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Testbericht

Stefan Grundhoff, Palm Springs, 5. September 2008
Wo passt ein 6er Cabrio von BMW besser als in Palm Springs? 365 Tage im Jahr Sonnenschein, über 40 Grad und eine tiefe Liebe zu europäischen Nobelkarossen – das gibt es nur in der kalifornischen Wüste.

In Europa ist der 6er BMW selbst im Luxussegment ein Nebendarsteller. Dabei braucht er in Sachen Fahrdynamik, Antrieb und Komfort den Vergleich mit den Großen der Branche nicht zu scheuen. Mercedes SL, Jaguar XK, Bentley Continental GT oder Aston Martin Vantage – wer in dieser Liga Coupé oder Cabriolet sucht, dem kommen meist andere Modelle als der 4,82 Meter lange 6er Cabriolet in den Sinn. In Kalifornien oder Florida, besonders aber in der heißen Wüste von Palm Springs sieht man dagegen mehr 6er BMW als irgend anders auf der Welt.

Von den bisher 105.000 produzierten Exemplaren gingen knapp die Hälfte in die USA. In Palm Springs, dem Mekka der Golfspieler und Senioren, liebt man seit Jahrzehnten europäische und besonders deutsche Luxuskarossen. Doch auch hier hat ein BMW wie der Sechser nie das Image eines Mercedes SL, den Namen eines Maserati Coupés oder den Charme eines zweitürigen Bentleys.

Daran krankt die sportliche BMW-Reihe bis heute - auch in Europa. Jeder weiß, dass einer wie der offene 650i ein grandioses Cabriolet ist. Doch beim ersten Kaufgedanken denken viele lieber Richtung Stuttgart, England oder Norditalien. Dabei gehört das Fahrwerk des Sechsers zu den Besten seiner Art. Auf den glatten geraden Highways zwischen Los Angeles und Palm Springs merkt man davon allerdings wenig. Doch wer aus Palm Springs die kurvenreiche Bergroute in Richtung Julian nimmt, weiß die prächtige Straßenlage, die direkte Lenkung und die große Karosseriesteifigkeit zu schätzen.

Der seidenweiche und kraftvoll blubbernde Achtzylinder hat einen großen Anteil am ausgewogenen Gesamtbild. 270 kW/367 PS Leistung sind mehr als genug, um über die US-Highways zu cruisen. Bei 3.400 Touren steht das maximale Drehmoment von 490 Nm zur Verfügung. Den Spurt von 0 auf 100 km/h schafft der mehr als zwei Tonnen schwere Hecktriebler in 5,5 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit wird bei 250 km/h abgeregelt. Doch der 4,8 Liter große Sauger zeigt auch, wie durstig man im Teillastbetrieb unterwegs sein kann. Selbst wer die Zügel schleifen und die Tachonadel bei knapp 80 Meilen einpendeln lässt, muss mit mindestens 13 Litern SuperPlus auf 100 Kilometern kalkulieren. In der Innenstadt wird es mit zum Teil über 20 Litern fast unanständig. Während sich andere BMW-Modelle durch Start-Stopp-Automatik, entkoppelte Nebenaggregate oder Turboaufladung zu Sparmeistern entwickelt haben, ist der 650i nicht nur durch sein mächtiges Gewicht von rund zwei Tonnen ein Schluckspecht. Versprochen sind durchschnittlich knapp 13 Litern – real ist das nicht zu machen. Auf diesem Gebiet gibt es für das Nachfolger, der nicht vor 2011 auf den Markt kommen dürfte, also einiges zu verbessern.

Ähnliches gilt auch für den Innenraum. Verarbeitung und Bedienung sind - abgesehen vom nach wie vor alten iDrive-System - sehr gut. Doch die Sitze lassen in der ersten wie in der zweiten Reihe zu wünschen übrig. Die Fondkopfstützen sind zu kurz und damit fast ebenso überflüssig wie das elektrisch ausfahrbare Glas-Windschott in Form der Heckscheibe. Hinten gibt es eine kaum erwähnenswerte Beinfreiheit und vorne sitzt man für ein Coupé der Luxusklasse ebenfalls kaum mehr als ordentlich. Die Sitzposition ist zu hoch, die Oberschenkelauflage muss man manuell ausziehen und die bei der Konkurrenz längst obligate Sitzlüftung ist nicht einmal gegen Aufpreis zu bekommen. Bei Sommertemperaturen wie in Palm Springs vermisst man sie jeden Tags aufs Neue. Das Dach öffnet und schließt aufgrund des speziellen Finn-Designs ebenfalls sehr langsam – und nur bis zu einer Fahrgeschwindigkeit von knapp 35 km/h. Immerhin: 3er und 1er Cabriolet können es nur im Stand.

Der Basispreis für den sportlichen Cruiser aus Dingolfing liegt in den USA bei 82.700 Dollar – mit Komplettausstattung sind es 15.000 Dollar mehr. In Deutschland muss man deutlich tiefer in die Tasche greifen. Los geht es bei 88.200 Euro. Selbst die sechsstufige Automatik kostet 2.300 Euro Aufpreis. Der Aktivtempomat ist eine feine Sache, hält den Abstand zum Vordermann, kostet aber ebenfalls 1.850 Euro zusätzlich. Kaum zu glauben, dass in einer solchen Fahrzeugklasse Kurvenlicht (870 Euro), Einparkhilfe (810 Euro) und Navigationssystem mit Bluetooth-Anschluss (3.950 Euro) Aufpreis kosten. Wer standesgemäß unterwegs sein will, hat Probleme, den Kaufpreis unter 100.000 Euro zu halten. Ganz nebenbei: selbst Windschott und Skisack kosten noch Aufpreis. Zumindest die kann man sich in Palm Springs sparen. Und die Sonne gibt es ohnehin umsonst.
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Quelle: Autoplenum, 2008-09-05

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