche Verbrauchsreduzierung erfolgt wie bei Toyota Prius und Konsorten erst durch die Rekuperation. Immer wenn der 600 E+ bergab fährt arbeiten die Motoren an den Ketten als Generatoren und gewinnen Energie zurück. Bleibt nur die Frage, wie man diesen Strom speichert? Wer schon mal sein Smartphone bei Minusgraden benutzt hat, weiß, dass Kälte den Akkus nicht gelegen kommt. „Wir brauchen aber gar keinen Akku“, betont Kuhn stolz lächelnd: „Den Strom verbrauchen wir sofort wieder!“

Jede Pistenraupe zieht hinter sich einen Schneefräse her, die den von den Ketten verdichteten Schnee kleinhäckselt und mit einem Rechen glättet. Für gewöhnlich wird auch die Fräse hydraulisch betrieben, beim 600 E+ aber kommt hier ebenfalls ein E-Antrieb zum Einsatz. Und da die Fräse bis auf die letzten Meter in der Garage immer mitläuft, steht stets ein stromhungriger Verbraucher zur Verfügung. Durch die Nutzung der rekuperierten Energie wird der Dieselmotor entlastet und, voilà, der Spritverbrauch gesenkt.

„20 Prozent sparen wir zwar nicht ganz“, erklärt uns Dolorico, „aber an die 3.000 Liter Diesel pro Saison brauchen wir schon weniger.“ Das amortisiert zwar die Mehrkosten von gut 60.000 Euro nicht so schnell, trägt aber natürlich schon einen großen Teil zum Umweltschutz bei. Dolorico, der studierte Jurist hat vor einigen Jahren die Kanzlei gegen die Skipiste getauscht und steuert inzwischen allnächtlich den Hybrid-Pistenbully über die Hänge des Südtiroler Kronplatz. Hier dürfen wir uns endlich selbst hinters Lenkrad der grünen Schneekatze schwingen – nach einer zugegebenermaßen recht kurzen Einweisung von Dolorico: „Es gibt nur ein Pedal, damit gibst Du Gas. Und wenn Du stehen bleiben willst, lässt Du es einfach wieder los“. Ansonsten interessieren uns nur die paar Tasten auf dem Lenkrad für Vorwärts- und Rückwärtsgang. Die vielen anderen Knöpfchen und Schalter, die das Cockpit rund um den Fahrer ausfüllen, braucht es vor allem für die Bedienung von Schneefräse und -pflug, nicht aber zum Geradeausfahren.

Letzteres allerdings stellt auf den ersten Metern eine gewaltige Hürde dar. Das kleine, Flugzeug-ähnliche Lenkrad arbeitet dermaßen direkt, dass jeder Porsche-Ingenieur vor Neid erblassen müsste. Nicht einmal eine halbe Umdrehung braucht es, schon dreht der Pistenbully eine Pirouette auf der Stelle. Nach ein paar Schlangenlinien aber hat man den Dreh raus und kann den 600 E+ mit ruhiger Hand und optimaler Präpariergeschwindigkeit von 12 km/h den Berg hinauf steuern.   

Auch Dolorico scheint zufrieden zu sein, entspannt sitzt er auf dem Beifahrersitz und fängt an zu schwärmen: „Hörst Du, da scheppert nix“, zitiert er schmunzelnd Ex-VW-Chef Winterkorn. Tatsächlich: Zwar brummelt der große Diesel unter uns schon hörbar, doch insgesamt verhält sich der über neun Tonnen schwere 600E+ ziemlich ruhig. „Der alte Hydraulik-Antrieb war viel lauter“, erklärt uns der Schneekatzen-Fahrer, und auch viel ruppiger sei er gewesen. „Der Grüne hier fährt dagegen viel geschmeidiger und schont nicht nur die Umwelt, sondern auch uns Fahrer!“ 

Pistenbully 600 E+ – Technische Daten:
Zweisitzige Pistenraupe, Länge: 9,13 Meter, Breite: 5,50 Meter, Höhe: 2,88 Meter,  Leergewicht: 9,33 Tonnen (mit Stahlketten)
 
Antrieb:
12,82-Liter-Sechszylinder-Diesel, 295 kW/400 PS, maximales Drehmoment: 1.900 Nm bei 1.300 U/min, Vmax: 20 km/h, Steigvermögen: 100 %, Wenderadius: auf der Stelle, Durchschnittsverbrauch: ca. 20 Liter/h, Abgasnorm: Tier 3 / Euromot 3a, Preis: ab 360.000 Euro

Warum: Weil er deutlich sparsamer und angenehmer zu fahren ist als seine konventionellen Brüder.
Warum nicht: Weil heimische Garage in der Regel zu klein ist.
Was sonst: Aktuell gibt es keine Konkurrenz-Modelle.
Was noch kommt: Kässbohrer arbeitet bereits an der zweiten Generation des 600 E+.

Skifahrer und Snowboarder sind sie wohlbekannt, die roten Pistenbullys, die allabendlich die Hänge präparieren. Von Kässbohrer gibt es inzwischen aber auch eine (nicht nur farblich) grüne Alternative.

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Fazit
Skifahrer und Snowboarder sind sie wohlbekannt, die roten Pistenbullys, die allabendlich die Hänge präparieren. Von Kässbohrer gibt es inzwischen aber auch eine (nicht nur farblich) grüne Alternative.

Quelle: Autoplenum, 2017-01-27

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