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Testbericht

Sebastian Viehmann, 21. Juli 2011
In den 70ern musste Mann Macho sein, in den 80ern durfte er wieder Gefühle zeigen. Sogar Jeep legte den Weichspülgang ein. Der Wrangler verband vor 25 Jahren erstmals Komfort mit urwüchsigem Jeep-Design. Eine Entdeckungsfahrt.

1987 klebte immer noch ganz Deutschland vor der Mattscheibe, als die Schwarzwaldklinik ins schöne Glottertal lockte. Und wenn sich Sascha Hehn alias Udo Brinkmann mit Tennisklamotten in sein Golf Cabriolet schwang, geriet die Damenwelt ins Schwärmen. Doch Hehn war eher der Typ perfekter Schwiegersohn und auf den zweiten Blick genauso harmlos und bieder wie sein Erdbeerkörbchen-Golf mit Überrollbügel. Wer ein wirklich cooles Auto suchte, fand das 1987 im Land der unbegrenzten Möglichkeiten: Jeep betrat in den USA Neuland mit dem Wrangler.

Dem Offroader mit dem goldfarbenen Angeber-Schriftzug auf der Haube möchte man nur eins entgegnen: Die 80er Jahre haben angerufen – sie wollen ihre Klamotten zurück. Das Cockpit stammt unverkennbar aus einer Zeit, in der man mit erdfarbenen Kunststoffen und ähnlich grausam gefärbten Polstern meinte, die Welt zu retten. In der Mitte des Armaturenbrettes reihen sich diverse Zusatzinstrumente wie an einer Perlenkatte auf, alle in kleinen Boxen verschachtelt und so angeordnet, dass man sie während der Fahrt kaum ablesen kann. Für Erheiterung sorgt ein kleiner blinkender Pfeil im Armaturenbrett. Die Schaltempfehlung, heutzutage wieder hochmodern, sollte schon 1987 den Durst des schluckfreudigen Vierzylinders ein wenig verringern.

Doch in den 80ern war der Sprit trotz durchlittener Ölkrisen noch billig, und mit 119 PS aus 2,5 Litern Hubraum kann man im 1,3 Tonnen schweren Wrangler eine Menge Spaß haben. Der 3,8 Meter kurze Kraxler ist das perfekte Offroad-Spielzeug, er wühlt sich spielend durch den Dreck und macht auch auf Asphalt eine gute Figur. Die winzigen Türen und das luftige zeltartige Verdeck sorgen für Cabrio-Feeling.

So leichtfüßig sich der Wrangler auch fährt, ein leichtes Leben hatte er nach seiner Einführung 1987 keineswegs. Jeep war damals im Besitz der American Motors Corporation (AMC). Die war schon mit dem Allrad-Kombi AMC Eagle völlig neue Wege gegangen. Der wachsende Markt der kompakten 4x4-Fahrzeuge verlangte zwar immer noch nach den praktischen Vorzügen der urwüchsigen Jeep CJ-Serie, aber den Kunden stand auch der Sinn nach mehr Komfort und PKW-Qualitäten. Die Antwort war das Ende der CJ-Baureihe und die Vorstellung des Jeep Wrangler (YJ).

Doch AMC hatte nicht mit der Hardcore-Mentalität der Jeep-Fans gerechnet. Manche empfanden allein die eckigen Scheinwerfer als unbeschreibliches Sakrileg. Schnell hatte der Wrangler seinen bösen Spitznamen weg: „Wrongler“ (vom englischen wrong = falsch) wurde er mitunter geschimpft. Jeep war so traumatisiert, dass die kleinen Modellreihen nie wieder eckige Scheinwerfer bekamen. Schon längst schaut der Wrangler wieder aus kreisrunden Augen in die Welt.

Abgesehen von den Scheinwerfern knüpfte die Optik des ersten Wrangler nahtlos an den legendären Vorgänger CJ an. Die Grundform und die offene Bauweise blieben gleich. Mechanisch allerdings hatte der Wrangler mehr mit dem Cherokee gemeinsam als mit dem CJ-7, was dem Fahrwerk und der Straßenlage sehr zugute kam. Es gab mehrere Ausstattungsversionen, darunter Laredo und Sahara. Anstelle des 2,5 Liter großen Vierzylinders konnte man auch einen 4,2 Liter großen Sechszylinder ordern, der deutlich mehr Drehmoment zu bieten hatte. Optional war der Motor mit einer Dreigangautomatik zu haben. 1991 erschien der Renegade, der mit extremen Kotflügelverbreiterungen und vergitterten Zusatzscheinwerfern allerdings hässlich wie die Nacht war und ein echtes Angeber-Spielzeug für Spätpubertierende.

Im August 1987 stand Jeep mal wieder ein Besitzerwechsel bevor. AMC wurde vom Chrysler-Konzern geschluckt. AMCs Offroad-Abteilung und damit die Marke Jeep war zweifellos das Sahnestück dieses Geschäfts, und auch der Wrangler musste sich keine Sorgen machen. Denn selbst wenn er nicht bei allen Fans beliebt war, die Verkaufszahlen stimmten: Der Wrangler YJ wurde bis 1996 mehr als 630.000-mal gebaut. 1997 folgte die TJ-Reihe, die wieder im vollen Retro-Look inklusive Rundscheinwerfern daherkam, auch wenn die Technik des Wagens zu 80 Prozent neu war. Der aktuelle Wrangler wurde 2007 auf die Räder gestellt und kürzlich wieder umfangreich überarbeitet.

Trotz mancher Komfortextras und der viertürigen Version Unlimited lebt der Wrangler genau wie der Land Rover Defender bis heute die Rolle des puristischen Offroaders. Die Rubicon-Modelle haben als i-Tüpfelchen elektrisch entkoppelbare Querstabilisatoren an Bord, für noch mehr Achsverschränkung im Gelände. Damit wäre dann auch der letzte Verdacht auf Weichspülerei ausgeräumt.
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Quelle: Autoplenum, 2011-07-21

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