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Testbericht

Sebastian Viehmann, 20. August 2011
Schnell fahren mit viel PS kann jeder. Bei der Sachsen Classic triumphieren auch die Schwachen, vorausgesetzt sie sind Erbsenzähler. Es kommt buchstäblich auf jede Sekunde an.

„Sechs…fünf…vier…mehr Gas geben, da vorn ist schon die Lichtschranke! Drei…zwei…“ Unerbittlich verrinnen die Sekunden, und das Ziel der Wertungsprüfung ist noch zehn Meter entfernt. Bernhard Kadow am Steuer des Porsche 912 gibt Vollgas, doch es reicht nicht ganz. Der Youngtimer rollt einen Tick zu spät durch die Lichtschranke. Und ein Tick kann bei der Sachsen Classic richtig viel sein: Routinierte Teams schaffen die Wertungsprüfungen manchmal auf die Zehntelsekunde genau. Für jede Abweichung kassiert man nämlich Strafpunkte.

Die „WPs“ sind das Tüpfelchen auf dem i der 652 Kilometer langen Rallye durch Sachsen und Tschechien, die über verschlungene Wege von Dresden nach Leipzig führt. Zu den regulären Tests bei der Dreitages-Rallye, die im Roadbook verzeichnet sind, kommen noch unangekündigte Sonderprüfungen. Es geht immer um Gleichmäßigkeit. Eine exakt abgegrenzte Strecke muss innerhalb einer auf die Sekunde festgelegten Zeit durchfahren werden, Anhalten während der Prüfung ist verboten. Oft sind die Aufgaben sogar ineinander verschachtelt: 560 Meter in 67 Sekunden zurücklegen und mittendrin ein Teilstück von 320 Metern in 27 Sekunden abfahren – da gerät der Beifahrer mächtig ins Schwitzen, jongliert mit zwei Stoppuhren und erntet den vernichtenden Blick des Piloten, wenn er das Herunterzählen vergisst.

Viele Teams starten in der Sanduhr-Klasse. Dort sind digitale Hilfsmittel nicht erlaubt, man drückt sich nach alter Väter Sitte an der Stoppuhr die Finger wund. So richtig kontrollieren kann das natürlich niemand. Und so wird das Regelwerk hier und da schon einmal etwas freizügiger ausgelegt. Das eigene Smartphone ermittelt per GPS die exakte Position sowie die gefahrenen Kilometer, und fürs iPad kann man sich komplette Apps für die Wertungsprüfungen herunterladen: Kollege Computer stellt den Ablauf schematisch dar und übernimmt für den Beifahrer auch noch das Herunterzählen. Wer etwas auf sich hält, bleibt natürlich bei der guten alten Stoppuhr – denn selbst wenn man eine Prüfung mal komplett versemmelt, macht es einen Heidenspaß. Als kleines Trostpflaster wird bei jedem Team die jeweils schlechteste Prüfung nicht gewertet.

Bei Regen allerdings hört der Spaß auf. Als am zweiten Tag bei der Dreiländereck-Etappe der Himmel seine Schleusen öffnet, fallen die letzten beiden Teilstrecken inklusive Wertungsprüfungen buchstäblich ins Wasser. Aus Sicherheitsgründen geht es gar nicht anders – in der dichten Regenwand und bei glatter Straße sind gerade die Piloten der Vorkriegs-Rennwagen froh, wenn sie ihre Kolosse überhaupt auf der Straße halten können. In manchen Cabriolets steht trotz Verdeck bald Wasser in der Bilge. Ganz schlimm getroffen hat es das Team im offenen Karmann Buggy. Sichtlich entnervt, aber eisern steuern die beiden Männer, gehüllt in mehrere Lagen Regenzeug, das glimmer-grüne Spaßmobil durch gewaltige Pfützen.

Bei allem Ehrgeiz ist die Sachsen Classic vor allem eine große Gaudi für Leute mit Benzin im Blut, und zwar sowohl auf als auch neben der Straße. Während die ehrwürdige Silvretta fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit durch die Alpen führt, stehen bei der Sachsen-Hatz in jedem Dorf winkende und jubelnde Menschen am Straßenrand. Marktplätze in Görlitz, Hoyerswerda oder Krasna Lipa in Tschechien werden zu rollenden Automuseen. Im Osten gilt die klassenlose Gesellschaft: Unbezahlbare Bentleys sind ebenso mit von der Partie wie ein Ford Granada oder ein Ford Taunus. Das Team von Volkswagen Classic schickt mehrere Käfer ins Rennen, darunter den Sympathieträger „Herbie“, sowie ein paar schicke Karmann-Klassiker.

Die osteuropäische Autohistorie ist in diesem Jahr neben einem Wartburg 313 Cabriolet vor allem durch zahlreiche Skoda-Oldies vertreten, vom spartanischen 30 PS-Kleinwagen Popular bis zur schicken Felicia. Auch Sören Polster freut sich über viel Beifall vom Wegesrand: Sein Tatra T2-603 von 1971 ist ein echtes Schmuckstück. „Mit dem fällt man immer wieder auf, es gibt ja nicht mehr viele“, sagt Polster. Das gilt auch für den gestreckten Citroën CX 25 Prestige mit DDR- und UdSSR-Wimpeln an den Kotflügeln: Der repräsentative Schlitten kutschierte einst Erich Honecker durch sein zerfallendes Land.

Am Ende der neunten Sachsen Classic rollen mehr als 180 Oldies über die Ziellinie auf dem Simsonplatz in Leipzig. Die Rallye-Routiniers Matthias Kahle und Peter Göbel holen mit ihrem Skoda 110 R den Gesamtsieg – mit 356 Strafpunkten. Das klingt nach viel, ist aber extrem wenig, denn bei der Wettfahrt wird wirklich jede Kleinigkeit geahndet. Auf den letzten Rängen haben die Teilnehmer mehr als 20.000 Strafpunkte auf dem Konto. Für die nächste Sachsen Classic hilft da nur eins: Üben, üben, üben – bis die Stoppuhr qualmt.
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Quelle: Autoplenum, 2011-08-20

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