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Testbericht

Stefan Grundhoff, 12. Januar 2015
Detroit wartet jedes Jahr auf die NAIAS. Die North American International Autoshow ist der wirtschaftliche Höhepunkt des ganzen Jahres. Trotz mächtiger Anstrengungen ging es seit den 60er Jahren sonst nur in eine Richtung - bergab.

Wer durch die Straßen der einstigen Millionenmetropole am Detroit River fährt, sieht seit Jahren das gleiche Bild. Heruntergekommene Häuser, zerborstene Scheiben, frierende Obdachlose und ein morbider Charme, der sich längst in eine Aussichtslosigkeit verfestigt hat. Die Stadt, die einst durch die großen Drei General Motors, Chrysler und Ford Weltruhm erlangte, hat diesen noch immer. Doch heruntergekommener kann eine westliche Metropole kaum sein. Immer mehr Fabriken schlossen und die internationalen Autohersteller, die sich in den vergangenen Jahrzehnten in den USA niedergelassen haben, zog es in den Süden der USA. "Die Krise hat doch nicht erst vor 15 oder 20 Jahren begonnen", grummelt der Taxifahrer, "man muss sich doch nur umschauen. Im Winter ist es besonders schlimm hier." Doch im zumeist eiskalten Januar blickt die Welt zwei, vielleicht drei Tage nach Wayne County, Michigan. Dann fällt die Automobilindustrie ein als wäre nichts gewesen und feiert sich und ihre Neuigkeiten auf der NAIAS lautstark selbst. Sonst gibt es außer ein paar Spielcasinos, dem Eishockeyteam der Detroit Redwings und der zentralen Cobo Hall kaum etwas, weshalb man nach Detroit kommen sollte.

Es ist nicht die erste Krise der Metropole von Michigan. In fast jedem der letzten Jahrzehnte gab es einen Abgesang auf die Stadt südlich des St. Clair Sees, die im Juli 1701 von Franzosen gegründet wurde. Von jenen Franzosen ist heute weniger denn je zu sehen. Die französischen Automarken haben sich vor Jahren vom US-Markt zurückgezogen und in Downtown Detroit gibt es nicht einmal ein französisches Restaurant. Man isst nach wie vor Burger, Steaks, eine American Pizza oder geht zum Griechen seines kulinarischen Vertrauens. Die Innenstadt am Detroit River, die lange Jahre als die hässlichste der USA ausgezeichnet wurde, wurde in den vergangenen Jahren immer wieder mit aufwendigen Einzelprojekten aufgemöbelt. Gebracht hat das nichts, weil kein Leben in die Stadt kommt, Geschäfte erst leer gezogen werden und dann verwahrlosen. In die Innenstadt fahren die meisten Bewohner aus Detroit allenfalls dann, wenn die Redwings in der Joe-Louis-Arena ein Heimspiel haben oder ein paar Meter weiter bis zu 42.000 Zuschauer im Comerica Park das Baseballteam der Detroit Tigers anfeuern. Einkaufen, Spaziergehen oder einfach Freunde treffen? Abgesehen von zwei Handvoll Restaurants gibt es hier nichts, was locken könnte. Und gerade in den kalten Wintermonaten bewegt sich hier nicht viel außer dem 1987 eingeführten "People Mover" der überirdisch durch die City rattert. Einst war die legendäre Woodward Avenue so belegt wie Broadway oder Park Avenue in New York.

Dabei hatte es einmal völlig anders ausgesehen. Detroit war durch die Big Three ein Boomtown und die Autoindustrie war der Motor. Das legendäre Modell Ford T lief im Ford-Werk Highland Park erstmals im Jahre 1909 von Band und läutete weltweit eine neue Ära der Mobilität ein. Immer mehr Autohersteller und Zulieferer siedelten sich an und innerhalb weniger Jahre stieg die Bevölkerungszahl von knapp 500.000 um 1910 auf knapp zwei Millionen in den 50er und 60er Jahren. Doch seither geht es in und mit Detroit abwärts - die Einwohnerzahl sank zuletzt auf unter 700.000 - Tendenz weiter fallend. Außer der Autoindustrie gibt es in Wayne County kaum nennenswerte Wirtschaftszweige. Zahllose Großfabriken verfallen seit Jahrzehnten. Die mächtige Packard-Fabrik soll seit Jahren wieder belebt werden - ohne Erfolg.

Detroit ist Grenzstadt zur kanadischen Stadt Windsor und seit Jahrzehnten bekannt für seine hohe Kriminalität. Legendär sind die Rassenunruhen im Jahre 1967. Hunderttausende von Einwohnern verließen Detroit in den 70er und 80ern. Viele Häuser sind verfallen und wurden nie wieder bezogen. Seit rund zehn Jahren bemüht man sich, Detroit wieder auf lebendige Beine zu bringen. Herunter gekommene Viertel werden abgerissen, neue Wohn- und Geschäftsviertel erstellt. Bauten wie das Renaissance Center, die Joe-Louis-Arena oder das Stadion Comerica Park bringen jedoch kaum mehr als zaghafte Ansätze. Hoffnung auf Besserung hatten viele auch in den jungen Bürgermeister Kwame M. Kilpatrick, der im Alter von 31 Jahren 2001 das Regiment übernahm. Doch er wurde Ende der 90er Jahre zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Weder sein Nachfolger Kenneth Cockrel Jr. noch Mike Duggan konnten an seine Aufbruchsstimmung anknüpfen. Seit zahllosen Jahren gilt Detroit als gefährlichste Stadt der USA. Die düsteren Viertel der Stadt befinden sich diesseits der legendären 8-Mile-Line. Während diesseits viele Häuser verfallen und brennende Mülltonnen keine Seltenheit sind, geht es jenseits der 8-Mile-Road überaus hübsch zu. Nette Einfamilienhäuser mit gepflegten Gärten sind ein krasser Gegensatz zu den Bauruinen ein paar hundert Meter weiter in den schwarzen Vierteln.

Außer der Autoindustrie gibt es nicht viel, was die Einwohner von Detroit und der Region Wayne County bewegt. Die Baseballmannschaft der Detroit Tigers, das Eishockeyteam der Detroit Red Wings und die Basketballer Detroit Pistons sind nach wie vor die wenigen Aushängeschilder der Region. In der Umgebung von Detroit sieht es kaum besser aus. General Motors hat seinen Sitz direkt in Detroit mit Blick auf die kanadische Seite des Detroit River; die Ford Motor Company hat mit Dearborn eine eigene Stadt im Südwesten von Detroit kreiert und Chrysler sitzt im nördlich gelegenen Auburn Hills. Doch Chrysler ist nach der Übernahme durch Fiat nur noch ein Teil von Fiat Chrysler Automobiles mit Sitz in Amsterdam. Die Partnerstädte könnten typischer nicht sein: Toyota in Japan und Turin in Italien - ebenfalls echte Autostädte.
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Quelle: Autoplenum, 2015-01-12

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