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Testbericht

Jürgen Wolff, 11. April 2014
Ein Rasenmäher mit 110 PS - sowas kann nur von der Insel kommen: der Mean Mower von Honda ist schnell. Und erfordert von seinem Fahrer besondere Qualitäten. Übergewicht gehört nicht dazu.

Es hätte so schön werden können. Ein Kindheitstraum geht in Erfüllung: Nicht nur ein paar Runden auf einem Rasentraktor drehen, sondern gleich auch noch auf einem weltmeisterlichen, auf Hondas Mean Mower. Doch das steht noch immer auf dem Wunschzettel. Und nein, es liegt nicht wirklich nur am Hüftgold. Eher daran, dass in der Welt des Rennsports mittlerweile nur noch hinters Lenkrad passt, wer für den Job als Jockey als zu klein durchfällt.

Denn es mag alles gewaltig, stark und groß sein an Hondas wildem Mäher - der Pilotensitz ist es nicht. 50 Zentimeter liegen zwischen den Seitenwangen der Hartschale Marke Cobra. Ideal für Ben Coles, der normalerweise dort sitzt - aber weit entfernt von den Normalmaßen eines Mitteleuropäers. Und wie der Sitz, so die Sitzhaltung. Bei mehr als 1,80 Meter Körpergröße hocken selbst Hänflinge nur noch unnatürlich verquer gefaltet zwischen Lenkrad, Sitz und Gaspedal. Das ist dann irgendwo unter dem rechten Knie zu erahnen. Mehr als ein paar hundert Meter sind so nicht wirklich drin. Da helfen auch das Geschüttel und die Gravitationsgesetze nicht weiter: Nicht jeder Wackelpudding ist in jedes Förmchen zu pressen.

Dennoch: Es gibt Zeitgenossen, die passen auf den Renn-Mäher - und haben außer ein paar blauen Flecken sichtlich Spaß dabei. Vor dem Aufstieg wird allerdings erst einmal eine Verkleidung fällig: Motorradoverall, Handschuhe und Integralhelm sollen vor den unangenehmen Begleiterscheinungen des Ausritts schützen, Der Mower klebt zwar in der Regel eisern auf dem Asphalt und macht auch bei einem rasanten Start keine Anstalten, mit den Vorderrädern hoch zu steigen - aber bei den möglichen Kurvengeschwindigkeiten ist ein Überschlag zumindest nicht ausgeschlossen. Der Verbindungsdraht zu einem roten Totmann-Schalter am Armaturenbrett sorgt dafür, dass sich der Motor automatisch ausschaltet, sobald niemand mehr auf dem Renngerät sitzt. Sollte es mal zu heiß werden: Ein Feuerlöscher ist ebenfalls eingebaut. Wer den 2,48 Meter langen und 1,26 Meter breiten Mean Mower fahren will, der muss sich auf einen rabiaten Antritt einstellen. Nahezu niemand, der ihn nicht schon beim ersten Startversuch wieder abwürgt, sobald der Motor die ersten Töne ausspuckt. Doch allmählich gewöhnt man sich an den unwilligen Mähgeist. Und - der bleibt an.

Auf den ersten Blick sieht Hondas böse Mähmaschine aus wie ein gewöhnlicher Rasentraktor HF 2622. Der ist irgendwie nett, wirkt ein bisschen pummelig und fristet sein Leben mit der Pflege großer Rasenflächen. Der Komfortsitz ist breit und fast schon bequem, die 19 PS seines 4-Takt-Benzinmotors mit zwei Zylindern reicht aus, um ihn gemächlich mit maximal 8,2 km/h über die Wiese traben zu lassen. Zwei Messer kappen in dem 6.100 Euro teuren Rasenpfleger die Halme auf 122 cm Breite. Es soll Freizeitgärtner geben, denen der gutmütige HF 2622 schon mal im Traum erschienen ist.

Der Mean Mower ist dagegen eher für Alpträume gut. Entwickelt vom britischen Motorsportteam Dynamics, sieht er zwar ähnlich aus wie der HF 2622 - das war\\\'s dann aber auch schon. Das Chassis besteht aus Chrom-Molybdäm-Stahl. Unter der Haube brodelt der Motorad-4-Takter der VTR 1000F Firestorm und jagt 110 PS bei optimal 9.000 U/min. an die Heckachse. Das Fahrwerk mit speziellen Radaufhängungen und einem völlig neu konstruierten Rahmen ist extra so aufgebaut, dass es den enormen Kräften gewachsen ist, die da wüten. Die Räder - vorne 6 x 10, hinten 10 x 10 - stammen von einem Quad ATV. Bei einem Leergewicht von 140 Kilogramm kommt der Mäher damit auf ein Leistungsgewicht von 540 PS pro Tonne. Ein Porschefahrer kann davon nur träumen. Von nichts kommt nichts: Dynamics hat in der BTCC zwei Honda Civic laufen. Die Gänge werden bei Hondas kleinem Monster über zwei Tasten am Sparco-Lenkrad eingelegt. Na ja, wenn man das so nennen mag. Bei jedem Gangwechsel knallt das sequenzielle 6-Gang-Getriebe lautstark, als ob der Rasenmäher gleich auseinander fliegt und führt die Kette, die vom Motor zur Hinterachse läuft, an die Grenze der Belastbarkeit. Dazu züngeln Immer wieder mal Flammen aus der Sidepipe von Scorpion. 98 Dezibel haben die Honda-Leute gemessen.

Der Start selbst ist schon gesundheitsgefährdend: Ein Kick aufs Gaspedal - der Mean Mower springt nach vorne. Es bleibt kaum Zeit, die Halsmuskeln anzuspannen, damit der Kopf bei diesem Raketenstart nicht nach hinten geschleudert wird. Sensibilität ist seine Sache nicht. Keine vier Sekunden braucht der Rasenmäher, um aus dem Stand auf Tempo 100 zu sprinten. Die meisten Porsche können es auch nicht besser. Die Höchstgeschwindigkeit des Rasenmähers liegt - "geschätzt" - bei über 210 km/h. Bei seiner Weltrekordfahrt auf der spanischen Teststrecke Idiada wurden 187,6 km/h gemessen - 47 Sachen mehr, als der vorherige Rekordhalter erreichte.

Den Honda-Rüpel zu fahren ist nicht nur beim Start und für Hals und Nacken harte Arbeit - in jeder Kurve wird auch die Armmuskulatur gefordert. Servolenkung? Ach wo. Immerhin zirkelt der Mean Mower präzise um jede Kurve. Der Mäher fährt sich wie ein GoKart - nur deutlich schneller und mit mehr Krafteinsatz.

Neben einfach nur schnell sein kann der Mean Mower auch, was ein Rasenmäher können sollte: Rasen mähen. Abseits der Piste ist er mit gebremsten 25 km/h unterwegs. Unter einer Fiberglasabdeckung rotieren zwei Schneidemesser mit 4.000 U/min. und kappen die Grashalme. Nicht gerade eine komfortable Veranstaltung: Mangels Federung wird jeder Maulwurfshügel zur Herausforderung fürs Steißbein. Wenn der Mean Mower abseits der Wiese unterwegs ist, wird das Mähwerk in der Regel ausgebaut. Übrigens: Ben Coles schwört Stein und Bein, dass die Idee zum Mean Mower nicht im Pub beim sechsten Glas Bier entstand, sondern ganz seriös am Arbeitsplatz.
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Quelle: Autoplenum, 2014-04-11

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