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Testbericht

Stefan Grundhoff, 15. Juni 2011
Vor 50 Jahren träumten die Zukunftsforscher vom Auto, das von alleine fährt. Mit ACC InnoDrive entwickelt Porsche derzeit ein System, das dieser Utopie vom Fahren sehr nahe kommt.

Das, was bei Porsche als "Adaptive Cruise Control" (ACC) in der Aufpreisliste steht, gehört auch bei anderen Premium-Herstellern längst zum normalen Angebot. Der Fahrer stellt eine gewünschte Höchstgeschwindigkeit ein, das Auto legt los und fährt mit diesem Tempo, ohne dass der Fahrer noch etwas anderes machen muss als lenken. Soweit, so Tempomat. Die aktuellen Systeme erkennen darüber hinaus per Radar, Kamera oder anderen Sensoren Fahrzeuge voraus, deren Geschwindigkeit oder Stillstand und passen das eigene Tempo automatisch an - im Extremfall bis zur Vollbremsung. Das ist praktisch, entspannend und sicher auf der Autobahn und gut ausgebauten Landstraßen. Definiert wird die eigene Geschwindigkeit dabei vor allem durch den Verkehr voraus.

Porsche geht mit ACC InnoDrive nun einen logischen Schritt weiter. Dort richtet sich das System nicht mehr nur nach dem vorausfahrenden Verkehr und hält ansonsten stur die eingegebene Höchstgeschwindigkeit, kurve, was da wolle. InnoDrive wertet vielmehr in Echtzeit eine Fülle von Informationen aus und sorgt dafür, dass der Wagen immer mit dem optimalen Tempo unterwegs ist. Auch auf Landstraßen oder Innerorts. InnoDrive, so formulieren es die Sportwagenbauer, "bettet das Fahrzeug innerhalb seiner Umwelt in eine Betriebs- und Fahrstrategie ein". Klingt kompliziert, ist aber simpel - zumindest in der Theorie. Das System nutzt dabei nicht mehr nur, was ihm die Sensoren über den Verkehr voraus an Daten liefern. Es packt auch noch Kartendaten des Navigationssystems und von den GPS-Satelliten dazu, in späteren Stufen noch Wetter- oder Staudaten, die Signale von Ampelanlagen oder geschlossenen Bahnschranken. Der Bordrechner kennt Steigungen und Gefälle, Straßenkrümmungen und Kurvenradien, erkennt Geschwindigkeitsbeschränkungen und Kreuzungen. So "schaut" der Computer jeweils mehrere Kilometer voraus und regelt auf der Basis dieser Informationen vollautomatisch das Zusammenspiel von Gas, Getriebe und Bremsen.

Das Ergebnis ist verblüffend, wie ein paar Runden im Panamera rund um das Porsche Entwicklungszentrum im schwäbischen Weissach zeigen. Ein kurzer Druck auf den Hebel des Tempomaten und schon setzt sich der Zweitonner in Bewegung. Landstraße, Tempo-70-Schild: Die Tachonadel pendelt um 70 km/h. Weit gezogene Linkskurve: Der Porsche rollt unbeirrt mit gleichem Tempo durch den Bogen. Schild mit der Auflösung der Geschwindigkeitsbeschränkung: Der Wagen beschleunigt selbsttätig auf 100 km/h. Enge Rechtskurve: sanftes Abbremsen zum Kurveneingang hin, dann Rausbeschleunigen aus der Kurve. Ortsschild voraus: Rechtzeitig genug ist der Porsche auf Tempo 50. Der Wagen denkt - der Fahrer lenkt. Das alles mit einer geradezu perfekten Präzision. Wer zwischendrin überholen will, der setzt manuell den Blinker, beschleunigt wie gewohnt und schert vorbei. Dann wieder ein Druck auf den ACC-Hebel - und das Auto übernimmt.

Porsche wäre nicht Porsche, wenn das System nicht auf Knopfdruck verschiedene Fahr-Modi bereitstellen würde, von Eco über komfortabel bis dynamisch. Jeweils errechnet das System die möglichen und tolerierbaren Mindest- und Höchstgeschwindigkeiten, definiert einen "Fahrschlauch" mit entsprechenden Unter- und Obergrenzen für die Geschwindigkeit, die Effizienz und die Dynamik, mit der sich das Fahrzeug bewegen kann. Mit einfließen dabei die Vorgaben des Fahrers - wer lieber ruhig gleiten will, ist mit anderen "Akzeptanzfaktoren" unterwegs als der Dynamiker, der durchaus Längs- und Querbeschleunigung spüren will. In einem zweiten Schritt rechnet InnoDrive dann das ideale Geschwindigkeitsprofil innerhalb des jeweiligen Fahrschlauchs aus, die "Trajektorie". Durchgespielt werden dabei zahllose Möglichkeiten für die Fläche voraus. Daraus wählt das System in Echtzeit schließlich das Geschwindigkeitsprofil aus, das die Kriterien am besten erfüllt - je nach vorgewählter Grundcharakteristik. So wird beispielsweise im "Dynamik"-Profil hinter einem Ortsende kräftiger beschleunigt als in der "Komfort"-Einstellung. In einem dritten Schritt gibt InnoDrive diese Werte dann an Motor, Getriebe und Bremsen weiter: Macht mal.

Da der Computer gleichzeitig ein Dutzend Variablen steuert bis hin zum Vorlegen der nächsten Gangstufen oder des jeweils optimalen Drehmoments, ist der Wagen deutlich präziser unterwegs. Die Vorteile sind beträchtlich - und weit gespreizt. Beim Verbrauch zum Beispiel kommen die Porsche-Ingenieure auf rund zehn Prozent Einsparung, weil InnoDrive den Wagen immer im jeweils idealen Zustand rollen lässt. Der Komfortgewinn ist auch abseits der Autobahnen beträchtlich: Der Fahrer muss sich nur noch um das Lenken kümmern, das Thema Fahrdynamik nimmt ihm - auf Wunsch - der Computer ab. Da der Wagen immer mit einem optimalen Tempo unterwegs ist, verringern sich Fahrzeiten. Das System "weiß" zum Beispiel, dass hinter einer Kuppe keine Kurve kommt und bleibt konstant im Tempo - der Fahrer dagegen verringert auf unbekannter Strecke vorsichtshalber schon mal die Geschwindigkeit.

Wann - und ob - ACC InnoDrive jemals in Serienautos von Porsche eingebaut wird, ist derzeit noch nicht abzusehen. Ein Hauptkriterium dafür ist, die notwendigen Streckeninformationen im Navigationssystem zu haben. Das, so ist man bei Porsche zuversichtlich, könne in zwei, drei Jahren soweit sein. Derzeit läuft InnoDrive noch mit eigens beschafftem Datenmaterial speziell für die Strecke bei Weissach. Auch vom Preis her sieht Porsche keine unüberwindbare Hürde: InnoDrive nutze bereits vorhandene Sensoren und Schnittstellen. Das System ist schon jetzt im frühen Entwicklungsstadium erstaunlich und passt bestens in komfortbetonte Fahrzeugreihen wie Panamera oder Cayenne, weniger vielleicht in den ruppigen 911 GT2 RS. Aber wer seinen "Fahrschlauch" selbst bestimmen will: InnoDrive lässt sich auch abschalten.

Quelle: Autoplenum, 2011-06-15

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