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Testbericht

Jürgen Wolff, 1. März 2010
Seit 36 Jahren bietet Porsche seinen Kunden spezielle Fahrer-Lehrgänge an - den kältesten und nördlichsten davon während des Winters im finnischen Ivalo. Wir sind im Panamera mit gedriftet.

Der feine Pulverschnee glitzert im Scheinwerferlicht, als habe jemand säckeweise Diamantstaub darüber ausgeleert. Es ist eine Landschaft wie aus einem Weihnachtsmärchen, hier oben in Lappland, rund 300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Und man versteht selbst als Karibik-Fan sehr schnell, warum es trotz der klirrenden Kälte von bis zu 40 Grad Minus, des meist grauen Himmels und der kurzen Tage so viele Touristen hierhin in die Nähe der 3.500 Einwohner-Stadt Ivalo zieht. Skilanglauf gehört zu den gefragten Angeboten, Wandern oder mit dem Snowmobil durch den Wald zu brettern. Und - seit 2009: Porsche fahren.

Hier in Nordfinnland hat der Sportwagenhersteller im vergangenen Jahr sein drittes "Porsche Driving Experience Center" eröffnet - nach den beiden Stützpunkten im österreichischen Lungau und dem Arctic Driving Center in Rovaniemi, ebenfalls in Finnland, aber etwa 250 Kilometer weiter südlich. Von Januar bis Ende März bietet Porsche auf dem 7,5 Kilometer langen und bis zu 1,5 Kilometer breiten Pasasjärvi-See nahe dem größten Ferienzentrum der Gegend, Saariselkä, Wintertrainings in verschiedenen Schwierigkeitsstufen an. Wer sich hier für drei Tage hinter das Lenkrad eines 911 oder Panamera setzt, hat dafür bis zu 5.290 Euro Eintritt überwiesen - inklusive Verpflegung und vier Übernachtungen, aber ohne Flug. Die Nutzungsrechte für den zugefrorenen See hat sich Porsche exklusiv gesichert: "Das ist unser nördlichster Außenposten", verkünden die Zuffenhausener stolz. Rund 70 Zentimeter dick ist die Eisdecke im Februar: "Sie können sicher sein, dass sie unsere 22 Panamera trägt", beruhigt Chefinstrukteur Jochen Albig beim morgendlichen Briefing besorgte Gemüter - schließlich bringt jede der Sportlimousinen rund zwei Tonnen auf die Waage. Ein paar Videos über das unterschiedliche Driftverhalten von Hecktrieblern und Allradfahrzeugen, dann geht es los.

Die Serien-Panamera sind auf jedem Reifen mit 200 vier Millimeter langen Spikes bespickt - auch bei den allradgetriebenen Panamera hier oben bitter nötig. Schneeräumer haben auf dem See Kreisbahnen, 8er-Schleifen und diverse Handlingstrecken mit bis zu 3,5 Kilometern Länge freigeschoben. Die Porsche fahren auf blankem Eis. Wer übermütig wird, landet trotz der Spikes schnell im Tiefschnee entlang der Bahnen und muss von den bereitstehenden Cayenne wieder herausgezogen werden. "Das geht alles von Ihrer kostbaren Zeit ab", warnt Guido, der Instrukteur unsere Gruppe. Bei solchen Veranstaltungen duzt man sich und nennt sich beim Vornamen. In jedem Wagen sitzen wir zu zweit, über ein Funkgerät ist Guido mit Lob und Tadel allzeit mit im Auto. Nach jeweils zwei, drei Runden wird vom Beifahrersitz hinters Lenkrad gewechselt.

Wer beim heiteren Beruferaten nach der typischen Handbewegung des Motorjournalisten fragen würde, der bekäme einen knappen Druck mit dem Zeigefinger als Antwort: Das Ausschalten des ESP mit einem Knopfdruck. Auf dem Eissee und im Panamera ist das nicht anders - kaum hat man Sitz und Rückspiegel richtig eingestellt, wird das elektronische Helferlein in die Pause geschickt. Das sorgt für spektakulärere Drifts und ein gestärktes Ego, solange man nicht neben der Piste im Tiefschnee landet. In jedem Fall aber sorgt es für einen deutlich gesteigerten Spaßfaktor. Für eines sorgt es nur selten: für schnellere Rundenzeiten. Denn das System erkennt früher und präziser als jeder (normale) Fahrer, wann welches Rad erhöhten Schlupf bekommt und kann blitzschnell reagieren. Das sorgt für mehr Fahrstabilität - und unterm Strich für schnelleres Vorankommen. Egal, ob man mit zwei oder mit vier angetriebenen Rädern unterwegs ist - die Drifts puschen zwar den Adrenalinspiegel, schlucken aber auch Vortrieb.

Mindestens genauso deutlich wird beim Tausch der Fahrzeuge, wo auf dem rutschigen Untergrund die Unterschiede in der Fahrweise liegen - je nachdem, ob man im heck- oder im allradangetriebenen Panamera sitzt. Der von hinten geschobene "S" ist in Kurven deutlich schwerer auf Kurs zu halten, verlangt gefühlvolles Gegenlenken und ein präziseres Spiel mit Gas- und Bremspedal. Dafür liefert er den spektakuläreren Hüftschwung.

Im "4S" führt Gegenlenken und Gas wegnehmen dagegen unweigerlich ins Aus: Die Vorderräder ziehen mit. Ein kurzer Kick aufs Gaspedal stabilisiert den Panamera kurz vor dem Ausbrechen wieder. Im Allrad-Porsche ist man deutlich entspannter unterwegs. Da macht es auch keinen Unterschied, ob im 400 PS starken "4S" oder im "Turbo" mit 500 PS. Das sanft schaltende 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe sorgt dafür, dass man die Kraft jeweils fein dosiert, gefühlvoll und ohne Zugkraftunterbrechung abrufen kann.

5.000 Euro plus Nebenkosten sind eine Menge Geld, um drei Tage lang in Finnland übers blanke Eis zu tanzen. Aber gut angelegt - schließlich chauffieren die Teilnehmer in der Regel auch zu Hause Autos vom Gegenwert einer kleinen Eigentumswohnung durch den Verkehr. Richtig - weil eingeübt - zu reagieren, kann da schon dem reinen Werterhalt dieser Investition dienen. Erst recht in Wintern wie diesem.
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Quelle: Autoplenum, 2010-03-01

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