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Testbericht

Wolfgang Gomoll, 13. August 2015
Ein neuer Kotflügel kann teuer werden. Wer Karosserieteile ersetzen muss, zahlt bei bei Audi, Mercedes und Co. einen satten Aufschlag von etwa 30 bis 40 Prozent. Die Autofahrer sind verärgert über die Preistreiberei, doch die Hersteller beharren auf den Schutz des geistigen Design-Eigentums.

Seit einigen Jahren tobt ein erbitterter Kampf zwischen dem Einzelhandel und den Automobil-Herstellern. Es geht um das Recht auch bei sichtbaren Karosserieteilen, die Produkte von Drittherstellern zuzulassen. Doch Mercedes, BMW, VW Co. ziehen alle Register, um dieses Szenario zu verhindern. Schließlich verdienen die Autobauer mit diesen Ersatzteilen rund 20 Milliarden Euro pro Jahr.

Die Automobilisten ziehen sämtliche Register, um den Status Quo beizubehalten: Seit 2004 lag eine Initiative der EU auf dem Tisch, nachdem die Reparaturklausel auch für Kraftfahrzeuge eingeführt werden sollte. Das hätte bedeutet, dass bei Arbeiten an der Karosserie auch Teile von Drittherstellern verwendet werden können. Doch die Verabschiedung dieser Designrichtlinie wurde immer wieder verzögert. 2007 hatte der EU-Ministerrat und da vor allem die beiden Auto-Nationen Frankreich und Deutschland die Verabschiedung dieser Richtlinie verzögert. Sieben Jahre später war dann dieser Vorschlag ganz vom Tisch.

Die freien Ersatzteil-Händler laufen nach wie vor Sturm gegen das Ersatzteil-Monopol. Doch die Hersteller pochen auf das Markenrecht, wollen die Arbeit der Designer gewürdigt wissen und verhindern deswegen die Produktion Ersatzteile durch Dritte. Die Autobauer berufen sich im Wesentlichen dabei auf das Geschmacksmusterrecht. Das wurde verfasst, um ein Design und damit auch geistiges Eigentum vor Nachahmern zu schützen und zu verhindern, dass den Verbrauchern Plagiate, die eine schlechte Qualität haben, angedreht werden. Also müssen die Autofahrer meistens in den sauren Apfel beißen und mit teuren Karosserie-Ersatzteilen leben.

Laut dem GVA (Gesamtverband Autoteile-Handel) würden die Preise um 30 bis 40 Prozent fallen, wenn das Monopol der Fahrzeughersteller bei diesen Elementen gekippt würde. "Eine Liberalisierung würde auch in Deutschland für wettbewerbskontrollierte Preise sorgen", erklärt GVA-Präsident Hartmut Röhl. Das sehen die Hersteller naturgemäß ganz anders. "Studien und die praktische Erfahrung belegen, dass geringere Kosten bei Ersatzteilen nicht aber zu sinkenden Reparaturkosten für Verbraucher führen", sagt Christian Treiber, verantwortlich für Marketing und Sales im After Sales-Bereich bei Mercedes-Benz. "So verzeichnet etwa das Vereinigte Königreich seit Jahren den höchsten Preisanstieg bei Reparaturen, obwohl dort kein Designschutz für Ersatzteile besteht." Dann bestünde doch eigentlich kein Grund mehr, den Designschutz weiter aufrechtzuerhalten.

BMW setzt auf die Selbstregulierung des Marktes. "Wie die anderen OEM ist BMW hier ein Marktteilnehmer. Ziel ist es grundsätzlich unseren Kunden hervorragende Qualität und hervorragenden Service zu einem attraktiven Preis anzubieten", heißt es aus der Münchener Konzernzentrale. Die Tatsachen zeichnen ein anderes Bild. Der ADAC hat vor zwei Jahren das Niveau dieser Bauteile verglichen und herausgefunden, dass ein VW-Golf-Fahrer im Vergleich zum Jahr 2006 rund 40 Prozent mehr bezahlen musste. Auch neuere Zahlen belegen, dass die Schere bei den Ersatzteilen nach wie vor weit auseinanderklafft. Im Dezember 2014 kostete die Motorhaube bei einem Golf 1.6 Liter mit 59 kW / 80 PS, Baujahr 4/2011 in der Vertragswerkstatt 294 Euro plus MwSt., bei der freien Werkstatt waren es 100 Euro weniger.

Dieser Trend setzt sich auch bei anderen Bauteilen beziehungsweise Modellen fort. Bekommt der Golf einen neuen Stoßfänger verpasst, beträgt der Preisunterschied gar 149 Euro. Ähnlich sieht das Bild bei einem Ford Focus 1.6 Liter 92 kW / 125 PS, Baujahr 01/2013 aus. Da ist die Motorhaube beim Freien um 17 Euro billiger und die Frontschürze um 107,57 Euro (Quelle: Marktinformationen/GVA). Was neben der Mehrwertsteuer bei den ganzen Beträgen noch nicht erfasst ist, sind die Arbeitskosten, die bei freien Werkstätten im Regelfall geringer sind, als die Sätze in den Vertragshändlern der Automobilhersteller, die zudem oft noch mit festgelegten Arbeitseinheiten operieren. Würde diese Reparaturklausel endlich gezogen werden, wäre der Wettbewerb bei den Ersatzteilen noch stärker und die Preise würden in den Keller purzeln. Dazu braucht man keinen Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften haben, das regelt das Angebot und die Nachfrage.

Zwar haben die Automobilhersteller eine freiwillige Selbstverpflichtung abgeschlossen, nach der sie einen freien Wettbewerb zulassen, aber wenn es hart auf hart kommt, ist diese Absichtserklärung nicht das Papier wert, auf dem es steht. Wenn ein freier Händler dennoch nachgebaute Kotflügel in Deutschland produzieren lässt, kann es schon passieren, dass ein blauer Brief aus Wolfsburg, Stuttgart-Untertürkheim, München oder Ingolstadt ins Haus flattert. Zwar behaupten die Hersteller, nur selten auf dieses Recht zu bestehen, aber wenn ihnen das Treiben zu bunt wird, greifen sie schon mal zum Juristen-Hammer. "In den vergangenen Jahren hat es immer wieder Abmahnungen, zum Teil verbunden mit der Beschlagnahme von Warenlagern, durch Fahrzeughersteller gegeben. Mit solchen Abmahnungen konterkarieren Fahrzeughersteller die freiwillige Selbstverpflichtung, Designrechte nicht zur Behinderung des Wettbewerbs im Kfz-Ersatzteilmarkt einzusetzen. Ein solches Verhalten zeigt die Notwendigkeit für eine klare gesetzliche Regelung und unterstreicht die Wichtigkeit der Einführung einer Reparaturklausel für Kfz-Ersatzteile", macht Hartmut Röhl seinem Unmut Luft. Doch die Autobauer bestehen auf den Schutz des geistigen Eigentums: "Es ist eine viel zitierte Wahrheit, dass sich die Unternehmen in Deutschland gerade durch ihre Innovationskraft auszeichnen und auf Dauer auch nur hierdurch im weltweiten Wettbewerb bestehen können. Eine der wichtigsten Voraussetzungen hierfür ist, das Unternehmen ihre technischen und kreativen Leistungen durch Rechte des geistigen Eigentums hinreichend absichern können", kontert Mercedes-Mann Christian Treiber. Klingt als ob der Streit noch eine Weile andauern würde.
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Quelle: Autoplenum, 2015-08-13

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