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Testbericht

8. August 2016
Haar, 9. August 2016

Braucht man 182 PS in einem Auto? Das hängt vom Standpunkt ab. Oder besser gesagt: vom jeweiligen Fahrersitz. Mit 182 PS unter der Haube würde vermutlich manch ein SUV-Dampferpilot eine Krise kriegen. Bei uns brodeln hingegen die Glückshormone. Denn in unserem Fall stecken die 182 PS in einem nur 3,97 Meter kurzen Ford Fiesta, an dessen Heck die Buchstaben ST kleben. Das steht für "Sports Technologies" und kennzeichnet bei Ford alles, was schärfer ist als die Serie, aber nicht so extrem wie die RS-Modelle. Beim Fiesta ST handelt es sich um einen Vertreter jener Kraftzwerge, die in England als "Hot Hatches" enorm beliebt sind. Hierzulande dürfte "GTI-Klasse" noch am ehesten passen. Ford hat hier eine lange Tradition, ab 1981 gab es beim Fiesta einen XR2, damals mit bescheidenen 84 PS. Heute sind es mehr als doppelt so viele Pferdestärken. Inklusive viel Suchtpotential.

Motor, Getriebe, Verbrauch
Doch der Reihe nach: Beim Ford Fiesta ST schickt ein 1,6-Liter-Turbobenziner die bereits mehrfach erwähnte Leistung an die Vorderräder. Ein Sportfahrwerk legt den Wagen zehn Millimeter tiefer, hinzu kommen Änderungen an Federn, Dämpfern und der Lenkung. Zum Effekt später mehr. Der Motor bietet bereits bei 1.600 Umdrehungen saftige 240 Newtonmeter, per Overboost sind kurzzeitig bis zu 290 Newtonmeter drin. Im fünften Gang durch die Stadt bummeln? Kein Problem. Nur: Ich will schalten. Und das als Automatik-Fan. Aber der kleine Schaltknüppel flutscht so exakt durch die Gassen, dass es eine Wucht ist. Damit werden auch Sie sich wie Dirty Harry fühlen, der lässig aus der Hüfte schießt. ZACK! Zweiter Gang! ZACK! Dritter Gang! Wenn es ein Auto auf dem Markt gibt, das niemals ein DSG oder ähnliches bekommen darf, dann der Fiesta ST.
Nun gut, leise ist es unter der ST-Haube nicht, spätestens ab 130 km/h geht es rund. Aber für komfortorientierte Fahrer gibt es andere Fiesta-Modelle. Das liefert mir ein gutes Stichwort: Seit kurzem hat der ST einen stärkeren Bruder namens ST200. Naheliegenderweise bringt er 18 PS mehr auf die Straße. Auf dem Papier sind die Unterschiede aber nicht so gewaltig: 6,7 zu 6,9 Sekunden beim Sprint auf 100 km/h und 230 gegenüber 223 km/h. Zudem erreicht der ST200 seine maximalen 290 Newtonmeter erst bei 2.500 Touren. Mein Wunsch wäre eher die US-Version des Fiesta ST. Dort gab es ihn nicht nur immer schon mit 200 PS, sondern auch mit hinteren Türen. Wie hat sich unser Dreitürer-ST beim Verbrauch geschlagen? 5,9 Liter gibt Ford ab Werk an, wir kamen auf 8,2 Liter. Nicht gerade wenig, aber der Fiesta ST ist auch kein Auto, mit dem man stur bei 80 km/h auf der Landstraße umherdackelt. Ein Wermutstropfen: In den Tank sollte stets teures Super Plus gefüllt werden, normales Super mindert laut Hersteller leicht die Leistung.

Fahrverhalten
Schade nur, dass mein täglicher Weg zur Arbeit fast ausschließlich aus einer schnurgeraden Bundesstraße besteht. Als Muntermacher kämen mir ein paar schöne Kurven gelegen. Denn dort ist der aktuell stärkste Fiesta in seinem Element. Wie der Hund aufs Stöckchen reagiert der knapp vier Meter lange Wagen auf kleinste Lenkbewegungen. Das Fahrwerk zieht den kleinen Brenner zwar rattenscharf ums Eck, teilt dir aber auch zuverlässig mit, wie der Hersteller des Kanaldeckels heisst, über den du gerade rumpelst. Gerade auf der Autobahn ist das auch ohne Gullies auf Dauer ziemlich anstrengend. Das ist nicht so sehr das Revier des Fiesta ST. Schon eher kurvige Landstraßen oder Bergpässe: Das zackige Einlenken und Hineinschnüffeln in jede Kurve sind gigantische Spaßfaktoren. Selbst wer nicht in seiner Freizeit in irgendeiner Rennserie antritt, wird daran seinen Spaß haben. Anders ausgedrückt: Die Ford-Ingenieure schaffen den Spagat, dass sowohl Otto Normalverbraucher als auch die Hobby-Hamiltons sagen: Super! Und das Paket wurde inzwischen weiter perfektioniert, denn der normale ST hat die Fahrwerksverbesserungen vom ST200 bekommen.

