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Testbericht

Benjamin Bessinger/SP-X, 12. April 2011

Der Mini fährt schon elektrisch, der BMW 1er wird bald folgen - da will auch die feine Tochter Rolls-Royce nicht zurückstehen und geht deshalb mit einem elektrischen Phantom auf Welttournee. Zwar sollen diesen 102 EX möglichst viele Millionäre und Meinungsbilder fahren - weil Rolls-Royce so herausfinden möchte, ob ein Elektroantrieb zur Marke passt und die Kunden diesen Schritt akzeptieren würden. Doch machen die Briten keinen Hehl aus den düsteren Aussichten für das in Atlantic Chrome lackierte Einzelstück: „Das ist für uns ein rollendes Forschungslabor, mit dem wir die Meinung unserer Kunden erforschen wollen. Eine Serienfertigung ist definitiv nicht geplant“, dämpft Projektleiter David Hall die Erwartungen.

Was die Kunden von dem Projekt halten, können die Manager in Goodwood nur schwer abschätzen. Einerseits gibt es kaum eine Klientel, zu der ein Elektroauto besser passen würde. Denn die meisten Phantom sind nur für Kurzstrecken im Chauffeurbetrieb im Einsatz. Akku-Aufpreise selbst von mehreren Zehntausend Euro dürfte die erlauchte Kundschaft mit einem Schulterzucken akzeptieren. Die mangelnde Reichweite könnte sie mit dem Privatjet kompensieren. Und wenn dieser Rolls Royce an der Steckdose hängt,  stehen im Schnitt ja noch zwölf andere Autos in der Garage. Andererseits gilt die Rolls-Royce-Kundschaft als besonders verwöhnt, traditionsbewusst und verliebt in großvolumige Motoren, die jene mühelose, fast geisterhafte Beschleunigung ermöglichen, die einem Phantom zu eigen ist.

Deshalb freut sich der Testfahrer bei der ersten Runde mit dem 102 EX auch nicht wie im Tesla oder im Audi E-Tron an der Stille des Elektroantriebs, sondern lauscht eher kritisch in die Tiefen des Autos, ob er nicht doch ein paar Störgeräusche hört. Diese Sorge können wir ihm nehmen: Wenn es eine Steigerung für die Stille eines V12-Motors gibt, dann ist es der Elektroantrieb. Es ist fast schon ein wenig gespenstisch, wenn sich der fast sechs Meter lange Luxusliner lautlos in Bewegung setzt, als hätte ihn ein Magier vom Hof gezaubert.

Auch sonst muss man an Bord des 102 EX auf nichts verzichten, was man von einem Rolls-Royce gewohnt ist. Zugegeben, die Höchstgeschwindigkeit ist mit Rücksicht auf die Reichweite auf 160 km/h limitiert. Aber das stört nur die Deutschen, unter denen es ohnehin die geringste Rolls-Royce-Quote gibt. Aber der Elan des elektrischen Dickschiffs steht dem des V12-Modells in nichts nach: Nicht einmal acht Sekunden vergehen, bis der große Gleiter auf Tempo 100 ist, und das Überholen ist ein Kinderspiel.

Möglich machen das zwei Elektromotoren, die anstelle des Benzintanks über der Hinterachse montiert sind. Sie haben zusammen 290 kW/394 PS und kommen den 338 kW/460 PS des Benziners damit sehr nahe. Wichtiger noch: Wo dem Verbrenner 720 Nm Drehmoment reichen müssen, stehen hier 800 Nm zur Verfügung - und das ab der ersten Umdrehung.

Um den Dreitonner derart kraftvoll in Fahrt zu bringen, braucht es allerdings viel Energie - sehr viel. „Deshalb haben wir den größten Akku ausgewählt, der je in einen Pkw eingebaut wurde“, sagt Hall und öffnet die Motorhaube. Darunter ist wirklich jeder Kubikzentimeter bis weit in den Getriebetunnel mit Lithium-Ionen-Zellen gefüllt. Zusammen sind das 96 Blöcke von der Größe eines Telefonbuchs, die mit ihren 640 Kilogramm fast so viel wiegen wie ein Kleinwagen. Dennoch beziffert Hall die Reichweite auf maximal 200 Kilometer und räumt ein, dass der Wagen nach forscher Fahrweise auch früher leer ist. Im Stadtverkehr dagegen kann er sogar länger fahren, weil die Motoren beim Bremsen zum Generator werden und ein wenig Energie zurück gewinnen. Wie stark dieser Effekt und mit ihm der Widerstand beim Lupfen des Gasfußes ist, kann man mit einem Knopf am Lenkrad in zwei Stufen wählen.

Egal wie gut man rekuperiert - irgendwann muss der 102 EX an die Steckdose. Und zwar ziemlich lange. Weil viele Akkus auch viel Zeit zum Laden brauchen, hängt er selbst bei Starkstromversorgung acht Stunden am Netz. An der normalen Haushaltssteckdose dauert die Ladung sogar 20 Stunden. Aber immerhin: Damit niemand im Smoking strippen ziehen muss, hat Projektleiter Hall dem Phantom auch eine Induktionsplatte unter den Wagenboden geschraubt, die funktioniert wie die Ladestation einer elektrischen Zahnbürste: Kaum parkt der Phantom über dem entsprechenden Gegenstück im Asphalt und autorisiert sich über eine Bluetooth-Verbindung, fließt der Strom auch ohne Kabel.

Während der Antrieb erst noch die hohen Hürden der Meinungsforschung nehmen müsste und danach wohl frühestens für die nächste Generation des Phantom in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts zur Serienreife entwickelt werden könnte, haben andere Details an diesem Forschungsfahrzeug bereits den Weg auf die Straße geschafft – zum Beispiel die transparente Ausgabe der Kühlerfigur „Spirit of Ecstasy“, die aus dem Sockel heraus beleuchtet wird. „Die hat den Kunden so gut gefallen, dass sie bereits für den normalen Phantom bestellt wurde“, sagt Pressesprecher Frank Tiemann. Genauso wie auf dem 102 EX wird sie allerdings nicht ausgeliefert: „Das elektrisierende Blau bleibt dem Elektro-Fahrzeug vorbehalten“.

Eine Fragebogen-Aktion mit Königen und Konzernchefs? Das schien Rolls-Royce nicht eben die adäquate Lösung, um die Akzeptanz alternativer Antriebe auszuloten. Deshalb haben die Briten zur Ermittlung eines Meinungsbildes einfach ein E-Auto gebaut.

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Fazit
Eine Fragebogen-Aktion mit Königen und Konzernchefs? Das schien Rolls-Royce nicht eben die adäquate Lösung, um die Akzeptanz alternativer Antriebe auszuloten. Deshalb haben die Briten zur Ermittlung eines Meinungsbildes einfach ein E-Auto gebaut.

Quelle: Autoplenum, 2011-04-12

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