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Testbericht

Sebastian Viehmann, 25. Mai 2010
Alfa Romeo feiert den 100. Geburtstag. Die Marke hat viele Höhen und Tiefen erlebt. Ein Blick zurück auf ein Jahrhundert voller Design, Tempo und Emotion.

Aller Anfang ist schwer – das gilt auch für Alfa Romeo. Bevor nämlich 1910 das erste Automobil, der A.L.F.A 24 HP, vom Stapel laufen kann, müssen die Italiener einige Hürden überwinden. Schon 1907 versucht der multinationale Konzern Darracq, in Mailand eine Autofabrikation aufzuziehen, doch Aktienkrise und mangelnde Nachfrage machen einen Strich durch die Rechnung. Eine Gruppe italienischer Investoren kauft die Fabrik und beginnt, Autos für den italienischen Markt zu konstruieren.

Am 24. Juni 1910 wird der Name Alfa geboren, die Abkürzung von „Anonima Lombarda Fabbrica Automobili“. 1915 übernimmt der Ingenieur Nicola Romeo die Firmenleitung. Ab 1919 tragen alle Autos den Namen Alfa Romeo. Das Wappen der Stadt Mailand und die Visconti-Schlange bilden das Firmenlogo, das übrigens noch viele Jahre lang den Schriftzug „Milano“ enthält.

Die Technik steht bei den Italienern im Vordergrund, den Karosseriebau überlässt man renommierten Firmen wie Touring, Zagato oder Pininfarina. Bis zum Zweiten Weltkrieg konzentriert sich Alfa Romeo auf exklusive Tourer und Sportwagen. Die Italiener erwerben sich einen legendären Ruf durch zahlreiche Erfolge wie den Doppelsieg des Sechszylinder-Renners 6C 1750 bei der Mille Miglia 1930. Doch die Produktion bleibt arg begrenzt. Im Jahr 1925 zum Beispiel entstehen bei Alfa kaum mehr als 1000 Autos, bei Fiat sind es schon 37.000.

Die folgenden Jahre werden hart für Alfa. Wirtschaftskrise und Zweiter Weltkrieg hinterlassen ihre Spuren. Trotzdem entstehen berühmte Modelle wie der 8C 2300 mit Reihenachtzylinder. Die Großserienproduktion allerdings ist ein Fremdwort für Alfa – bis zum Modell 1900 von 1950. Die Limousine eröffnet den Italiener ganz neue Käuferschichten und legt den Grundstein für den bedeutendsten Alfa der 50er Jahre, die Giulietta. Sie wird von der Presse als das „Wunder von Mailand“ gefeiert. Die Limousine ist ein Verkaufsschlager, es folgen die Coupé-Versionen (Giulietta Sprint, Sprint Speciale, SZ) sowie der Spider.

Erfolge feiert auch die Giulia. Die 1962 in Monza präsentierte Limousine überzeugt mit ihrer klar gezeichneten Karosserie und dem geräumigen Interieur. 1966 entsteht eine weitere Legende: Der Spider Duetto ersetzt die Giulietta Spider. Dustin Hoffman cruist in seinem roten Duetto über die Brücken von San Francisco und macht damit im Film „Die Reifeprüfung“ den Alfa-Flitzer weltbekannt. Auch mit den Limousinen 1750 und 2000 setzt Alfa Maßstäbe in Sachen Fahrspaß, mit Konkurrenten wie BMW können die schnellen und leichten Alfas locker mithalten. Zwischendrin gönnen sich die Italiener immer wieder reinrassige Sportwagen. Von Bertone etwa stammt der traumhafte Montreal, der mit einem 197 PS starken Achtzylindermotor bestückt wurde. Auch das 33 Coupé Stradale hat acht Töpfe unter der Haube - bei nur zwei Litern Hubraum. 260 Km/h rennt das rote Geschoss.

1971 beginnt ein eher unrühmliches Kapitel der Alfa-Geschichte. Um dem verarmten Süden Italiens unter die Arme zu greifen, entsteht ein runderneuertes Werk zur Produktion des hochmodernen Schrägheckmodells Alfasud mit Frontantrieb. Mehr als eine Million Autos rollen bis 1983 vom Band, bis heute ist der Alfasud der meistverkaufte Alfa aller Zeiten. Leider sorgen hunderte von Streiks und eine katastrophale Rostvorsorge dafür, dass viele Autos schon nach kurzer Zeit von der braunen Pest zerfressen werden. Auf den Motor gaben die Italiener zwei Jahre Garantie, für das Blech hätte nicht einmal Gott bürgen wollen.

Doch die Alfisti tun das, was sie immer tun – sie verzeihen ihrer Kultmarke solche Fehler. Schließlich sorgen die Italiener für weitere Highlights wie die Alfetta, die als eines der ersten Autos das Transaxle-Prinzip in die Großserie bringt: Der Motor sitzt vorn, Getriebe und Differenzialgetriebe hinten an der Antriebsachse. Besonders die Coupé-Version GTV hat bis heute zahllose Fans. Sogar James Bond alias Roger Moore fährt GTV. Er liefert sich im Film „Octopussy“ eine heiße Verfolgungsjagd mit deutschen BMW-Streifenwagen und behält natürlich die Oberhand. Dunkle Wolken am Alfa-Himmel tauchen 1986 auf. Das Staatsunternehmen wird an Fiat verkauft, von jetzt an müssen sich die Alfas im großen Konzernbaukasten bedienen. Doch Alfa Romeo darf bis heute die Rolle des technischen Vorreiters spielen. Ob Commonrail-Dieselmotoren, Allradantrieb „Permanent 4“ oder jüngst die elektrohydraulische Ventilsteuerung MultiAir – die Innovationen des Fiat-Konzerns feiern traditionell bei Alfa ihren Einstand.

Zum 100-jährigen Jubiläum müssen die Italiener allerdings einsehen, dass man nicht allein von der glorreichen Tradition zehren kann. 117.000 Autos wurden 2009 verkauft, weit weniger als das einst von Fiat-Chef Sergio Marchionne angepeilte Ziel von 300.000 Stück. Immerhin läuft der Kleinwagen Mito sehr erfolgreich, der Alterdurchschnitt der Kunden ist mit 37 Jahren im Branchenvergleich geradezu blutjung. Große Hoffnungen setzen die Italiener in den Golf-Gegner Giulietta. Im ersten vollen Verkaufsjahr will Alfa-Chef Harald Wester 100.000 Giuliettas an den Mann oder die Frau bringen. Auch in den USA soll die neben Ferrari emotionalste Marke der Fiat-Familie wieder Fuß fassen.Was Alfa gut tun würde, wäre ein puristisches Modell, das die Emotionen wieder zum Kochen bringt. Die Studie 2uettottanta von Pininfarina zeigt, wie ein neuer kleiner Alfa-Flitzer aussehen könnte: Der auf dem Genfer Salon gezeigte Spider ist einfach atemberaubend. Und die vorgesehen Technik – Längsmotor mit Hinterradantrieb – wäre für viele Alfa-Fans sicher ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.
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Quelle: Autoplenum, 2010-05-25

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