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Testbericht

Marcel Sommer, 9. Juni 2016
Eine Fahrt im neuen BMW M6 GT3 gleicht einer Schulstunde in einer rasenden Zwangsjacke.

Die Lebens-To Do-Liste eines Mannes ist lang - auch ohne die nichtjugendfreien Passagen. Zu den größten Dingen zählt in so manchem Leben der Traum einmal ein echtes Rennauto über eine Rennstrecke zu pilotieren. Natürlich mit allem Drum und Dran. Sprich Rennanzug, Datenanalyse und ordentlich viel Dampf unter der Haube. Wer über ausreichende Geldmittel verfügt, der kann sich nun diesen Traum selbst verwirklichen, indem er sich einen 451.010 Euro teuren BMW M6 GT3 in die Garage stellt. Warum nicht davor? Ganz einfach: Das neben dem Rolls-Royce Phantom teuerste Fahrzeug der BMW Gruppe ist ein reinrassiger Rennwagen ohne Straßenzulassung. Was nicht heißt, dass es keine Gleichteile zwischen ihm und dem Serien-Sportwagen gibt. Der 4,4 Liter große Achtzylinder in V-Formation basiert auf dem S63-Serienmotor und wurde nur leicht modifiziert. Bis zu 585 PS werden in seinen acht Brennkammern entfesselt und an die angetriebenen 18 Zöller unter dem beflügelten Heck geleitet. 125 Liter Treibstoff kann der unter 1.300 Kilogramm schwere Sportler mit sich führen. Bei 24 Stundenrennen ein nicht zu vernachlässigender Fakt. Das weiß auch BMW Motorsport Direktor Jens Marquardt: "Der BMW M6 GT3 ist der wirtschaftlichste GT-Sportwagen von BMW aller Zeiten: mit deutlich geringeren Einsatzkosten gegenüber dem Vorgänger BMW Z4 GT3 - und das bei gesteigerter Performance."

Sollte sich auch ohne die Investition von gut einer halben Million Euro solch eine Gelegenheit dann irgendwann einmal im Leben tatsächlich ergeben, kann es dennoch passieren, dass sie so schnell wieder verfliegt wie sie gekommen ist. Denn ein Rennwagen ist nicht für jedermann gebaut. Oder anders formuliert: Wer zu groß, zu dick oder zu langsam ist, kommt hier nicht rein. Der Rennschalensitz eines Rennwagens verzeiht keine langjährigen Überdosen an Süßigkeiten, Grillgut und Bier. Wer seinen Hunger in den letzten Jahren besser im Griff hatte, wird seine erste Sitzprobe nicht mehr vergessen. Denn was die Augen im Inneren eines GT3-Boliden entdecken, muss erstmal verdaut werden. Da wäre zum einen das Lenkrad. Zehn Knöpfe und zwei Schaltwippen schreien förmlich nach Benutzung. Ob Traktionskontrolle, Scheibenwischer und sogar Scheibenheizung oder ein Schuss warmes, stilles Trinkwasser - hier lässt sich vieles verändern und noch mehr verstellen. Als wenn die Knöpfe am Lenkrad nicht schon genug wären, kommen noch eine 16 Schalter umfassende Schalttafel, drei Drehknöpfe, zwei Kippschalter, ein Feuerlöscher-Knopf und ein Start-Knopf hinzu. Letzterer kommt nicht nur bekannt vor. Er ist es auch. Denn der Knopf mit der Aufschrift Start Stop Engine ist neben dem Motor das gefühlt einzige Serienbauteil des BMW M6 GT3. Ein kurzer Check noch, ob der Bremsdruck in Höhe von 70 bar erreicht und die Erklärung, wie denn gleich das Monster zum Leben erweckt werden kann, treibt die ersten Schweißperlen auf die Stirn.

So richtig schweißtreibend wird es aber zum ersten Mal während der Ankleidung. Unterwäsche, Rennanzug, Schuhe, Handschuhe, Ohrstöpsel mit integrierten Lautsprechern, die Sturmhaube mit dem netten Namen Balaklava sowie Helm inklusive HANS-System wirken nicht nur kuschelig warm. Sie sind es auch. Nur gut, dass nahezu alles feuerfest ist. Wieder im M6 GT3 Platz genommen, ertönt das Kommando "Raus!" Maximal sieben Sekunden darf eine Notevakuierung dauern. Wer jetzt glaubt, dass er in sieben Sekunden normalerweise ein- und auch wieder aussteigen würde, der hat noch nie in einem Rennwagen gesessen. Die ungefähre Reihenfolge, die zum erfolgreichen und auch schnellen Ausstieg führt lautet: Funksprech-Kabel abziehen, Armauffang-Netz ausklinken Gurt lösen, im Zweifel das Lenkrad abziehen, auf den roten Tür-Auf-Buzzer kloppen, irgendwie raus aus dem Karren und vorn neben der Motorhaube aufstellen. Wer diese Reihenfolge flott liest, braucht dafür in etwa genauso lange wie ein Rennfahrer für ihre Ausführung. Danach heißt es: alles wieder auf Anfang.

