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Testbericht

Peter Weißenberg/SP-X, 5. Juli 2021
SP-X/Münster. Ein wolkenverhangener Sommermorgen in Münster. Beim Frühstück dudelt ein Sender Oldies, die Gespräche drehen sich um Urlaubsfahrten mit den Eltern, die viele, viele Jahrzehnte vergangen sind: Leere Straßen, gemächlich ging’s gen Süden, viel Muße für Vorfreude und die Landschaft längs der Landstraße. Ach, ließen sich die Zeiten doch noch mal zurückdrehen.Kein Problem – wenigstens in einer Hinsicht: Nach Kaffee und Müsli wartet nämlich ein Volvo PV 444 vor der Tür, Baujahr ‘57. Daneben steht der aktuelle Elektro-SUV XC 40 der Schweden. Aber der darf nur zwischendurch mal seine Ausfahrt-Qualitäten zum Vergleich antreten. Los geht die Reise im „Volksvagn von Ole Medel-Svensson“ aus den Fünfzigern, damals Traumauto schwedischer Normalverdiener.Schon auf dem ersten Meter wird klar, dass dies eine Zeitreise ist: „Krack“ sagt das Getriebe; bitte nicht vergessen, dass der erste der drei Gänge nicht synchronisiert ist. Das bedeutet: Er mag ein bisschen Anstoß vom Gasfuß vor dem Einlegen des Ganges, erst dann drehen sich die Zahnräder im gleichen Takt. „Förlåt” – wie sich der Schwede entschuldigt.  Überhaupt stellt sich am dürren Steuerrad des Oldtimers sofort die ganz persönliche Beziehung zum automobilen Gefährten ein. Die musste damals jeder Lenker beherzigen, wollte er lang Freude am Zusammenleben haben. Ein leichtes Zittern der Motorhaube ab Tempo 75 sagt etwa: Es sollte heute nicht weiter Richtung der utopisch-maximalen 150 auf der Geschwindigkeitsanzeige gehen. Die leicht feuchte Landstraße Richtung Greven lässt das nicht angeraten sein.  Wer einen „personvagn 444“ besitzt – die drei Zahlen stehen übrigens für vier Zylinder, vier Türen, 40 PS –, der braucht kein Achtsamkeits-Seminar. Die Assistenzsysteme in der Zubehörliste sind nämlich überschaubar: immerhin schon Sicherheitsgurte vorn, sonst aber nur Weisheit, Einsicht, Demut und das Popometer. Der Oldie gibt stets mit einem Zucken des Fließhecks verlässlich Rückmeldung, wenn die Kurve schon mit Tempo 30 zu forsch angegangen wird. Bis hierher und nicht weiter, besser für uns beide.Im modernen XC 40 gleitet es sich dagegen wie auf Schienen durch die gleiche Kurve – und das bei 65 Stundenkilometern. Dem Fahrwerk, breiten Reifen, exakt handhabbarem Servo-Lederlenkrad sei Dank. Und im Zweifel gibt es ja ESP und ABS und Bremskraftverstärker. Ginge es da nicht sogar mit Tempo 75? Der Gedanke belegt den Nachteil moderner Mobilität: Das Gefühl für die Grenzen der Physik geht im schallgeschützten, wohltemperierten, frischbelüfteten Kokon an Bord verloren. Und wer mit 75 den Abflug in die Botanik macht, dem helfen auch die ausgefeiltesten Sicherheitszellen und Airbags nicht verlässlich.Im PV 444 dagegen wird es dem Fahrer immer warm, wenn’s draußen heiß hergeht. Nicht nur wegen der fehlenden Klimaanlage, die durch Ausstellfensterchen kompensiert wird. Es riecht nach Heu, Sonne oder Regen, oft auch ein wenig nach „Bensin“, wie es auf einem der vier Kontrollinstrumente im metallenen Armaturenbrett heißt. Das ist übrigens in einer der 50 Shades of Grey, die innen und außen den alten Volvo kolorieren. Nur die Federkernsitze (ohne Kopfstützen) sind mit Goldkrönchen-Stoff bespannt, wie ihn Großtante Elfriede auf dem Sofa in der guten Stube pflegte.Der moderne Volvo umkuschelt seine Passagiere dagegen