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Testbericht

Stefan Grundhoff, 14. Juli 2011
Wer bei einem norditalienischen Sportwagenhersteller allein an Lamborghini, Maserati oder Ferrari denkt, hat den leistungsstärksten vergessen: Pagani. Die Schmiede für Supersportwagen baut die exklusivsten Straßenrenner der Welt.

Welcher Autohersteller hisst schon die Nationalflagge, wenn der Kunde zu Besuch kommt? Bei Pagani, in San Cesario sul Panaro beheimatet, ist das eine Selbstverständlichkeit. Der Kunde ist hier König – in jeder Hinsicht. Dabei mutet das Gewerbegebiet nordöstlich von Modena kaum an, als würde hier ein Sportwagenfanatiker mehr als eine Million für einen exklusiven Boliden ausgeben. Man sieht ein paar düstere Lagerhallen, eine umtriebige Holzverarbeitung und ein Stück weiter liegen überdimensionale Antriebsketten für Planierraupen herum. Der ältere Herr an der Ecke ist auskunftsfreudig und zeigt beim Namen Pagani auf ein geometrisch anmutendes Gebäude mit großen Glasflächen; umgeben von Zaun und einer hohen Hecke.

Innerhalb von kaum mehr als einer halben Stunde Fahrzeit befinden sich die Produktionsstätten von Ferrari, Maserati, Lamborghini und Ducati. Wenn irgendwo in Italien das Herz der Einheimischen von einem leistungsstarken Motor zu automobilen Bestleistungen angetrieben wird, dann hier. Das elektrische Tor ist offen und der Glasbau könnte – vorausgesetzt er wäre von gigantischer Größe – auch die Zentrale eines die Weltherrschaft anstrebenden Schurken in einem 007-Streifen sein. Doch so kommen allenfalls Erinnerungen an den Satz des Pythagoras im Mathematikunterricht und Designverfehlungen der späten 80er / frühen 90er Jahre auf. Firmenchef Horacio Pagani hat keinerlei Ambitionen die Weltherrschaft anzustreben; nicht einmal die automobile. Im Gegenteil. Exklusiver als ein Pagani kann ein Auto kaum sein. „Seit unserer Gründung im Jahre 1998 haben wir gerade einmal 130 Fahrzeuge produziert“, erklärt Pagani-Sprecher Luca Venturi, „das wird sich mit dem neuen Huayra jedoch ändern.“

Bisher produzierte die Manufaktur Pagani speziell auf jeden wohl betuchten Kunden zugeschnittene Versionen des Dauerbrenners Zonda. Mal offen, mal geschlossen - mal als Zonda 5, mal als Rekordfahrzeug Zonda R gehen die Kohlefaserrenner in diesem Sommer in den wohl verdienten Ruhestand. Wurden von ihnen pro Jahr kaum mehr als zehn Fahrzeuge gebaut, so wird der 700 PS starke Nachfolger Pagani Huayra mit einem doppelt aufgeladenen AMG-Triebwerk im Heck ein echtes Volumenmodell. „Wir planen bis zu 40 Stück pro Jahr“, erklärt Luca Venturi, „dauerte die Produktion des Zonda bisher rund fünf Wochen, so soll der Nachfolger in knapp drei Wochen aus den Hallen rollen.“ Dafür hat Firmenchef Horacio Pagani, gebürtiger Argentinier, in dem wenig schmucken Industriegebiet in der Nähe von Modena eine neue Produktionsanlage gebaut. In diesem Sommer geht es los. Die Mitarbeiterzahl im Hause Pagani wurde dafür von 53 auf 60 erhöht.

Der über eine Million teure Pagani Huayra wird ein Bestseller – wie alle Zonda-Versionen bisher. „Wir sind das erste Jahr bereits ausverkauft und haben gerade erst angefangen“, freut sich Luca Venturi, „erstmals hat ein Pagani auch eine Zulassung für Amerika. Davon versprechen wir uns sehr viel.“ Bisher gingen die meisten Modelle in den Fernen Osten, nach Hong Kong oder Japan. Nur 23 der bisherigen Fahrzeuge blieben in Europa. Doch hier befinden sich einige der besonders treuen Fans. „Wir haben einen Kunden in Italien, der nimmt seinen Zonda als echtes Alltagsauto. Er hat bereits mehr als 100.000 Kilometer runter – in weniger als fünf Jahren“, strahlt Luca Venturi. Einst arbeitete Ernesto Pagani als Leichtbauexperte bei Lamborghini, hatte jedoch zunehmend Lust auf eine eigene, noch kompromisslosere Marke. Juan Manuel Fangio, Rennfahrerlegende aus Argentinien und Pagani-Mäzen, stellte Anfang der 90er Jahre den Kontakt zu Mercedes her.

Als Horacio Pagani auf der Suche nach einem Aggregategeber für seinen ersten Supersportwagen war, landete er ohne Umwege bei Mercedes. Folge: jeder Pagani wird von einem leistungsstarken AMG-Triebwerk befeuert. Erst im Sommer letzten Jahres knackte Rennfahrer Marc Basseng auf einem Pagani Zonda R die bisherige Nordschleifenbestzeit des Ferrari 599XX. 6,47 Minuten für den gefährlichen Eifelkurs sind ein Marketingwert, der weltweit Gold wert ist.

Das Pagani-Konzept ist denkbar einfach. „Unsere Modelle sind so exklusiv wie kein anderes Auto. Sie sind eine Mischung aus Kunst und Wissenschaft“, bemüht sich Luca Venturi um eine blumige Erklärung. Die Hightech-Fahrzeuge bestehen aus ebenso leichter wie hochfester Kohlefaser und Karbonelementen. In zwei Öfen werden die Autoklaven-Module gebacken und zusammen mit Fahrgestell und Antrieb zusammengefügt. Jedes Kundenfahrzeug wird anschließend von den beiden Testfahrern Simone Tarozzi und David Testi genauestens unter die Lupe genommen. Gerade fährt David Testi mit einem brüllenden Triebwerk vom Hof, um die jüngsten Modifikationen an einem Roadster zu überprüfen: „Wir testen jedes Auto auf Herz und Nieren. Der Unterschied zu den anderen Supersportwagen ist, dass der Zonda ein echtes Alltagsauto ist. Kompromisslos sportlich, aber immer noch komfortabel.“ Nach ein paar Kilometern auf mäßigen Landstraßen in der Umgebung mag man Testi nicht wiedersprechen. Die Beschleunigung ist Dank der AMG-Power im Heck brachial. Tachozahlen wie 160, 200 oder 240 fliegen nur so vorbei. Die kleinen Xenonaugen des Zonda R sorgen für Eindruck bei den Opfern im Rückspiegel. Wenn der Vorausfahrende sich für die geeignete Schockstarre als einziges Mittel entscheidet, ist der kaum mehr als eine Tonne schwere Pagani längst vorbeigeflogen.

David Testi muss wieder zurück ins Werk. Der nächste Auftrag wartet. Derweil bereitet man sich auf den nächsten Kunden vor. Der letzte ist Richtung Flughafen verschwunden – zurück nach Peru. Über dem Eingang hängt noch die peruanische Flagge. „Die Flagge hissen wir bei jedem Kunden. Wir haben 170 verschiedene Nationalitäten auf Vorrat“, erklärt Luca Venturi. Zukünftig wird Pagani die Flaggen kürzeren Intervallen hissen müssen.
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Quelle: Autoplenum, 2011-07-14

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