Die Startprozedur eines GT3-Fahrzeugs ist sowohl in der Theorie als auch in ihrer Praxis ein Kinderspiel. Zwei Kippschalter und ein Druck auf den Serien-Knopf später und der Münchener erwacht aus seinem Tiefschlaf. So einfach die Erweckung auch ist, so schwer ist für ungeübte Piloten das Einlegen des ersten Gangs. Nach drei, vier oder mehr lautstarken Motor-Verendungen ist er drin. Was auf den ersten Metern bereits auffällt, ist die Tatsache, dass einem GT3-Fahrzeug Geschwindigkeiten unter 60 Kilometern pro Stunde nicht zu liegen scheinen. Holpernd und rotzend geht es auf die Strecke. Doch was dann folgt, ist pure Kraftentfaltung. Ob Beschleunigen oder Verzögern, der BMW M6 GT3 beherrscht alle Disziplinen. Nach nur wenigen Gangwechseln schießen einem die Tipps von Rennfahrer Lucas Luhr durch den Kopf: "Versuch gar nicht erst den Schaltpunkt zu antizipieren. Schalte, wenn die LEDs blinken." Recht hat er. Durch den Rennhelm und die Ohrstöpsel wirkt die Geräuschkulisse so gedämpft, dass die jahrelange Pkw-Erfahrung einfach ad acta gelegt werden kann. Ein Rennauto zu fahren, heißt der Technik zu vertrauen. Und der Physik, wie sich nach den ersten Runden und der darauf folgenden Datenanalyse zeigt.

"Du hast am Ende der Start-Ziel-Geraden 50 Meter früher als Lucas gebremst. Oder anders formuliert: Lucas fährt 50 Meter länger Vollgas. Und die lange Links fährt Lucas im vierten Gang voll. Da bist Du im Dritten. Denk dran, Du hast es hier mit einem Abtriebsauto zu tun. Der hält Dich schon am Boden." Tja, das ist mal Physik-Stoff, der hängen bleibt. Und so geht es zum zweiten Mal raus auf die Strecke. Während der imaginäre Engel auf der linken Schulter zur Vorsicht rät, scheint das Teufelchen an der rechten Schaltwippe zu ziehen und den vierten Gang zu fordern. Mit dem Gefühl "das war die letzte Linkskurve Deines Lebens" presst sich der BMW mit fast 200 Sachen an den Asphalt. Eindrucksvoller kann kein Physikunterricht der Welt sein. Doch es wird noch besser. Nach der langen Start-Ziel wird der aus Tempo 230 gefühlt eine Wagenlänge vor der scharfen Rechtskurve erst der Anker geworfen. Denn was die Physik und der BMW bei Lucas Luhr zulassen, müsste doch eigentlich auch bei einem Anfänger klappen. Und tatsächlich: Mit dem Gefühl das Bremspedal durch die markanten Nieren des 4,94 Meter langen Boliden zu treten, verzögert er so brachial, dass die Augen für einen kurzen Augenblick Kontakt mit dem Visier des Helms aufnehmen wollen. Bemerkenswert ist dabei, dass das ABS den Wagen so ruhig und in der Spur hält, als wäre das Bremsmanöver von einem Kleinkind eingeleitet worden.

Während solch eines Rennwagen-Erlebnisses offenbart sich zudem eine ganz ungewöhnliche Erfahrung. Wird bei rasanten Autobahnfahrten stets auf das Tempo geachtet und womöglich damit am Ende sogar geprahlt, rückt es in einem Rennwagen nahezu gänzlich in den Hintergrund. Denn entweder ist man schnell, oder nicht. Im Fokus des Fahrers liegen vielmehr der anliegende Gang und das von grün ins rot changierende Drehzahlband. Dass im vierten Gang bei knapp 6.000 Touren rund 200 Kilometer pro Stunde anliegen, wissen aber erfahrene Piloten natürlich schon nach wenigen Kilometern. Ein Grund mehr, dass die Tempo-Anzeige nur sehr klein ausfällt. Sie wird hingegen sehr wichtig, wenn es heißt "ab in die Box". Denn schon ein kurzer Blick auf genau diese Anzeige offenbart sehr schnell, dass die gefühlte Geschwindigkeit nach solch einer Tempohatz von der real gefahrenen um mindestens 30 Kilometer pro Stunde nach unten hin abweicht. Der Tempomat in Form des Pitlane Speed Limiter wird da schnell zum besten Freund des Rennfahrers. In der Box angekommen, folgt die erneute Analyse. Und siehe da: Wer der Physik vertraut gewinnt.
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Quelle: press-inform, 2016-06-09

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