mit schwarzem Leder, orangefarbenem Teppich und fein gearbeiteten Alu-Applikationen. Ikea in edel, Google Maps, DAB und Co inklusive. Im PV 444 ist nicht einmal ein Radio eingebaut. Die Urlaubslaune kommt durch gemeinsames Singen der Familie auf – oder beim rituellen Kettenrauchen. Der Aschenbecher oben in der Mitte des Armaturenbretts zeigt den damaligen Stellenwert der Zigarette bei jeder Reise in die Sommerfrische.Jetzt aber nieselt es ein wenig. Der Fahrer schiebt den grauen Bakelit-Knauf des langen Lenkstocks Richtung Gang 2 zurück, das Fleckvieh längs des Weges duckt sich unter die Bäume und äugt interessiert Richtung Klassik-Volvo. Der ist ja auch ein ungewöhnlicher Anblick in der cW-Wert-optimierten Gegenwart mit seinem runden Rücken und der mächtigen Motorhaube zwischen den breiten Kotflügeln. Wegen des Anklangs an damals modische US-Straßenkreuzer bekam er auch seinen Spitznamen „Buckel-Volvo“. Ein US-Soldat am Wegesrand hätte allerdings beim Anblick eher gedacht: „Wer hat denn meinen Buick geschrumpft?“ Mit 4,37 Metern Länge ist der Volvo nach heutigen Maßstäben ein Kompakter.Der XC 40 wirkt dagegen viel massiger, obwohl er nur fünf Zentimeter länger ist. Dafür streckt sich der moderne Volvo aber mit 1,65 Metern Höhe gleich eine Kopflänge mehr nach oben, und bei der Breite sind es mit 1,86 Metern gleich 36 Zentimeter mehr. Von denen kommen im Innenraum allerdings zumindest vorn gar nicht so viel mehr Platz an. Die Türen des PV 444 sind vor der Crashtest-Ära bedeutend dünner. In schmalen Gassen münsterländischer Dörfer tut sich der Lenker des alten Volvo denn auch leichter. Rückspiegel ankratzen? Das ist auch nicht zu befürchten. 1957 gab es die nur als Zubehör. Wer überholte einen schon groß in Schwedens Weiten.Nach einem Zug am Metallhebel ganz links fiepen die Scheibenwischer nun ein Guckloch über die Scheibe, immerhin schon aus Verbundglas. Fortschritt, der anderswo noch lange auf sich warten ließ. Genau wie die selbsttragende Karosserie. Im PV 444 trägt die erkennbar zu einer Straßenlage bei, die bei moderaten Geschwindigkeiten auch heute noch den Wagen alltagstauglich macht. Es geht aber auch mehr: 1958 hat Gunnar Andersson mit ihm sogar die Rallye-Europameisterschaft gewonnen, garantiert todesmutig.Wo sein elektrisch angetriebener Urahn gefühlt mit Überschall von Null auf Hundert hastet, zeigt unser PV 444 dagegen eher Drehmomentchen – Entschleunigung statt Beschleunigung. Und das ist in diesem unvergleichbaren Aufeinandertreffen der Generationen vielleicht seine sympathischste Eigenschaft. Die alten Zeiten des Reisens, sie hatten schon ihren Reiz. Nicht nur auf Urlaubsfahrt. Der Blick zurück zeigt oft erst, wie selbstverständlich uns heute manch technischer Fortschritt ist. Der Fahrvergleich zwischen einem Volvo Baujahr 1957 und einem von 2021 macht aber auch klar, was Autofahren in den vergangenen Jahrzehnten verloren hat – und das kann in heutigen Neuwagen sogar gefährlich werden.
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Fazit
Der Blick zurück zeigt oft erst, wie selbstverständlich uns heute manch technischer Fortschritt ist. Der Fahrvergleich zwischen einem Volvo Baujahr 1957 und einem von 2021 macht aber auch klar, was Autofahren in den vergangenen Jahrzehnten verloren hat – und das kann in heutigen Neuwagen sogar gefährlich werden.

Quelle: Autoplenum, 2021-07-05

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