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Testbericht

Wolfgang Gomoll, 11. Juni 2020
Das COVID-19 Virus hat die Automobilindustrie schwer getroffen, die Verkäufe fielen in den Keller. Doch auch in den harten Zeiten zeichnet sich ab, welche Segmente und welche Hersteller unbeschadeter als andere durch die Krise kommen wird.

Marketingfloskeln waren noch nie besonders erquicklich und präzise schon gar nicht. Doch während der COVID-19 Pandemie bekommt \"auf Sicht fliegen\" eine unerwartete Substanz. Fabriken mussten geschlossen werden, Verkäufe in wichtigen Märkten, wie China, fielen ins Bodenlose und keiner weiß, wie lange uns das eigenartig aussehende Virus noch in Atem hält. Nicht auszudenken, was passiert, wenn eine zweite Infektionswelle wichtige Autoländer in den nächsten Lockdown zwingt.

So langsam befreit sich die Schutzmaskenwelt aus dem Tröpfchen-Infektions-Klammergriff des Coronavirus, die Autoverkäufe ziehen wieder an und es offenbaren sich erstaunliche Entwicklungen, die so manche Strategieentscheidung in einem neuen Licht erscheinen lassen. In Deutschland nehmen die SUVs im Mai bei den Neuzulassungen mit 19,9 Prozent den Platz an der Sonne ein. Dazu kommen noch die gesondert gelisteten Geländewagen mit zwölf Prozent. Insgesamt finden sich unter den Top 50 der Zulassungsstatistik 14 SUV und Offroader. Klassische Kombis, Vans und Limousinen verlieren dagegen weiter an Boden. Noch liegt das Vor-Corona-Absatzniveau für die OEMs in beträchtlicher Ferne und doch zeichnet sich deutlich ab, wer bereits auf die Gewinnerstraße eingebogen ist. Ganz generell gehören jene Hersteller dazu, die ein breites Geländewagen- und SUV-Portfolio bieten können, denn kein anderes Fahrzeugsegment erholt sich weltweit schneller\", weiß Dr. Jan Burgard von der Strategieberatung Berylls.

Der Run auf diese rustikale Fahrzeuggattung setzt die Hersteller unter Druck und kann in eine gefährliche Sackgasse führen. \"Damit die Kundenliebe zum SUV die Hersteller nicht in den Dschungel der Strafzahlungen führt, sind allerdings Ideen gefordert, die über weitere Karosserievarianten hinausgehen. Nur wenn konsequent emissionsfreie Antriebsformen entwickelt werden, können die SUV auch künftig profitabel sein und die Diskussion um ihre Umweltverträglichkeit hinter sich lassen\", so Berylls-Berater Andreas Radics und ergänzt mit dem Blick auf den Gesamtmarkt. \"Der Renditedruck wächst enorm. Ertragsschwache Modelle fallen nun noch schneller durch das Raster. Der Aufwand für Modellpflegen und Nachfolgeentwicklungen ist vielfach nicht mehr zu rechtfertigen.\"

Blickt man auf Europa, verschieben sich die Gewichte teilweise bemerkenswert: Die VW-Marken legen um 3,8 Prozent auf 28,9 Prozent zu. Auch BMW schlägt sich mit einem Marktanteil von 8,8 Prozent (plus 2,5 Prozent) beachtlich. Dagegen darf sich Mercedes über ein Plus von 0,1 Prozent freuen, Smart lässt um 0,7 Prozent nach - offenbar begeistert der Umstieg auf das rein elektrische Modellportfolio bei den Kunden bislang nicht besonders. Noch viel knackiger rauscht PSA mit all seinen Marken um 3,1 Prozent nach unten und kommt auf einen Marktanteil von 13,2 Prozent. Deutlich geringer fällt das Minus bei der Renault-Gruppe mit 0,6 Prozent auf 9,8 Prozent aus. Ein Bild des Jammers gibt FCA mit Fiat, Jeep und Chrysler ab, die im April nur auf 3,7 Prozent kommen, das sind 2,9 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. Allerdings muss bei diesen Zahlen bedacht werden, dass der gesamte Verkaufskuchen deutlich kleiner ist als vor einem Jahr, also Prä-Corona.

In den USA scheint die COVID-19 Talsohle im April durchschritten worden zu sein. Chris Hopsen von den Analysten von IHS Markit rechnet für dieses Jahr mit 12,7 Millionen verkaufter Automobile (Light Vehicles), im April waren die Experten noch von 8,6 Millionen ausgegangen. Das zeigt, wie gebeutelt der US-Automarkt von der Krise ist. Im Mai schrumpften die Verkäufe über alle Segmente und Hersteller um knackige 32 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wogegen die SUVs im Mai nur um 23 Prozent hinterherhinken. IHS-Analystin Stephanie Brinley hat die in den USA beliebten Pick-ups im Visier und sagt: \"Dieses Segment ist nicht immun gegen eine sinkende Nachfrage, es steckt nur weniger Schläge ein.\" In den USA erreichen die SUV- und Pickup-Zulassungen im Mai einen Marktanteil von 77,2 Prozent, was im Heimatmarkt der rustikalen Alleskönner zumindest noch nachvollziehbar ist. Zu den erfolgreichen Modellen gehören der Audi Q3, der Cadillac XT6, der Jeep Gladiator, die Ford-Modelle Ranger und Explorer. Eine deftige Ohrfeige holt sich der Tesla X in seinem Heimatmarkt mit einem Minus von 50 Prozent im Vergleich zum Mai 2019 ab, während das gesamte E-SUV-Segment im Mai auf minus 34,6 Prozent kommt.

In China ist der Paradigmenwechsel hin zu den Crossover, die mit einem Verbrennungsmotor angetrieben werden, schon ein wenig überraschend. Schließlich galt der größte Automarkt der Welt seit jeher als Vorreiter bei der Elektromobilität. Das war von der Regierung so gewollt, schließlich konnte man bei den Stromern auf Augenhöhe mit den westlichen Autobauern in die Entwicklung einsteigen, während das bei den Verbrennungsmotoren nicht der Fall war. Im Reich der Mitte liegt der SUV-Anteil bei den Neuwagenverkäufen aktuell bei 45,3 Prozent. Doch kein Elektro-Kraxler sitzt auf dem Verkaufsthron, sondern der VW Tiguan und bei den Premiummodellen ist er der BMW X5.

Auch der britische Luxushersteller Bentley profitiert in China von der neugewonnenen Kauflust: \"In einer Woche im April haben wir mehr Bestellungen bekommen als in jedem der vorherigen sechs Monate\", strahlt Bentley-Chef Adrian Hallmark gegenüber \"BBC Radio 4\".Um genau zu sein, wurden 117 Bentley in der Woche des 27. Aprils im Reich der Mitte geordert. Auch in den USA ist der Bentley Continental GT gefragt. Allerdings könnte das nur eine Momentaufnahme gewesen sein, da die wirtschaftlichen Nachwehen der Corona-Krise die Kauflust der solventen Kundschaft schmälern dürfte. Viele scheuen davor zurück, sich ein neues Luxusmobil in die Garage zu stellen und gleichzeitig Mitarbeiter in die Kurzarbeit oder gänzlich vor die Tür zu schicken. Der britische Autohersteller sieht sich selbst aufgrund der krisengeschüttelten Wirtschaftslage zum Handeln gezwungen und wird seine Belegschaft verkleinern.
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Quelle: Autoplenum, 2020-06-11

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