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Testbericht

Stefan Grundhoff, 1. Dezember 2011
Ford legt den spektakulärsten Mustang aller Zeiten wieder auf. Der Boss 302 bietet ohrenbetäubenden V8-Sound, grandiose Fahrleistungen und ein unglaubliches Suchtpotenzial. Mit ihm geht es nicht – und ohne schon gar nicht.

Für echte Ford-Fans beginnt die Mustang-Zeitrechnung erst im Jahre 1969. Hier brachte der Autohersteller aus Dearborn seinen ersten Mustang Boss mit bulligem V8-Power auf den Markt – und schuf mit dem "302" eine Legende. Die lässt das Blue Oval jetzt wieder aufleben. Der aktuelle Boss 302 ist zwar weder der stärkste noch der schnellste Mustang aller Zeiten – doch wohl das schärfste Gefährt, das im Land der unbegrenzten Möglichkeiten derzeit ohne Waffenschein zu bekommen ist. Denn nicht der sehenswerte Auftritt mit düsteren Streifen rundum, einer schwarzen Kappe und fetten 19-Zöllern ist die eigentliche Schau. Der Genuss einen Ford Mustang Boss 302 zu bewegen, beginnt mit einem Dreh des Zündschlüssels. Dann erwacht der fünf Liter große Achtzylinder mit einem Brüllen zum Leben. Der Kunde hat die Wahl – und zwei Schlüssel. Der zahme, silberfarbene Schlüssel ist für den Alltag. Auf dem zweiten Schlüssel in kernigem Rot lassen sich zahlreiche Motorkonfigurationen für den Renntrimm abspeichern. Sinnlos, aber einfallsreich. Es scheint, als sei die Mehrleistung von 32 PS im Vergleich zum normalen Mustang V8 mit seinen alles andere als müde trampelnden 412 Pferden unter der langen Motorhaube 1:1 in den Motorsound gegangen. Bei 7.400 Touren hat der Boss-Pilot 444 Pferde am Zügel. Lust pur.

Der Ford Mustang Boss 302 macht seinem Namen nicht nur durch das tosende Gebrüll alle Ehre. Ein paar unmotivierte Gaspedalstöße lassen die Nachbarschaft aus den Betten fallen und bringen ein ganzes Stadtquartier in Aufruhr. Der Klang lässt vermuten, dass dieser Mustang keine Gefangenen machen will. Der fünf Liter große Achtzylinder leistet Dank geänderter Motorelektronik, neuer Einlässe und der vierflutigen Sportabgasanlage, die in zwei Rohren ausläuft, ein maximales Drehmoment von 515 Nm, das bei 4.500 U/min zur Verfügung steht. Wem das Gebrüll nicht reicht: mit wenig Aufwand lässt sich der Mustang Boss 302 auf Sidepipes umrüsten. Dann wird der Auftritt – auch akustisch – noch imposanter.

Die mäßige Schallisolierung im Innenraum des Boss 302 ist alles andere als langstreckentauglich. So lärmt der Achtender innen nahezu genauso schamlos tosend wie von außen. Gerade erst reckt ein Mittzwanziger an der Tankstelle den Daumen hoch – "great car" tönt er dem amerikanischen Kraftprotz entgegen, wohl wissend, dass der Fahrer diese Anerkennung akustisch nur erahnen kann. Der von Ford in Aussicht gestellte Normverbrauch zwischen 10 (Autobahn) und 14 (Innenstadt) Litern Superkraftstoff wird schon deshalb ad absurdum geführt, weil der Mustang seinen Piloten auf jedem Meter animiert, das Beste aus ihm heraus zu holen. Das Beste sind Leistung, Vortrieb und Sound – unter 15 bis 18 Litern ist daher nichts zu machen. Dafür lassen die Fahrleistungen keine Wünsche offen. 0 auf 100 km/h in 4,2 Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit von über 250 km/h bringen einen abseits offizieller Rennstrecken in den USA langfristig ins Gefängnis und der Officer freut sich über einen neuen Wagen im Beschlagnahme-Fuhrpark.

