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Testbericht

Sebastian Viehmann, 6. September 2010
Der Mustang Boss 302 wird Fords wildestes Rennpferd im Stall. Doch er bleibt ein Neuaufguss – das Original versprüht auf der Asphalt-Weide seinen ganz eigenen Charme.

Grazil und unschuldig galoppiert das Pony über den Kühlergrill, doch das täuscht gewaltig. Denn unter der Haube dieses 40 Jahre alten Ford steckt ein echtes Biest. Der Mustang Boss 302 mit seinem hochdrehenden Fünfliter-V8 gehört zu den heißesten Asphaltfräsen, die je unter dem Namen Mustang vom Band gerollt sind. Die grelle Lackierung im Farbton „Grabber Orange“ wird von einer schwarz abgesetzten Motorhaube und reflektierenden Rallye-Streifen an den Seiten gekrönt. Der Wagen stammt aus dem Fundus von Legendary Motorcar, einem der bekanntesten Händler und Restaurationsbetriebe für US-Klassiker.

Hinter dem Steuer blüht Bill DeBlois von Legendary Motorcar sofort auf. „Der Boss ist viel leichtfüßiger als ein klassisches Muscle Car“, versucht der Mustang-Experte den bollernden Sound des V8 zu übertönen. Bill tritt aufs Gas, rupft am Hurst-Shifter – dieser T-förmige Schalthebel war ein beliebtes Extra beim Boss-Mustang – und mit einem satten Klick wird der nächste Gang eingelegt. Schon bei Tempo 80 ist er im vierten Gang angelangt. „Der Motor läuft einfach fantastisch bei hohen Drehzahlen“, ruft Bill begeistert. In Kurven liegt das 1,5 Tonnen schwere Autos satt auf der Straße, auch wenn das Heck bei forscher Gangart schnell leicht wird.

Über die kleinen Schönheitsfehler des Mustang, etwa die Löcher im Dachhimmel, sieht Bill hinweg. „Der Wagen bleibt so, wie er ist“, sagt er. Der 40 Jahre alte Boss 302 kann sich über einen unrestaurierten Originalzustand freuen, wie man ihn heute nur noch selten findet. So muss man für den Wagen natürlich auch mehr auf den Tisch legen als für einen normalen Mustang: Rund 40.000 US-Dollar kostet der Boss, umgerechnet rund 31.000 Euro.

Der Boss ist ein typisches Kind der leistungsverliebten 60er und frühen 70er Jahre. 1969 war der Ford Mustang, der Vater aller „Ponycars“, sichtbar in die Breite gegangen. Auch unter der Haube hatte sich das Pony reichlich Speck angefuttert. Hubraum-Rausch und PS-Gier brachten Hochleistungsmodelle wie den Shelby GT-500 oder den Mach 1 Cobra Jet mit sieben Litern Hubraum und 395 PS hervor. Fords Ponycar war kein sportliches Kompaktauto mehr, sondern ein kraftstrotzendes PS-Monster.

Der Chef auf der Weide sollte jedoch der Mustang Boss werden, und hinter dem stecken persönliche Rachegelüste. An der Spitze von Ford stand damals Semon E. „Bunkie“ Knudsen. Er verlieh nicht nur Autos wie dem berühmten „Knudsen“-Taunus eine charakteristische Frontpartie mit spitzer Chrom-Schnauze, sondern wollte auch seinem früheren Boss eins auswischen: Knudsen war bis 1968 ein hohes Tier bei General Motors gewesen und hatte dort auf den Chefposten gehofft. Als man ihn überging, wechselte er gefrustet zu Ford. Im Gepäck hatte er natürlich auch die Zukunftspläne seines alten Brötchengebers. Knudsen wollte GM nun gleich zeigen, wer der Boss im Haus ist, und mit Ford die Rennsport-Konkurrenz in Grund und Boden fahren.

Den Anfang machten Rekordfahrten mit drei Mustang Mach 1 auf einem Salzsee in Utah, deren Erfolge Ford werbewirksam ausschlachtete. Der nächste Schritt war der Mustang Boss 429, der für die amerikanische NASCAR-Rennserie homologisiert wurde. Der Wagen mit der imposanten Lufthutze hatte einen sieben Liter großen Bigblock-V8 unter der Haube. Der eigentliche Clou war jedoch der Mustang Boss 302 mit Smallblock-V8, den Ford 1969 und 1970 bei der Trans Am-Serie ins Rennen schickte. Der Wagen bekam eine schwarz abgesetzte Motorhaube und einen seitlichen Zierstreifen mit dem „Boss 302“ Logo. Die Mission war erfolgreich: Während im Jahr 1969 noch Chevrolet bei den Trans Am-Rennen die Nase vorn hatte, stand 1970 endlich der Mustang in seiner Klasse ganz oben auf dem Treppchen.

Der Smallblock-V8 hatte 4950 Kubikzentimeter Hubraum und leistete nach der amerikanischen SAE-Norm offiziell 290 PS. Das war allerdings weit untertrieben, geschätzt wurde die Leistung auf rund 400 PS. Dieses Understatement war nötig, damit Boss-Besitzer ihre Autos im Zuge schärferer Versicherungsbestimmungen überhaupt noch bezahlbar auf die Straße bringen konnten. Der Motor hatte einen Holley-Vierfachvergaser und Aluminiumkrümmer, härtere Stoßdämpfer für eine bessere Straßenlage und ein manuelles Vierganggetriebe. Für die extrabreiten Reifen mussten die Radläufe erweitert werden. Die Höchstgeschwindigkeit lag je nach Übersetzung bei 190 bis 214 Km/h.

Ford will das Erbe des Boss 302 jetzt ausschlachten und 2011 eine Neuauflage auf Basis des Mustang GT anbieten. Der Fünfliter-V8 wird auf 440 PS aufgeblasen, der Wagen ist tiefergelegt und hat ein härteres Fahrwerk. Im Gegensatz zum Original, dessen geballte Kraft ohne jegliche Fahrhilfen auf die Hinterachse losgelassen wird, hat der neue Boss Traktionskontrolle und ESP an Bord. Wer dem Power-Pony ordentlich die Sporen geben will, kann die elektronischen Helferlein allerdings ausschalten.
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Quelle: Autoplenum, 2010-09-06

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