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Testbericht

Sebastian Viehmann, 28. April 2009
Mercedes feiert die Entdeckung der Langsamkeit: Der F-Cell-Roadster, gebaut von Azubis, zuckelt mit Brennstoffzelle und gemütlichen 25 km/h dahin. Wir waren mit dem ungewöhnlichsten Benz aller Zeiten auf historischer Route unterwegs.

"Radfahrer, Kinderwägen und F-Cell-Roadster bitte vorbeilassen", schwäbelt Marcus Troll und blickt den Golf-Fahrer erwartungsvoll an. Der nickt verdutzt und winkt unser Gefährt, das trotz Mercedes-Stern keine eingebaute Vorfahrt hat, höflich vorbei. Troll, Ausbilder im Werk Sindelfingen, dirigiert mit ein paar kunstvollen Joystick-Bewegungen den F-Cell-Roadster auf die Linksabbiegerspur. Das schneeweiße Gefährt mit den riesigen 42-Zoll-Speichenrädern tastet sich behutsam an Heidelbergs Kopfsteinpflaster und Straßenbahnschienen vorbei und rollt Richtung Neckar-Ufer. Fahrradfahrer überholen uns mit hochgerecktem Daumen, Kinder zupfen aufgeregt ihre Eltern am Ärmel. "Schau mal, der neue SLK", grinst eine junge Frau, während ihr Freund vor Verblüffung den Mund nicht mehr zu bekommt.

Von Ladenburg nach Heidelberg sind es nur rund 12 Kilometer, doch der F-Cell-Roadster benötigt eine halbe Stunde. Die Route ist vorgegeben, denn das Brennstoffzellen-Vehikel folgt der 40 Kilometer langen Strecke, die Bertha Benz und ihre beiden Söhne vor rund 120 Jahren mit dem legendären Patent-Motorwagen entlang getuckert sind. Von Mannheim führte die erste Fernfahrt der Geschichte über Ladenburg und Heidelberg bis zur Stadtapotheke nach Wiesloch. Dort musste die Benz-Familie das Leichtbenzin namens "Ligroin" nachfüllen, mit dem die Motordroschke von Vater Carl betrieben wurde. Der wusste übrigens nichts davon, dass seine Gattin sich den Wagen ausgeliehen hatte – über die unverhoffte PR-Aktion für seine Erfindung dürfte er trotzdem froh gewesen sein.

Mit ungeduldigen Autofahrern hatte Bertha Benz damals nicht zu kämpfen. Dafür aber mit deutlich schlechteren Straßen als heute. Der F-Cell-Roadster gleitet fast lautlos auf dem Asphalt dahin, das lauteste Geräusch ist noch das Surren des Differenzials an der Hinterachse. Die "Drive-by-Wire"-Steuerung per Joystick ist gewöhnungsbedürftig: Das Fahrzeug schiebt stark über die Vorderräder.

Während die Passagiere des Motorwagens von 1888 sehr hoch über der Straße saßen, hockt man im F-Cell Roadster dicht über dem Pflaster. Abgesehen von der Zahnstangenlenkung, die vom Smart stammt, findet sich am F-Cell praktisch nichts aus dem Mercedes-Regal. Die Carbon-Sitzschalen mit handgenähtem Lederbezug sorgen trotz der kaum vorhandenen Federung für ein wenig Komfort, die Füße ruhen auf einer Holzplatte. Das Fahrgefühl dürfte ähnlich sein wir damals vor 120 Jahren: "Ist das nicht genial? So etwas hat man heute doch gar nicht mehr", sagt Ausbilder Marcus Troll, während ihm der Frühlingswind durch die Haare fährt und das gemütliche Tempo alle Zeit der Welt lässt, die Landschaft rundum zu betrachten.

Troll ist stolz auf das, was 150 Auszubildende und Studenten 12 verschiedener Berufsgruppen rund ein Jahr lang entwickelt, konstruiert und zusammengebaut haben. "Wir haben in dem Fahrzeug Stilelemente diverser Designepochen vereint", sagt Stefan Elischer, Ausbildungsmeister für Kfz-Mechatroniker im Werk Sindelfingen und Projektleiter für den F-Cell Roadster. "Die Räder sind Nachbauten der Originalräder des Patent-Motorwagens. Die Motorabdeckung soll an den SL erinnern, die Front an die Formel 1 und Flügeltüren hat der Roadster natürlich auch", zählt Elischer auf.

Den Antrieb übernimmt ein 1,2 Kilowatt starker Elektromotor, die Energie liefert eine Brennstoffzelle. Den Kraftstoff dafür hätte Bertha Benz allerdings kaum in der Apotheke kaufen können - der Roadster muss mit Wasserstoff befüllt werden. Das Tempo ist auf 25 km/h begrenzt und zwar vor allem aus Sicherheitsgründen: "Wegen der historischen Vollgummi-Räder ist es nicht machbar, deutlich mehr Geschwindigkeit herauszuholen", sagt Stefan Elischer.

Der F-Cell Roadster dient vor allem dazu, Nachwuchs für Ausbildungsberufe zu werben. Doch er zeigt auch, wie stark sich die Berufsbilder in der Autobranche mittlerweile verändert haben. "Man lernt zwar auch heute noch die Basics, aber man merkt ganz stark, dass es immer mehr in Richtung alternativer Antriebe geht", sagt Kfz-Mechatroniker-Lehrling Andreas Weber. "Wir vermitteln natürlich noch die herkömmliche Antriebstechnik, aber die alternativen Antriebe fließen immer mehr in die Ausbildung mit ein", ergänzt auch Stefan Elischer.

Abgesehen vom umweltfreundlichen Antrieb hat der F-Cell Roadster dem mehr als ein Jahrhundert alten Motorwagen auch eine andere Sache voraus. Seine Reichweite beträgt rund 350 Kilometer. Heute müsste Bertha Benz also nicht mehr in Wiesloch tanken, sondern könnte in einem Rutsch von Mannheim nach Stuttgart und wieder zurück fahren.
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Quelle: Autoplenum, 2009-04-28

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