Wer die Freude und die Identifikation der Umgebung mit dem schärfsten Mustang der Neuzeit sieht, fragt sich, wieso Ford Europa um diesen Sportler einen derart weiten Bogen macht. Ein echtes Imageprodukt haben die Kölner nicht im Hause und so sollte man sich durchaus überlegen, ob der zugegeben US-geneigte Mustang nicht auch für das europäische Ansehen ein Hauptgewinn wäre. Mit Fiesta, Focus oder gar dem Mondeo ist kein Staat zu machen. Hier wäre der Mustang gerade als imagereiche Boss-302-Version ein Generalangriff. Vorne und hinten wurde der US-Kraftprotz tiefer gelegt. Zudem gibt es ein einstellbares Fahrwerk, wenn es doch einmal auf Verbrecherjagd in den Straßen von San Francisco oder auf die Rennstrecke gehen sollte.

Wer ESP und Traktionskontrolle abschaltet, hat am Steuer des Mustangs noch mehr Freude, reitet jedoch eine geölte Kanonenkugel. Gerade im Grenzbereich ist der Amerikaner kein frommes Lamm, sondern ein wilder Mustang, der mit Lenkung, Gas- und Bremspedal gezähmt werden will. Besonders die rustikale Hinterachse gibt sich im Grenzbereich gerne zickig. Haben die 285er-Pneus jedoch erst einmal Temperatur aufgenommen und hält der Fahrer den rechten Umgang mit der Pferdehorde in Händen, ist der Ford Mustang Boss 302 eine Fahrmaschine. Mit kräftigem Oberschenkel bereitet die Kupplung den nächsten Schaltvorgang vor, der mit der schwarzen Billardkugel in der rechten Hand kraftvoll abgearbeitet wird. Eingekuppelt und der V8 brüllt wieder mit dem verzückten Piloten um die Wette. Die Brembo-Hochleistungsbremsanlage sorgt für den rechten Biss vor der nächsten Kehre, wenn Gaspedal und Alcantara-Steuer zum Taktstock des automobilen Dirigenten werden. Mit kaum einen Auto ist es leichter, den teuren Pirelli-P-Zero-Reifen den Garaus zu machen. Ohne ESP zaubert der Boss mit seinem 302 Kubik-Inches großen Triebwerke nicht enden wollende Gummischnüre auf den Asphalt.

Der Innenraum zeigt sich im gewohnt preiswerten Mustang-Look. Das Interieur aus mäßigem Hartplastik fällt im Vergleich mit dem sehenswerten Äußeren in schwarz, orange, rot, blau gelb oder weiß und den markigen Kontrastflächen deutlich ab. Dazu gibt es voluminöse Details wie Frontschürze, Heckspoiler, schwarze Felgen und eine mehr als sinnvolle Differenzialsperre. Die optionalen Recaro-Sportsitze sind ungewöhnlich weich, trotzdem bequem und tragen ebenfalls nicht zum wertigen Erscheinungsbild des Innenraums bei. In den beiden Sitzschalen im Fond können sich allenfalls Kinder tummeln, denen man einen spaßigen Nachmittag bereiten möchte.

Der Ford Mustang Boss 302 ist ein Spielzeug für echte Kerle. Dafür haben die Ingenieure aus Dearbon nicht nur die Motorleistung auf 444 PS angehoben, sondern auch fünf Kilogramm Dämmmaterial aus dem Viersitzer herausgeholt und ganze Wochen auf Rennstrecken wie dem Legendenkurs von Laguna Seca verbracht. Wer sich in den bollernden Sound oberhalb von 4.000 Touren verliert, um den ist es geschehen. Dann kennt der Fahrspaß keine Grenzen. Insbesondere weil der Boss nach europäischen Maßstäben ein echtes Schnäppchen ist. 40.310 Dollar heißen umgerechnet nicht einmal 30.000 Euro. Unglaublich, dass man so viel Auto, so viel Coupé, so viel Tradition und so viel Fahrspaß für die Hälfte eines BMW M3 bekommen kann. Wem einer der 3.250 geplanten Ford Mustang Boss 302 zu langweilig ist: Ford legt als Erinnerung an den legendären Laguna-Seca-Sieg von Parnelli Jones im Jahre 1970 mit seinem schulbus-gelben Mustang eine Laguna-Seca-Sonderserie mit 750 Stück auf. Für knapp 48.000 Dollar. Was für ein Schnäppchen.
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Testwertung
5.0 von 5

Quelle: Autoplenum, 2011-12-01

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