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Testbericht

Sebastian Viehmann, 13. Februar 2012
Schlaghosen-Alarm! Zum 40-jährigen Geburtstag des 5er BMW geht es auf Spritztour mit dem golfgelben 528. Eine Zeitreise in die wilden 70er, als BMW sein Revoluzzer-Image auslebte und trotzdem ganz oben ankam.

"Verehrte gnädige Frau, sehr geehrter BMW Freund!" Im politisch korrekten Unisex-Stil begrüßt die Betriebsanleitung des BMW 528 seine PilotInnen. Schließlich befinden wir in den 70er Jahren. Vor nicht allzu langer Zeit haben manche Frauen ihre BHs verbrannt, sind in Kommunen gezogen und praktizieren zur Freude der Männerwelt freie Liebe. Doch das starke Geschlecht eiert in den wilden 70ies etwas hilflos zwischen anbiederndem Softie-Getue und lässigem Macho-Gehabe hin und her.

Auch der erste 5er BMW hat ein bisschen was von beidem. Groß und komfortabel ist er, familientauglich und nicht so hart wie die flotten Renner der 02er Reihe. Doch unter der Haube ist Freude am Fahren angesagt. Ein Sechszylinder mit 2788 Kubikzentimetern Hubraum und 165 PS freut sich auf seinen Einsatz. Ab August 1976 stockte BMW die Leistung auf 170 PS auf – doch die Spritzigkeit des 176 PS starken 528i lässt der 528 mit Vergasermotor ein wenig vermissen. Der Wagen aus dem BMW-Museum ist dazu mit einem Dreigang-Automatikgetriebe ausgerüstet.

Doch wenn man aufs Gas tritt, schiebt der Reihensechser die 1,4 Tonnen Auto mit Nachdruck an. Jetzt kann man auf der Landstraße den Macho raushängen lassen: Schlaghose und Batik-Hemd sitzen hauteng an, die getönte Sonnenbrille bedeckt gefühlte 80 Prozent des Gesichts. Da fällt es nicht so auf, wenn man den ultrakurzen Rock der jungen Dame auf dem Beifahrersitz mit den Augen abtastet.

Der Sechszylinder brüllt aus Leibeskräften, man muss das Radio lauter drehen, damit das ohrenbetäubende "Michaeeelaaa" von Bata Illic auch voll zur Geltung kommt. Mit Inbrunst legt sich die golfgelbe Limousine in jede Kurve, geht dabei spürbar in die Knie. Eine reinrassige Sportskanone ist der erste 5er zwar nicht, doch kaum eine Mittelklasselimousine verbindet Reisetauglichkeit so perfekt mit Fahrspaß wie der elegante Wagen aus München. Fast 700.000 Käufer schätzen von 1972 bis 1981 diese Kombination und legen nebenbei den Grundstein dafür, dass sich der 5er in den folgenden Generationen zu einem der beliebtesten Dienstwagen für schnelle Handlungsreisende entwickelt.

BMWs damaliger Designchef Paul Braq hatte dem Wagen klare, fast nüchterne Linien mit auf den Weg gegeben. Die Konkurrenten hießen Mercedes Strich-Achter und Audi 100. Vor allem der Benz konnte den kantig-eleganten Linien des 5er nur ein altbackenes Gelsenkirchener Barock auf Rädern entgegensetzen.

Als der 5er im Olympiajahr 1972 auf den Markt kam, feilte BMW gerade an einem neuen Image. Komfort und Raumangebot rückten stärker in den Mittelpunkt, ohne die Freude am Fahren zu vergessen. Schließlich wollte man Mercedes überflügeln, was bislang allenfalls in Sachen Fahrspaß gelungen war und keineswegs in Sachen Image oder Qualität. Wenn BMW im 5er Prospekt also vom "Schritt in die automobile Sonderklasse" schwadronierte, war das reichlich dick aufgetragen. "Der 5er fährt dem Standard voraus", verhieß eine Zeitschriftenanzeige, denn: "Nur das bessere Automobil ermöglicht den besseren Fahrer". Noch sorgten solche Sprüche in Sindelfingen nicht für Panik.

Doch der 5er kam an beim Publikum. Im Vergleich zum etablierten Daimler war BMW die jüngere, hippere Marke. Selbst die Vorliebe des wild durch die Gegend schießenden RAF-Terroristen Andreas Baader für schnelle BMWs sorgte für ein gewisses Revoluzzer-Image. Manche BMW-Piloten klebten sich den Sticker "Ich gehöre nicht zur Baader-Meinhof-Gruppe" aufs Auto, weil sie das Gefühl hatten, öfter als andere bei Polizeikontrollen herausgewunken zu werden. Die weißblauen Marketing-Strategen spielten sogar mit diesem Bad Guy-Image: "Die Revolution von oben" titelte 1973 eine Anzeige für den 525 und schoss nach: "Er sprengt die bestehende Klassenordnung."

Alles andere als klassenkämpferisch war der Preis der Münchner Limousine. Bei 14.490 D-Mark ging es 1972 mit dem 115 PS starken 520 los, der ab 1975 erhältliche 528 kostete satte 22.530 Mark. Das flügellahme Basismodell 518 mit 90 PS erschien 1974. Reichlich Fahrspaß boten die Einspritzer-Modelle 520i (125 PS) und 528i (176 bis 184 PS) – letzterer rannte in neun Sekunden von 0 auf 100 km/h und schaffte 210 km/h Spitze. Ganz oben in der Nahrungskette rangierte der M 535i mit seinem 218 PS-Sechszylinder, der Vorläufer des ersten M5.Wer heute einen originalen 5er der ersten Serie sein Eigen nennen möchte, muss lange suchen. Zwar ist das Preisniveau relativ niedrig und die Nachfrage nicht groß, aber auch das Angebot ist dünn gesät. Ähnlich wie für die Limousinen der Serie E3 gilt: Viele der schlecht vor Rost geschützten Autos haben die 70er Jahre nicht überlebt. Gerade 1500 Exemplare sollen noch auf deutschen Straßen rollen.
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Quelle: Autoplenum, 2012-02-13

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