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Testbericht

Stefan Grundhoff, 13. Mai 2013
Die neue Mercedes S-Klasse steht in den Startlöchern. Die Luxusklasse schaut nach Stuttgart. Kann die Baureihe W 222 ähnliche Maßstäbe setzen, wie die Vorgängergenerationen?

Der aktuelle 7er BMW hatte der auslaufenden Mercedes S-Klasse der Baureihe W 221 zuletzt zwei Jahre ernsthafte Kopfschmerzen bereitet. Nicht nur in Sachen Fahrdynamik war der 7er längst vorne an. Dazu gab es bayrische Vorteile bei Assistenzsystemen, Antrieb und Konnektivität. Doch die große Stärke der S-Klasse blieb die Historie, die Gunst der frühen Geburt und ihr einzigartiger Name. Als deutsche Konkurrenten noch wirre Träumereien waren, Briten, Amerikaner und Italiener kaum mehr als sehenswerte Luftnummern, bestellte Mercedes-Benz sein Luxusfeld für die nächsten Jahrzehnte. Wer weltweit an eine Luxuslimousine denkt, träumt bis heute von einer Mercedes S-Klasse. Das ist in Südamerika nicht anders als in den USA, Russland, China oder Deutschland.

Die Mercedes S-Klasse war schon immer ein Technologieträger, dazu niemals modisch aber grenzenlos distinguiert. Der Mann von Welt saß im Fond einer S-Klasse, natürlich mir Chauffeur. Trotzdem war die S-Klasse trotz ihres schnöden Schwabenluxus schon immer etwas für Selbstfahrer. Man fährt keinen Mercedes, sondern eine S-Klasse. Die Motorisierung interessierte allenfalls am Rande, denn auch wenn die Basismodelle meist müde ausgestattet waren, wusste man, dass hinter getönten oder gar gepanzerten Glasscheiben Ledersessel und edelste Materialien einen Transfer besonders angenehm machten. Nicht nur Privatpersonen aus Grünwald und Blankenese, sondern in erster Linie Geschäftsleute in leitender Position ließen sich in einer S-Klasse durch die Massen chauffieren. Der ruhende Luxus-Pol im alltäglichen Getümmel. Seit 40 Jahren das gleiche Bild: Ärzte und Bankvorstände lieben den Über-Benz ebenso wie die Drogenbosse in Miami Vice oder Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl. Der Pfälzer ließ auf seine schwer gepanzerten dunkelgrauen S-Klassen der 126er Baureihe seit Amtsantritt 1982 nichts kommen und erledigte seine Staatsgeschäfte nur allzu gerne auf der letztlich etwas abgewetzten Flockvelours-Rückbank im Fond.

Die längst legendär gewordene Baureihe W 116 verzückte lange Jahre nahezu ohne Konkurrenz die oberen zehntausend zwischen Cannes und Los Angeles, Tokio und München. In den USA-Sonnenstaaten Kalifornien und Florida sieht man bisweilen noch heute einige im Originalzustand befindliche Exemplare in Villeneinfahrten stehen. In Europa haben viele ihre Liebe zur damals grenzenlos luxuriösen S-Klasse (stand ehemals für Sonderklasse) entdeckt und sie wieder als Oldtimer zu einem zweiten Leben erweckt. Ihre Geschichte begann 1972 und kostete mindestens 23.500 Mark. Heute beginnt die S-Welt bei 72.000 Euro für den wenig stimmigen Vierzylinder-Diesel. Die standesgemäßen Sechszylinder starten bei 76.000 Euro. Der neue Einstieg in die schöne, schillernde S-Klasse-Welt dürfte sich bei 80.000 Euro auftun.

Das erste "S" bot das seinerzeit machbare und war mit allem Komfort zu bekommen, nur eines hatte er nicht - eine echte Konkurrenz. Jaguar hatte seine luxuriösen aber chancenlosen Katzen, BMW arbeitete mit Hochdruck am ersten 7er und die Konkurrenz aus Italien, den USA oder Frankreich war kaum eine solche zu nennen. Der fast fünf Meter lange, elegant gestreckte Viertürer mit allerhand Chrom außen und Holz innen war die wohl schönste S-Klasse, die es je gab und bot ein Motorenspektrum, das vielen Autobauern Tränen in die Augen trieb. Ging es mit dem 185 PS starken 280 S / 280 SE als Handschalter und Automat schon eindrucksvoll los, brachten 350er und 450 das Herz der automobilen Limousinenfans zum Rasen. Unübertroffenes Luxusmodell war der 450 SEL 6.9, eine fahrdynamische Weiterentwicklung von S 600 und 300 SEL 6.3. Motor und das Automatikgetriebe des Über-116ers hatten das Leistungspotential eines Sportwagens. Technisch war der 6.9 eine S-Klasse für sich. Statt der üblichen 4,5 Liter Hubraum des 450 SEL hat der Achtzylinder Brennkammer mit einem Gesamtvolumen von grandiosen 6,9 Litern. Macht 210 kW / 286 PS und 560 Nm maximales Drehmoment bei 3.000 U/min. Seine Höchstgeschwindigkeit lag bei über 230 km/h.

