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Testbericht

Stefan Grundhoff, 26. August 2011
Träumerei oder Schreckensvorstellung? BMW macht den Traum vom autonomen Fahren wahr. Eine Technologieflotte von Fahrzeugen fährt ohne aktives Tun des Piloten. Der Fahrer schaut unbeteiligt zu und kann nur noch staunen.

Schlagerbarde Henry Valentino schmetterte in den späten 70er Jahren seinen Hit „im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen….“. Irgendwie wollte der singende Henry die klapperige Ente vor sich nicht überholen und fuhr ihr gedankenversunken hinterher. So scheint es an diesem Vormittag auch dem silberfarbenen 5er BMW zu gehen. Mit Tempo 85 schleicht der Prototyp aus der Münchner Entwicklungsabteilung von BMW der Kolonne von Lastwagen hinterher. Das fehlende Überholinteresse liegt jedoch keinesfalls an einem verträumten Fahrer oder daran, dass gerade Henry Valentino alias Hans Blum aus dem Hightech-Soundsystem der Oberklasse-Limousine säuselt. Der Fahrer des 5er BMW hat seine Macht längst aus den Händen gegeben. Auf der Autobahn A9 zwischen München und Ingolstadt fährt der BMW autonom, heißt ohne aktives Zutun der Person auf dem Fahrersitz.

Bis zum Autobahnkreuz Neufahrn hatte der menschliche Pilot noch Gewalt über das Auto. Mit einem Druck auf einen Taster am Lenkrad war es mit der personifizierten Herrschaft dann auf einmal vorbei. Zwei Rechner im Kofferraum übernahmen die Geschicke im turbulenten Verkehr auf der A9 Richtung Norden. Zwei Jahre hat die BMW-Abteilung Forschung und Entwicklung unter der Leitung von Professor Raymond Freymann an diesem System gearbeitet. Das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen. Der BMW aus der Prototypenflotte sieht abgesehen von ein paar Antennen und Sensoren aus wie ein ganz normaler Fünfer; fährt jedoch völlig ohne Zutun des Fahrers auf der Autobahn. Er lenkt, bremst, bleibt in der Spur und hat sich den BMW-Slogan „aus Freude am Fahren“ scheinbar noch nicht in die Festplatte gebrannt. Denn ob nun mit oder ohne Henry Valentino und der ebenfalls an diesem Liedchen beteiligten Schlagerkomparsin Uschi ist der Tatendrang des 5er BMW überraschend zurückhaltend.

„Es geht uns nicht darum zu zeigen, dass der Wagen autonom fährt“, erteilt Professor Raymond Freymann allen Gedanken an eine automatisierte Autozukunft zumindest aus BMW-Sicht eine Absage, „es geht uns allein um die Unfallvermeidung und das Thema autonome Aktion, um das Fahren sicherer zu machen.“ Auch wenn der BMW nach zwei Jahren Entwicklungszeit ein früher Prototyp ist, könnte einem hinter dem sich stetig selbst drehenden Steuer angesichts der intelligenten Automatismen Angst und Bang werden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Bereits nach wenigen Kilometern fühlt man sich in dem von einem Computer gesteuerten Auto wohl wie in Abrahams Schoß. Man plaudert mit seinem Beifahrer, den Personen auf der Rückbank und könnte ein paar Mails auf dem Blackberry beantworten. Sogar Gedanken an automobilen Fernsehkonsum kommen auf. So entspannt in Nürnberg oder gar Frankfurt ankommen? Schnell noch ein paar Akten durcharbeiten? Ein Traum. Das Sicherheitsgefühl ist beeindruckend und wird allenfalls durch zwei nachhaltige Bremsmanöver gestört, ohne dass ein Grund ersichtlich ist. „Hier hat der Computer wohl angenommen, dass der Lastwagen auf der rechten Spur herausziehen wollte“, erläutert Helmut Spannheimer aus dem Bereich Fahrerassistenzsysteme entschuldigend.

Dafür, dass der BMW derart automatisiert und ohne Zutun des Fahrers seine Wege zieht, dafür sorgen eine Vielzahl von Sensoren. So wird das Umfeld des Autos per Radar, Laser und Kamera überwacht. Zudem kann der Wagen mit korrigierten GPS-Daten bis auf ein paar Zentimeter genau berechnen, wo und wie er unterwegs ist. „Wenn eines der Systeme einmal keine exakten Daten liefert, springen die anderen Systeme ein“, so Helmut Spannheimer . Einer der beiden Computer im Kofferraum verarbeitet diese Daten in Echtzeit. Ein zweiter, unabhängiger Rechner sorgt für das Fahren des Autos. Er bremst, gibt Gas, blinkt oder schert aus. Überholen ist die Sache des Systems jedoch nicht. Ein Grund ist die freiwillige Selbstbeschränkung auf Tempo 120. Heißt, der BMW setzt nur dann völlig automatisch den Blinker und zieht auf die linke Spur, wenn der Abstand zum Hintermann groß genug ist, dass dieser nicht bremsen muss. Zeitgleich wird akribisch der Sicherheitsabstand zum Vordermann gehalten. Rechtlich alles gut und schön, doch gerade im Alltagsverkehr auf der A9 weitgehend sachfremd. So dümpelt der 5er mit beeindrucktem, aber leicht zerknirschtem Fahrer oftmals länger hinter trägen Lastwagen seine Bahnen. Hier bleiben einem allenfalls die Klänge von Henry Valentino.

„Wir haben uns überlegt, wo ein automatisiertes Fahren am sinnvollsten wäre“, erinnert sich Freymann, „in der Stadt bringt es nicht viel und auf der Landstraße hat man das Problem des Gegenverkehrs. Daher haben wir mit der Autobahn angefangen.“ 2.000 Kilometer sind die Handvoll Prototypen in den letzten Monaten im Realbetrieb auf der Autobahn gefahren. Hinzu kommen 5.000 Kilometer am Simulator – ohne einen Unfall oder eine brenzlige Situation. Das Sicherheitsgefühl, das einem vermittelt wird, ist groß auch wenn es an Engstellen, Autobahnkreuzen und in Baustellen noch Probleme geben soll. „Daran arbeiten wir aktuell“, sagt Professor Raymond Freymann, „insbesondere die älteren Leute stehen bei den Entwicklungen im Vordergrund. Sie sollen mobil bleiben und keine Angst vor dem Straßenverkehr haben. Dieses System schenkt ihnen mindestens fünf Jahre Mobilität.“ Netter Nebeneffekt: das automatisierte Fahren funktioniert auch bei Regen und in der Nacht. Trotzdem soll es als Autobahn-ACC oder Langstrecken-Tempomat in den nächsten Jahren keinen Einzug in die BMW-Aufpreislisten halten. „Ein solches Komfort-ACC ist nicht geplant“, erklärt Dirk Wisselmann aus dem Bereich Forschung und Entwicklung, „doch eine automatisierte Längs- und Querführung des Fahrzeugs ist durchaus denkbar.“ Bleibt abzuwarten, ob der Fahrer zukünftig noch die Zügel in Händen halten kann oder will.
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Quelle: Autoplenum, 2011-08-26

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