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Testbericht

Marcel Sommer, 6. Oktober 2011
Bei der AMG Driving Academy kann jeder in die Rolle eines richtigen Rennfahrers schlüpfen. Mit dem SLS GT3 geht es mit Vollgas in Richtung Rennlizenz.

Es ist früher Nachmittag in Groß-Dölln. Einem Örtchen, das ähnlich dem sagenumwobenen Schlumpfhausen, irgendwo versteckt im tiefen Wald und fern ab von jedem Mobilfunkmasten zu liegen scheint. 70 Kilometer nördlich von Berlin wurde hier vor wenigen Jahren ein ehemaliger russischer Militärflughafen zu einem Fahrtrainingszentrum verwandelt. Unter anderem bietet hier AMG einen Teil seiner Driving Academy an, so wie das SLS AMG GT3 Warm-Up. Für 4.500 Euro dürfen sich die solventen Kunden an zwei Tagen in einem richtigen Rennwagen wie richtige Rennfahrer fühlen. Am Ende, sofern sich der Wohnsitz in Deutschland befindet und die Instruktoren das Ja- Wort erteilen, erhalten die Teilnehmer als Bonbon die DMSB Rennlizenz National A.

Bereits kurz nach der Ankunft kommt es bei der Einweisung und Sitzprobe im SLS AMG GT3 zum ersten Gänsehaut-Feeling. Ein Auto, das beim bloßen Anschauen schon abzuheben scheint. Vorn eine Frontlippe, die gut als Rasenmäher fungieren könnte, an den Seiten fette Auspuffrohre und auf dem „Kofferraum“ eine Heckflosse, bei der selbst Moby Dick noch vor Neid erblassen würde. Dass die Sitzprobe bereits ein Teil des Fitness-Checks sein soll, ist zwar nur ein Gerücht, doch Personen, deren Körperbau stark von dem eines grazilen echten Rennfahrers abweicht, wissen spätestens beim gemeinschaftlichen Abendessen, was sie den Tag über getan haben. Schnell wird klar, dass der morgige Tag mehr als nur ein bloßes Autofahren in einem schnellen Auto wird. Der Respekt und auch ein wenig die Angst vor dem fahrenden Karbon-Biest hält so manchen Teilnehmer noch Stunden später im Hotelbett wach.

Das modular aufgebaute SLS AMG GT3 Masters besteht aus vier Stufen: Experience, Warm-Up, Training und Competition. Während die AMG-Kunden bei der ersten Stufe, der Experience, zwar schon im GT3- Fahrzeug fahren, aber stets einem Vorausfahrzeug folgen müssen, dürfen sie in der zweiten Phase bereits über eine freie Strecke rasen – mit dem Trainer auf dem Beifahrersitz versteht sich. Den Höhepunkt stellen erste Wertungsprüfungen innerhalb der Competition dar. Doch davon sind die Teilnehmer in Groß-Dölln noch weit entfernt.

Der zweite Tag beginnt mit einem gemütlichen Aufwärmprogramm in einem SLS Serienfahrzeug. 420 kW / 571 PS haben noch nie so „egal“ geklungen wie an diesem Tag. Normalerweise würde sich jeder der maximal zwölf Teilnehmer des Warm-Ups einen Arm dafür ausreißen lassen um wenigstens ein paar Runden mit dem Flügeltürer auf der neu errichteten Rennstrecke zu fahren. Doch hier ist alles etwas anders. Es wartet ja schließlich ein echtes Rennauto darauf, sicher durch die engen Kurven pilotiert zu werden. Sicherheit steht während der zweitägigen Veranstaltung im Übrigen ganz oben auf dem Tagesplan. Dabei wird von den Instruktoren sowohl auf die physische als auch die psychische Verfassung ihrer Schützlinge geachtet. Bei den ungewohnt hohen Fliehkräften, die auf den Körper wirken, soll und darf es keine Schande sein, die eine oder andere Runde weniger als andere gefahren zu haben.

Es ist soweit. Der Rennanzug über der feuerfesten Unterwäsche sitzt wie eine zweite Haut. Die verkabelten Ohrstöpsel sind auf Tuchfühlung mit dem Innenohr. Der Helm und das aus der Formel-1 bekannte HANS- System verengen das Sichtfeld. Der Einstieg und das Anschnallprozedere verlaufen wie in Trance. Ein letzter Blick ins Gesicht des erfahrenen Rennfahrers auf dem Beifahrersitz und der Motor wird angelassen. Die Welt steht still und vibriert zugleich. Beim Einlegen des ersten Gangs fühlt sich der Fahrer in die Fahrschulzeit zurückversetzt. Mit einem lauten Klacken hat das Getriebe die richtigen Zahnradpärchen gefunden und vereint. Der 6,2 Liter V-8 brodelt unterhalb der gigantisch wirkenden Motorhaube. Das 4,71 Meter lange Monster rollt auf die Boxenausfahrt zu. „Denk an den riesigen Wendekreis. Jetzt nur nicht die erste Kurve versauen“, düst es durch den Kopf des Fahrers. Geschafft.

Ab jetzt sorgen der linke Fuß einzig und allein für die Verzögerung vor den Kurven und der rechte Fuß für das Aufheulen des Motors. Die anfänglichen Kommandos des Instruktors beschränken sich auf „Gas“ und „Bremsen“, wobei das erste Kommando im Verständnis des Fahrers zu früh und das „Bremsen“ viel zu spät kommt. Doch schon innerhalb des ersten Durchgangs, der aus fünf Runden besteht, wird das Vertrauen in das Material, sprich in die Bremsen und die Reifen, spürbar größer. Im zweiten, dritten oder auch vierten Durchgang wird die Unsicherheit durch eine stetig steigende Verbissenheit ersetzt, die nur in den seltensten Fällen mit einem Ausritt ins Grün endet.

In den Pausen zwischen den Stints können die Teilnehmer sich entweder von einem professionellen Datenauswerter ihre fahrerischen Stärken und Schwächen aufzeigen oder auf einer Massagebank einfach die Seele baumeln und erste Verspannung herauskneten lassen. Essen und Trinken steht natürlich zu jedem Zeitpunkt bereit, was dem einen oder anderen an diesem Tag jedoch völlig egal ist, da er sich mehr darauf konzentrieren muss, den Mageninhalt zu behalten und nicht noch aufzustocken. Bevor es jedoch zu ernsthaften Ausfällen kommen kann, ist der Renntag normalerweise schon vorbei. Die 70 Kilometer lange Rückfahrt zum Flughafen verbringen die einen völlig geschafft mit geschlossenen Augen, die anderen tauschen sich über ihre Zukunft als Rennfahrer aus oder freuen sich über das erste Lebenszeichen ihres Mobiltelefons. Was für ein Tag.
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Quelle: Autoplenum, 2011-10-06

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