Als edelste Limousine auf der Welt, wie sich der SEL damals gerne selbst bezeichnete, gab es eine Luxusausstattung vom allerfeinsten. Nicht der übertriebene Pomp der amerikanischen Gegenüber, sondern eine Mischung auf hölzerner Dekadenz gepaart mit Stuttgarter Bodenständigkeit. Auch der 6.9 wusste nur zu gut, aus welchem Stall er kam. Und dass der 450 SEL 6.9 sage und schreibe das Doppelte eines 350 SE kostete, schien die Kundschaft kaum zu stören. Serienmäßig gab es damals neben dem opulenten Platzangebot und der konkurrenzlosen Sicherheitsausstattung Zentralverriegelung, Klimaanlage, elektrische Fensterheber, Scheinwerfer-Waschanlage und die obligatorischen Ohrenkopfstützen. Das alles bot auch die erste S-Klasse mit Dieselmotor. Der müde 300 SD wurde jedoch nur für die USA - und hier insbesondere für den kalifornischen Markt - produziert. Als 450er hielt er Einzug bei den Regierungen dieser Welt.

So viel Pomp und so viel Eleganz hatte der Nachfolger der Baureihe 126 nicht zu bieten. Und doch gilt die zweite Generation für viele Fans als die S-Klasse schlechthin. Von 1979 bis 1991 waren 280 S bis 560 SEL das Maß der Dinge. Elegant, luxuriös und grandios verarbeitet schwören viele auch im Hause des Herstellers bis heute auf ihre wahre S-Klasse. Ein Auto ohne Schwächen, mit allen Extras zu bekommen. Airbags, elektrische und beheizte Sitze vorne und hinten, Klimaautomatik, Autotelefon, Reiserechner und vieles mehr ließen die damaligen Aufpreislisten zu Telefonbuchstärke anschwellen. Serienmäßig gab es nicht viel mehr als Hausmannskost. Trotz opulenter Preise ließ man sich nahezu jede Schraube extra bezahlen und die potente Kundschaft machte es gern; genoss die müden Sechs- und die kraftvollen Achtzylinder. Kultstatus bekam der 500 SE, bis heute für viele der Inbegriff einer S-Klasse. Keine S-Klasse wurde besser verkauft. In den zwölf Produktionsjahren liefen knapp 820.000 Modelle vom Band.

Anfang der 90er Jahre wurde die elegante und geradezu filigran und feminin gezeichnete S-Klasse der 126er Baureihe von einem wahren Panzer abgelöst. Mächtige Dimensionen und ein Erscheinungsbild wie aus einem Robocop-Streifen brachten den Protzbenz W 140 in die Schlagzeilen. Bis die elektronische Einparkhilfe das Zeug zur Serienreife hatte, halfen am Heck ausfahrbare Peilstäbe, das kantige Schlachtschiff in Parklücken zu pressen. Auf Deutschlands Möchtegern-Promi-Insel schlugen die Wellen hoch, als die neue S-Klasse aufgrund Ihrer Breite nicht per Bahntransport über den Hindenburgdamm gebracht werden konnte. Platzangebot, Verarbeitung, Ausstattung und Pomp kannten keine Grenzen. Hightech-Extras wie Xenonlicht, Navigation und beschlagfreie Doppelglasscheiben hielten Einzug und die Personenschützer hatten 500 SEL und 600SEL schnell zu ihren Lieblingsfahrzeugen auserkoren. Bis heute gilt der W 140 als die perfekteste S-Klasse, die es je gab. Bestens verarbeitet und mit gerade noch überschaubarem Aufwand zu reparieren sind die Fuhrparks vieler Regierungen nach wie vor mit dem gepanzerten B6- / B7-Kantholz der Jahre 1991 bis 1998 ausstaffiert. Unter anderem lässt sich Vladimir Putin bevorzugt mit einem seiner zahlreichen S600 Pullman durch die unsichere Welt chauffieren. Erstmals war der als S 300 TD bzw. S 350 TD mit Dieselmotor auch in Europa zu bekommen. Die Schwäche der Motoren führte jedoch nicht in die Herzen der kaufkräftigen Kundschaft. Angesichts eines Leergewichts von rund zwei Tonnen machten 150 bis 170 PS die Selbstzünder-S-Klasse in Buchhalter-Ausstattung zur Premium-Wanderdüne für Sparfüchse.

Nach dem heiß diskutierten W 140 wurde es unspektakulär. Der 1998 vorgestellte Nachfolger W 220 wurde in den verschiedensten Varianten zwischen S 320 CDI und S 600 L angeboten. Die weltweiten Verkaufszahlen unterstrichen, dass das Aushängeschild im Hause Mercedes-Benz in der Luxusklasse trotz verschiedenster Konkurrenzmodelle nach wie vor allein auf weiter Flur stand. Wenn man dem 220er Modell etwas vorwerfen konnte, war es sein allzu dezenter Auftritt. Denn aufgrund der Kritik am opulenten Vorgänger hatte man sich etwas zu stark am schmächtigen C-Klasse-Modell orientiert. Die Gegenwart präsentiert sich mit der neuen S-Klasse wieder etwas standesgemäßer. Das im Herbst 2005 vorgestellte Modell (W 221) vereinte auch Jahre nach seiner Präsentation Eleganz, Luxus und Hightech in sich. Nur der Innenraum und das vergleichsweise zurückhaltende Auftreten kamen zuletzt etwas in die Jahre. Die neue S-Klasse der Baureihe W 222 soll und wird in der Luxusklasse wieder Maßstäbe setzen. Das wichtigste jedoch bleibt. Die S-Klasse ist nach wie vor das, wie sie seit über 40 Jahren ist: das Aushängeschild der begehrtesten Fahrzeugklasse der Welt.
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Quelle: Autoplenum, 2013-05-13

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