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Testbericht

Marcel Sommer, 19. März 2015
Der Ford Anglia startete vor rund 75 Jahren in eine ungewisse Zukunft. Sein Gastauftritt bei Harry Potter hat ihm zu Weltruhm verholfen.

Es ist schwierig, sich einen schlimmeren Zeitraum vorzustellen, als den, der für die Vorstellung des neuen Ford Anglia vor rund 75 Jahren gewählt wurde. Denn nur wenige Wochen bevor er zum ersten Mal vom Band rollt, erklärt Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg. Wie viele Wochen nach dem 3. September 1939 nun die eigentliche Produktion startet, ist nicht ganz klar. Warum der Name Anglia den Vorgänger Ford Eight beziehungsweise Ford 7Y ablöst, liegt da schon etwas offensichtlicher. Aus dem Neulatein frei übersetzt bedeutet Anglia nichts anderes als England - ein klares Statement zu Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Schon damals sind sich die Verantwortlichen jedoch bewusst, dass solch ein patriotisch anmutender Name für ein Automobil nicht ewig wären kann. Schon gar nicht, da es in Belgien zusammengesetzt wird. The Quebec Chronicle and Telegraph schreibt folgerichtig am 17. Januar 1968: "Der Name Anglia ist zu britisch." The Montreal Gazette ergänzt am Tag darauf: "Ford sagte, sie werden den Namen Anglia ersetzen, weil er für Europäer zu Englisch klingt". Und so kommt es, dass Ende der 60er Jahre aus dem Anglia der Escort entsteht. Während der sehr patriotischen Produktionszeit bringt Ford insgesamt 1.594.486 "Engländer" auf die Straße.

Der Mittelklassewagen aus England wird bis zur Produktionseinstellung im Jahr 1968 in vier Modellgenerationen auf die Straßen gelassen. Bis 1948 heißt der schwarze, zweitürige Viersitzer Anglia E04A. 55.807 Exemplare werden von ihm produziert. Der Nachfolger wird bis 1953 unter dem Namen Anglia E494A 108.878 Mal gebaut. Winker und ein zweiter Scheibenwischerarm gehören nun zur Serienausstattung. Mit dem Anglia 100E kommen zum ersten Mal die drei Jahre zuvor im Ford Consul ihre Premiere feiernden MacPherson-Federbeine zum Einsatz. 345.841 gefertigte Einheiten später, erblickt der Star der Modellfamilie das Licht der Welt: der Ford Anglia 105E.

Schon auf den ersten Blick fällt das sehr polarisierende Äußere auf. Eine der auffälligsten Neuheiten ist ohne Zweifel die Heckscheibe. Anders als bei nahezu jedem anderen modernen Fahrzeug ist sie, wie auch die Windschutzscheibe, nach vorn geneigt. Die Ingenieure aus dem Hause Ford schaffen somit mehr Kopffreiheit im Fond und ganz nebenbei eine auch im Winter klare Scheibe. Denn weder Schnee noch Regen erreichen dank der zurückgesetzten Position ihre Oberfläche - und der Heckscheibenwischer ist zu dieser Zeit noch den Konzeptfahrzeug-Ingenieuren und Luxus-Fahrzeugen vorbehalten. Für den Antrieb des 105E stehen im Laufe seiner Produktionszeit zwei Motoren zur Wahl. Der von Anfang an erhältliche 1,0 Liter große Reihenvierzylinder-Benzinmotor leistet 40 PS. Das später eingesetzte 1,2 Liter große Aggregat bringt 49 PS auf die Straße. Es kursieren allerdings auch Videos im Internet, in denen ein Ford Anglia mit einem V8-Triebwerk ausgestattet wurde - Serie war dies natürlich nicht.

Die erreichbare Höchstgeschwindigkeit von rund 70 Meilen pro Stunde, sprich 112 Kilometer pro Stunde, wirkt sich beim Anglia nicht gerade positiv auf die Sicherheit aus. Der Bremsweg von 74 Metern und eine sich aufschaukelnde Karosserie sorgen bei einer Vollbremsung nicht gerade für Glücksgefühle. Doch warum sich mit einem fahrenden Ford Anglia zufrieden geben, wenn es auch anders geht? Der Anglia mit dem Nummernschild 7990 TD gelangte auf anderen Wegen zu Weltruhm. Im Film Harry Potter und die Kammer des Schreckens nutzen Ron Weasley und der berühmteste Zauberlehrling der Welt den kleinen, blauen und natürlich auch verzauberten Wagen von Arthur Weasley für einen irrwitzigen Aus-Flug (hier zu sehen: http://goo.gl/YJXc5x). Warum ausgerechnet dieses Modell erwählt wurde, liegt daran, dass Harry Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling als Jugendliche den Ford Anglia eines Schulfreundes nutzen durfte, um aus ihrer ländlichen Wohngegend wegzukommen. Der Original-Film-Anglia ist 2006 gestohlen worden und später an der Burg Carn Brea Castle wiedergefunden worden - und das, obwohl er über keinen Motor verfügt.

Und noch ein fiktiver Filmstar wird mit dem kleinen Ford in Verbindung gebracht, wenn auch nur mit weniger guten Erinnerungen. Im Spielfilm 007 jagt Dr. No aus dem Jahr 1962 wird der britische Geheimagent Strangeways direkt zu Anfang auf Jamaika in einem Anglia zur Strecke gebracht. Wesentlich mehr von seinem Ford Anglia hatte der Beatles-Star George Harrison. Kurz nach seinem 17. Geburtstag und der erfolgreichen Führerscheinprüfung gönnte sich der spätere Superstar den kleinen Briten und verpasste ihm das Nummernschild 935 MPF. Später tauschte er den Ford gegen einen standesgemäßen Jaguar.
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Quelle: Autoplenum, 2015-03-19

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