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Testbericht

Wolfgang Hörner, 23. September 2019
Zur Eröffnung des neuen Nürburgrings lud Mercedes vor 35 Jahren alle Formel-1-Weltmeister zu einem Rennen in die Eifel. Der damals noch völlig unbekannte Ayrton Senna gewann - in einem fast serienmäßigen Mercedes 190 E.

Ein junger Kerl marschierte im Frühjahr 1984 durch das Fahrerlager des frisch umgebauten Nürburgrings. Auf den Tribünen kannte ihn praktisch niemand. Dabei waren an diesem Tag mehr als 100.000 Menschen in die Eifel gekommen, um die Eröffnung der grundlegend umgebauten und modernisierten Rennanlage mit einem üppigen Show-Programm zu feiern. Doch selbst unter seinen Kollegen war das Baby-Face nahezu unbekannt, obwohl der junge Mann sogar schon den Sprung in die Formel 1 geschafft hatte - allerdings nur bis Toleman, einem chronisch unterfinanzierten Rennstall, der lediglich das Starterfeld komplettierte. Der Name des erst 24-Jährigen: Ayrton Senna, der spätere dreimalige Formel-1-Weltmeister.

An diesem Tag, dem 12. Mai 1984, war der Brasilianer wieder nur eine Art Lückenfülller. Mercedes hatte zur Wiedereröffnung des Nürburgrings das \"Race of the Champions\" organisiert - ein Rennen, bei dem Formel-1-Weltmeister und andere Motorsport-Größen mit gleichen Fahrzeugen gegeneinander antraten. Die Idee war genauso genial wie verwegen. Schließlich waren die Stuttgarter zu diesem Zeitpunkt Lichtjahre vom Motorsport entfernt und jahrzehntelang nicht mehr aktiv gewesen. Mercedes-Limousinen fuhren in dieser Zeit vor allem Helmut Kohl und distinguierte Bankiers. Und Opa. Freilich war es auch nicht irgendein Modell, das zum Einsatz kam, sondern das mit Abstand sportlichste im Hause: der neue 190E 2.3-16 mit Vierventiltechnik. So ungewöhnlich der Name dieses 190er-Ablegers, so ungewöhnlich war auch das Spoilerwerk rundherum. Heckflügel und tiefe Frontschürze hatte es bis dahin noch nie ab Werk gegeben. 185 PS bei vergleichsweise hochdrehenden 6.200 Touren - auch so etwas hatte Mercedes bis dato nicht im Programm. Das war tatsächlich eher dazu angetan, ein paar schnelle Runden auf der Rennstrecke zu drehen als sich im Fond zur Firma chauffieren zu lassen.

Wie lange sich die Formel-1-Größen bitten ließen, um beim \"Race of the Champions\" mitzumachen, ist nicht überliefert - wohl aber, dass die meisten kamen. So versammelte Mercedes nahezu alle noch lebenden Formel-1-Weltmeister in der Eifel: Niki Lauda, Keke Rosberg , Alan Jones, James Hunt und Jody Scheckter gehörten dazu. Auch Champions der 1960er wie Phil Hill, Jack Brabham, John Surtees und Dennis Hulme waren mit von der Partie. Selbst Rekord-Weltmeister Juan Manual Fangio war an den Ring gekommen, verzichtete aber aus gesundheitlichen Gründen auf den Start. Lediglich Nelson Piquet und Jackie Stewart fehlten, weil sie bei ihren Arbeitgebern BMW und Ford keine Freigabe erhielten, sowie Emerson Fittipaldi und Mario Andretti, die zeitgleich in Indianapolis antraten. Um auf 20 Piloten zu kommen, lockte Mercedes weitere Recken an: Carlos Reutemann, Jacques Laffite und Alain Prost waren nur einige davon. Und eben auch Ayrton Senna, der unbekannte Rookie.

Sennas Berater hatte ihm die Sache dadurch schmackhaft gemacht, indem er ihm erzählte, dass er bei einer guten Platzierung viel Publicity ernten würde. Und tatsächlich fuhr der Brasilianer das ganze Wochenende lang als ginge es um die Weltmeisterschaft. Im Qualifying parkte er seinen 190er auf Platz drei, geschlagen nur von Prost und Reutemann. Doch im Rennen gab\\\'s kein Halten mehr: Senna sprintete an die Spitze, spulte mit virtuosem Können Runde um Runde ab - bevor sich plötzlich Niki Lauda im Rückspiegel breitmachte. Der Österreicher hatte von ganz hinten starten müssen und war wie ein Besessener durchs Feld gepflügt. Vom Nobody in die Schranken verwiesen zu werden, was nicht Laudas Ding. Rundenlang behakten sie beide. Mal lag der eine vorne, mal der andere. Ein beherztes Überholmanöver brachte Senna schließlich wieder an die Spitze und aufs Siegerpodest. Das Resultat war eine faustdicke Überraschung und auch nicht ganz nach dem Geschmack von Mercedes: Ein bekannterer Name wäre den Marketing-Strategen damals lieber gewesen.

Rückblickend war Sennas Erfolg wohl das Beste, was Mercedes passieren konnte. Statt Sieg Nummer X für einen Star, war es das erste Mal, dass der Brasilianer seine Konkurrenten so düpierte, wie er es später noch ganz oft tat. Der Mut von Mercedes wurde aber noch aus einem anderen Grund belohnt: Ein sportliches Auto auf die Rennstrecke zu schicken, ist das Eine. Mit ihm ein ernsthaftes Rennen zu bestreiten, das Andere. Die 20 identischen Exemplare des 190E 2.3-16 schlugen sich wacker, befanden sich dabei aber nahezu im Serienzustand. Natürlich war Sicherheitsequipment und ein Überrollkäfig dazugekommen. Auch war für die höhere Dauerbelastung eine größere Bremse eingebaut worden und für mehr Action eine kürzere Übersetzung - alles nichts, was die Charakteristik des Fahrzeugs grundlängend veränderte. Antrieb und Aerodynamik blieben sogar völlig unangetastet.

Nur ein Sportauspuff sorgte für einen noch rotzigeren Klang. Ein Sound, der heute noch Gänsehaut erzeugt und ein Beweis ist, wie weit man damals bei Mercedes zu gehen bereit war. Trotz allem fährt sich der Renn-190er so mühelos und unkompliziert, wie man es von der Marke erwartet. Dass Scheinwerferwischer, elektrische Sitzverstellung und Kassettenradio an Bord sind, mag ein Schmunzeln hervorrufen - wäre da nicht die Ehrfurcht, in Sennas Siegerauto zu sitzen. Im echten, wohlgemerkt, denn Nachbauten gibt es mittlerweile viele - auch dadurch angestachelt, dass Mercedes nach dem Rennen erst einmal wieder einpackte: Fast alle Autos wurden zurückgerüstet und verkauft, das Siegerfahrzeug kam ins Werksmuseum. Nur noch die Existenz eines weiteren Exemplars ist eindeutig dokumentiert: der Wagen von Lauda, der Senna damals vergeblich zu stoppen versuchte.
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Quelle: Autoplenum, 2019-09-23

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