Innenraum und Connectivity
Wie bei allen Fiestas ist auch der ST-Innenraum mit Knöpfen überladen. Leider haben wir erst gegen Ende unseres Dauertests die Funktionen aller Schalter auf der Mittelkonsole durchschaut. Das weniger mehr ist, weiß Ford inzwischen und hat die Innenräume von Focus und Mondeo deutlich entrümpelt. So haben wir Hoffnung für die nächste Fiesta-Generation. Echt gut ist hingegen das Sony-Navigationssystem für 655 Euro. An dessen ziemlich kleinen Fünf-Zoll-Monitor gewöhnten wir uns aber nur langsam. Im Gegenzug hat uns die leicht lispelnde Navi-Dame schon um fette Staus gelotst. Hoffentlich ist sie im wahren Leben nicht allzu kräftig gebaut, sonst wird es in den eigentlich sehr guten Recaro-Sitzen eher ungemütlich. Für die sportlichen Möbel wie für das ganze Auto gilt nämlich: Weniger Gewicht gleich mehr Fahrspaß.

Reaktionen
Nach einigen Wochen mit dem Kölner Kraft-Ei sehe nicht nur ich den Verkehr mit anderen Augen. Wendig-flott durch das Stadtgewusel flutschen? Genial. Auf der Autobahn dicke Vertreter-Limousinen schocken? Unbezahlbar. An der Ampel verblüffte Gesichter hinterlassen? Sensationell. Ständig fordern einen andere Autofahrer heraus, die sich denken: "So ein kleiner schnuckeliger Fiesta. Den schnapp ich mir zum Frühstück." Nicht mit uns, Keule! Ein beherzter Tritt aufs Gas und es gibt nur noch Knäckebrot. Ohne Butter. Wirklich jedes Redaktionsmitglied will den Fiesta ST fahren. Und ich kann die lieben Kollegen ja auch verstehen: Hast du einen stressigen Arbeitstag gehabt, setzt du dich in den kleinen blauen Bomber. Wenn du die Haustür öffnest, ist dein Grinsen unübersehbar. Und so stellt sich die Frage, warum es eigentlich keinen Fiesta ST auf Rezept gibt.

Ausstattung und Preise
Um die Schnäppchenwirkung des Ford Fiesta ST besser zu beurteilen, hilft ein kurzer Blick über den Tellerrand: Für den dreitürigen Cooper S mit 192 PS ruft Mini 24.100 Euro auf. Kaum teurer, nämlich 24.640 Euro ist der ziemlich komplett ausgestattete Fiesta ST200. Aber es gibt ihn ausschließlich in grauer Lackierung und seine Vorteile sind für Normalsterbliche kaum spürbar. Also reicht der konventionelle ST vollkommen aus. Ihn bekommt man ab 20.640 Euro, wir empfehlen die Ausrüstung mit Leder-Sport-Paket für 1.000 Euro mehr. Hier sind dann zusätzlich das Sony-Audiosystem, eine Klimaautomatik und eine Sitzheizung serienmäßig. Was sollte an Extras bestellt werden? Ein Tempomat (190 Euro) ist ebenso wie die beheizbare Frontscheibe (210 Euro) sinnvoll, die hübsche Lackierung in "Performance Blau Metallic" (850 Euro) Geschmackssache. Fast zwingend ist die Kombination aus Parkpiepsern hinten (360 Euro) und einer Rückfahrkamera (270 Euro), denn der Fiesta ist furchtbar unübersichtlich. Letzteres sollten preisbewusste ST-Fans im Hinterkopf behalten, die sich für einen Gebrauchtwagen interessieren. Schon für unter 17.000 Euro stehen wenig gefahrene Jahreswagen auf den Höfen der Händler.
 
Mängel
Während unseres Dauertests leistete sich der Ford Fiesta keine technischen oder qualitativen Mängel. Einzig funktionale Nachteile tauchten auf, die sich vom Fiesta- respektive ST-Konzept herleiten. Die miserable Sicht nach hinten wurde bereits genannt, ebenso das überfrachtete Cockpit und die im Alltag oft zu straffe Federung. Speziell auf Autobahnen mit Querfugen neigt der Fiesta zum Dauerhoppeln. Auch die Recaro-Sitze passen nicht jeder Statur, hier ist Probesitzen angeraten.
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Technische Daten
Antrieb:Frontantrieb
Anzahl Gänge:6
Getriebe:Schaltgetriebe
Motor Bauart:Benziner mit Turboaufladung
Hubraum:1.596
Anzahl Ventile:4
Anzahl Zylinder:4
Leistung:134 kW (182 PS) bei UPM
Drehmoment:240 (kurzzeitig per Overboost: 290) Nm bei 1.600 UPM
Preis
Neupreis: 20.640 € (Stand: August 2016)
Fazit
Mehr Fahrspaß fürs Geld als im Ford Fiesta ST muss man schon mit der Lupe suchen. Wer sich ihn zulegt, macht einen mehr als fairen Deal, muss aber die betont sportliche Ausrichtung zuweilen auch aushalten können. Interessant wird die Zukunft des Sport-Fiesta: Wohl noch 2017 kommt der Nachfolger. Sollten die Ford-Experten Motor, Lenkung und Fahrwerk nochmal schärfen und gleichzeitig das Cockpit aufräumen, könnte der Fiesta ST (dann vielleicht auch als Fünftürer?) nahe an die Perfektion gelangen. Aber bitte nur nahe, denn eins darf der Kraftzwerg nie werden: langweilig. + fantastische Agilität, kräftiger Motor, exakte Lenkung, gutes Preis-Leistungs-Verhältnis - auf der Autobahn akustisch sehr präsent, miserable Sicht nach hinten, überfrachtetes Cockpit, nur als Dreitürer
Testwertung
4.0 von 5

Quelle: auto-news, 2016-08-08

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