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Testbericht

Wolfgang Gomoll, 17. Oktober 2013
Mit dem Twingo gelang Renault vor 20 Jahren ein absoluter Überraschungs-Coup: Der kleine Franzose vereinte die Variabilität eines Vans mit der Wendigkeit eines Kleinwagens. Vor allem clevere Details wie die verschiebbare Rückbank begeisterten die mehrheitlich weiblichen Käufer.

Ach ist der niedlich. Diese Augen, einfach süß!" Als der Renault Twingo 1992 beim Pariser Autosalon erstmals verträumt ins Scheinwerferlicht blinzelt, kannten die Begeisterungsstürme der weiblichen Autofahrer ob des Kindchen-Schemas des 3,43 Meter langen Kleinwagens kaum Grenzen. Ein Jahr später durften die Damen dann ihren neuen Liebling auch tatsächlich bewegen. Das taten sie gerne. Rund zwei Drittel Twingo-Fahrer waren weiblich. Das ist eine ganze Menge, da die erste Generation weltweit rund 2,5 Millionen Mal verkauft wurde. Auch in Deutschland entwickelt sich der pfiffige Frauenversteher zum Kurzzeit-Gast in den Verkaufsräumen der Autohäuser: Während den 15 Jahren, in denen der Twingo fast unverändert vom Band lief, gingen immerhin 517.000 Exemplare über den Ladentisch. Und die Erfolgsstory ist noch nicht zu Ende: Im kolumbianischen Envigado wird der erste Twingo bis heute produziert.

Das knuffige Aussehen war eine Sache, Variabilität und Praktikabilität eine andere. Was so spielerisch anmutet, war in Wahrheit das Resultat von viel Gehirnschmalz und Kreativität. Der Name Twingo ist ein Phantasiewort des Werbetexters Manfred Gotta. Die Bezeichnung, die aus den beiden englischen Worten "Twin" (zwei) und "go" (gehen, laufen, fahren) klang nicht nur lautmalerisch frisch, sondern ist auch Programm. Der Twingo war nämlich eine Kombination aus Minivan und Kleinwagen und damit seiner Zeit weit voraus. Das Monospace-Konzept der Karosserie, bei der im Gegensatz zu klassischen Stufenheck-Limousinen die Trennung zwischen Innenraum und Kofferraum entfällt, erwies sich als gelungener Schachzug.

Eine Kombination aus langem Radstand (2,34 Meter), der Breite von 1,63 Meter und der durchaus bemerkenswerten Höhe von 1,42 Meter machten den Twingo zum Raumwunder. Selbst große Zeitgenossen fanden in der vermeintlichen "Schuhschachtel" Platz. Der Clou ist die um 17 Zentimeter in Längsrichtung verschiebbare Rückbank: Jetzt haben die Insassen die Wahl zwischen viel Fußraum im Fond und einem vernünftigen Kofferraumvolumen von 261 Litern. Tres bien. Die französischen Marketingstrategen zogen bei dem vielseitigen Kleinwagen alle Register: Neben knalligen Farben und Sondereditionen gab es auch ab 1994 alle zwei Jahre eine Twingo-Mode-Kollektion.

Bei den Motoren und Ausstattungsvarianten herrschte dagegen Minimalismus: Ab Werk wurde nur ein betagter Motor mit 1239 Kubikzentimeter Hubraum und 55 PS angeboten. Die Ausstattungsoptionen beschränkten sich auf die Klimaanlage und das sehr beliebte Faltdach. Später gab es eine Frischzellenkur, die das Aggregat auf 60 PS hoben und dazu einen neueren 1,2-Liter-Motor mit 16 Ventilen und 75 PS, mit dem der 900 Kilogramm leichte Twingo auch mehr Schmackes hatte. Im Laufe der Jahre wurde auch die Ausstattung zeitgemäß, es gab solche Annehmlichkeiten, ,wie ein CD-Radio, Leder und auch weitere Airbags. Wer es gemütlich wollte, griff zum Twingo "Easy" mit einem halbautomatischen Schaltgetriebe.

Doch wie es im Leben so ist: Das Neuere ist der Feind des Guten. Deswegen wurde 2007 die zweite Twingo-Generation ins Leben gerufen, die zwar nicht mehr den unverwechselbaren Charme des Erstlings hatte, aber ein deutlich moderneres Auto war. Die Kulleraugen waren dem Design-Bleistift zum Opfer gefallen und breitere Radkästen sorgten für ein bulligeres Auftreten. Die puren Abmessungen belegten den optischen Eindruck. Der Twingo II war 17 Zentimeter länger (3,60 Meter), zwei Zentimeter breiter (1,65 Meter) und sogar fünf Zentimeter höher (1,47 Meter). Eins blieb aber gleich: Die Variabilität. Schließlich verpflichtete das Erbe des erfolgreichen Urahns. Also war die Rückbank verschiebbar. Wer wollte, konnte mit zwei Einzelsitzen echtes Lounge-Feeling aufkommen lassen. Beließ man die Rückbank in vorderster Stellung, wuchs der Kofferraum auf 285 Liter an. Legte man die Lehne um, waren es bis zu 959 Liter.

Bei den Motoren hat die Artenvielfalt ebenfalls zugelegt. Zum Start hauchte ein 100-PS-Turbo dem Frauenliebling Testosteron ein. Mittlerweile gibt es neben den normalen 1,2-Liter-Benziner-Varianten, die jeweils 75 PS haben, auch eine besonders "grüne" Version und einen 86-PS-Diesel. Natürlich ist auch das "Quickshift"-Getriebe weiter im Programm. Dass auch die Ausstattung erwachsener geworden ist, versteht sich von selbst. Bluetooth-Anbindung, Stereo-Anlage und ein Tempomat sind auf Wunsch an Bord. Bei aller Maskuliniasierung vergisst Renault die weiblichen Fans des pfiffigen Frauenverstehers nich: Mit verschiedenen Dekors kann sich die Dame des Hauses ihren "Kleinen" ganz nach Wunsch herrichten.

Eine ganz besondere Art wird einem Bestseller der Rhombus-Marke 2011 zuteil: Als erstes Auto bekommt der Twingo bei einer Modellüberarbeitung das neue Renault-Gesicht mit schmalen Kühlergrill und dem prominent und zentral platzierten Markenlogo. Der Erfolg des kleinen Franzosen setzt sich fort, wenn auch aufgrund der gewachsenen Konkurrenz, in etwas reduziertem Maße. Bis Ende letzten Jahres sind in 48 Ländern fast 770.000 Exemplare der zweiten Generation vom Band gelaufen.
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Quelle: Autoplenum, 2013-10-17

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