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Testbericht

Wolfgang Gomoll, 7. Juli 2013
Die Silvretta Classic entwickelt sich zunehmend zu einem Pflichttermin für alle Oldtimer-Liebhaber. Doch nicht nur die automobilen Preziosen der Vergangenheit fanden den Weg ins pittoreske Montafon, auch die E-Fahrzeuge waren am Start.

Die Mille Miglia mag mehr Tradition haben. Aber was den Glamour-Faktor angeht, gehört auch die Silvretta Classic zur ersten Liga der Oldtimer-Rallyes. Klar spielen da die Autos eine Rolle. In der Startliste der 16. Auflage der Wettfahrt findet man Heiligtümer, die die Garagen ihrer Besitzer nur zu ganz besonderen Anlässen verlassen: Einen Mercedes Benz 720 SSK aus dem Jahr 1928 oder ein Alfa Romeo 2300 Monza, der ein Jahr später das Licht der Welt erblickte. Das Gros des rund 179 Autos-starken Teilnehmerfeldes bilden jedoch Klassiker, die in der Nachkriegszeit entstanden sind. Unter anderem ist Mercedes-Benz 300 SLS O\\\'shea aus dem Jahr 1957, ein Jaguar XK 140 OTS von 1955, ein Porsche 356 (1963) oder der seltenen BMW 507 (1957) dabei. Die Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor werden in sechs Klassen unterteilt. Die ältesten Autos stammen aus den Zwanzigern und die jüngsten sind minimal 20 Jahre alt.

Dazu gesellten sich noch 21 E-Fahrzeuge, darunter die futuristisch anmutende Volkswagen-Flunder XL 1, den quirligen BMW Active E oder den PS-Tyrannosaurus Rex unter den Stromern, den Mercedes-Benz SLS AMG E-Cell. In der sogenannten Effizienzklasse, nimmt bei der vierten Auflage die Zahl der Serienfahrzeuge zu und die der Prototypen ab. Damit ist auch die Zeit der Samthandschuhe für die Elektrofahrzeuge ein für alle Mal vorbei: Auch wenn die Gesamtstrecke mit 335 Kilometern deutlich kürzer als die der Klassik-Fraktion ist, ist die Silvretta E-Auto, so der Name, eine echte Herausforderung. Die Kletterei auf das Furkajoch und Faschinajoch müssen die Fahrzeuge mit der Kraft ihrer Batterien bewältigen.

Natürlich griffen auch wieder Promis in das Lenkrad. Angefangen vom Ex-Formel-1-Piloten Karl Wendlinger bis hin zum rasenden Adligen Prinz Leopold von Bayern. Doch Autos und bekannte Piloten sind eine Sache, der Flair eine andere. Und den hat die dreitägige, 674 Kilometer lange Fahrt durch das Montafon, die Schweiz und Lichtenstein im Übermaß. Wer sich einmal die pittoresken Kehren des Flüelapass in einem Oldtimer hinaufgeschraubt hat, nur um am Ende das atemberaubende Panorama von Schwarzhorn und dem Flüela Wisshorn zu genießen, weiß, was puristisches Autofahren bedeutet. Insgesamt sechs Pässe stehen an drei Tagen auf dem Programm. Neben den beeindruckenden Steinriesen, den Kühen, Schafen und Dammwild, das interessiert auf die Kolone der schicken Automobile herunterschaut, säumen auch traumhaft schöne Häuser, die mit Schindelholz verkleidet sind, den Weg. Doch der Tanz auf dem Asphaltgeschlängel durch die schweizer Alpen ist nur ein Intermezzo in dem pointenreichen Landschafts- und Automobiltanz-Marathon. Mondäne Orte wie Davos, Klosters oder die Kaiser-Sommerfrische-Residenz Ischgl stehen sind ebenfalls Wegpunkte der Symphonie des automobilen Spaßfahrens.

Damit ist der visuelle Genuss noch lange nicht zu Ende. Bei dem Namen "Silvretta-Hochalpenstraße" bekommen nicht wenige Automobilisten feuchte Augen. Und sich diesen Stakkato aus anbremsen, einlenken und herausbeschleunigen in einem Oldtimer zu stellen potenziert das süchtig machende Vergnügen nur noch. Zumal in fast allen Kehren begeisterte Zuschauer stehen die winken Photos machen oder einfach klatschen. Die Begeisterung der Zuschauer gibt der die Silvretta Classic das gewisse Etwas. In den Städten stehen die Leute Spalier und jeder Zwischenstopp der Schönheiten aus Blech sorgt für Menschenaufläufe.

Schnell bilden sich Menschentrauben um die AC Ace Bristols, die Corvettes und die Ferraris. Da wird gefachsimpelt. Mal im besten Schwyzer-Deutsch, mal Montafon-Dialekt, der sich nur unwesentlich von dem Sprech auf der anderen Seite der Grenze. Daten fliegen hin und her, wie bei einem Auto-Quartett. "Der hat doch 150 PS und einen Achtzylinder-Motor", stellt ein junger Mann fest, der seine Base-Cap verkehrt trägt, mit dem Blick auf einen BMW 507 fachmännisch fest. Ein paar Meter weiter steht mintfarbener Volkswagen Samba Bus, der seit 1963 auf Deutschlands Straßen unterwegs ist.

Die Bibel der Rallye-Piloten ist das Roadbook, das den Weg zu den traumhaften Kurven und den Sonderprüfungen weißt. Navis sind verpönt. Nur wer die Seiten richtig zu deuten weiß, findet auch sicher den Weg. Ganz akribische Naturen bereiten sich schon am Abend vor dem Start vor, berechnen Durchschnittsgeschwindigkeiten der Sonderprüfungen und legen Taktiken fest, um eine Etappe zu gewinnen. Schließlich gilt es, eine bestimmte Strecke in einer festgelegten Zeit zu absolvieren. Wer zu schnell oder zu langsam ist, bekommt Strafpunkte aufgebrummt. Bei dem wunderbaren Sommerwetter geht es im Cockpit oft hoch her und die eine oder andere Ehe wird kurzzeitig auf Eis gelegt. "Das musst Du mir doch früher sagen", dröhnt es bisweilen lauthals. Gefolgt von einem: "Mach doch Deinen Mist alleine." Doch am Ende des Tages steckt der Spaß und das Traumwetter auch die ernsten und verkniffen ich-will-aber-um-jeden-Preis-gewinnen-Naturen an.
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Quelle: Autoplenum, 2013-07-07

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