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Testbericht

Stefan Grundhoff, 17. November 2010
Die Krise auf dem US-Automarkt scheint fast vergessen. Denn die Scheinwerfer auf der L. A. Autoshow strahlen so hell wie vor ein paar Jahren und die Amerikaner scheinen wieder Lust auf SUV, Sportwagen und Pick Up zu bekommen. Gerne grün – aber bitte geräumig und sportlich. Lexus nennt es treffend: „the darker side of green“.

An sich präsentiert sich die Los Angeles Autoshow wie vor drei oder vier Jahren. Der Fast-Untergang der amerikanischen Autoindustrie war kaum mehr als ein irreales Horror-Szenario und Elektroautos sprossen noch als zarte Pflänzchen aus dem Asphalt. Auf dem Weg zum Convention Center sind die Straßen prallvoll wie an jedem Werktag in Downtown Los Angeles. Die Einwohner bereiten sich auf das Thanksgiving-Fest vor während von überdimensionalen Plakaten die Stars der Los Angeles Autoshow herabstrahlen. Die Gallone Kraftstoff mit einem europäischen Volumenadäquat von knapp vier Litern kostet weiterhin gerade einmal drei Dollar und jeder auf der Autoshow ist froh, dass er gerade nicht in Detroit sein Messedasein fristen muss. Das allwinterliche Damoklesschwert kündigt sich erst wieder für Mitte Januar an. In Los Angeles rücken sich derweil die zunehmend zuversichtlicher werdenden Autohersteller mit Messeauftritten, Neuheiten und bunten Darbietungen wieder in ein imagegerechtes Licht. So einen abgefahrenen Crossover wie den offenen Nissan Murano hat man schließlich seit dem offenen Ford Bronco in den frühen 80 Jahren nicht mehr erlebt. Dazu ein sehenswerter Cityflitzer wie der Cadillac ULC oder der muskulöse Dodge Durango - es darf gespielt und gestaunt werden. Anfassen und hereinsetzen dringend erwünscht.

Die Europäer zeigen sich in der sonnigen Hauptstadt der US-Westküste gewohnt auswärtsstark. Mercedes CLS 63 AMG, der 330 PS starke Porsche Cayman R oder der offene VW Eos zeigen die Lust an sportlichen Autos für diejenigen Kunden, die das nötige Kleingeld haben und sich nicht mit den anhaltenden Wirren des labilen Immobilienmarktes beschäftigen müssen. Messehostessen strahlen mit Kühlerfiguren und Hochglanzfelgen um die Wette. Angenehm: nicht jeder Messebauer musste die bearbeitete Ausstellungsfläche mit einer möglichst großen Anzahl von weithin sichtbaren Stromkabeln auf grün trimmen. Der coole Europa-Flitzer Fiat 500 feiert bunt und gewohnt sehenswert seine offizielle US-Premiere und Lotus unterstreicht mit dem zweiten mächtigen Auftritt nach dem Pariser Autosalon erneut, dass ihnen eine güldene Zukunft mit fünf neuen Sportwagen bis 2015 bevorsteht. Amerika wir kommen!

Selbst im Infokanal des benachbarten Messehotels JW Marriott läuft rund um die Uhr ein Trailer vom brandneuen und 557 PS starken Mercedes CLS 63 AMG - that’s California. Nicht nur die europäischen Hersteller wollen sich in Los Angeles nach zwei schweren Jahren die Erdnussbutter nicht vom Bagel nehmen lassen. Man zeigt gerne, was man hat und bekennt sich zu grünen Tugenden ohne sie allzu sehr in den Vordergrund zu stellen. Schließlich hat der Autoamerikaner Pick Ups, Vans und Luxuslimousinen wieder lieb gewonnen. Am Messestand von BMW hatten viele das neue 6er Cabriolet erwartet. Doch im Convention Center gibt es nur die zweite Garde und somit die Paris-Studie des 6er Coupés zu bestaunen. Der offene 2+2-Sitzer steht fast zeitgleich im kalten München – seine Messepremiere findet hautnah erst im winterlichen Detroit statt. Da stellt sich Volkswagen schlauer an und zeigt erstmals den frisch überarbeiteten VW Eos – nun im aktuellen VW-Look.

Sogar eine Reihe von mehr als sehenswerten Designkreationen hat den Weg ins sommerlich-warme Los Angeles gefunden. Aufsehen erregender Star bleibt die Studie des grandiosen Jaguar C-X75 mit Gasturbinenantrieb. Dave Kunz vom Morgenfernsehen des lokalen Senders „abc7“ gehen beim Erstkontakt vor der Kamera die Augen über. „Hybrid, Elektro, Sparsamkeit – ein dröger Prius war gestern. Unglaublich wie sexy dieser Jaguar C-X75 aussieht. Leider noch Zukunftsmusik.“ Doch auch ein Mazda Shinari, die sportliche Vision des Mazda-6-Nachfolgers, das sehenswerte BMW 6er Coupé Concept, das cool-weiße Audi Quattro Concept oder der kantige Kleinwagen Cadillac ULC (Urban Luxury Concept) sorgen für automobile Farbkleckse in den Messehallen des L.A. Convention Centers.

Die amerikanischen Autohersteller und die asiatischen Importeure mit größer werdenden Produktionswurzeln in den USA sparen sich ihre großen Highlights oftmals bis zum Jahresanfang und dem Großevent in Detroit auf. Doch auch Fahrzeuge wie das Chevrolet Camaro Cabriolet, der Chrysler 200, der überarbeitete Chrysler Voyager oder der in Deutschland als Honda Accord Tourer bekannte Acura TSX zeigen eine wenn auch leicht bodenständige Rückkehr zur automobilen Spaßgesellschaft. Infiniti M 35h oder der ebenfalls hybride Kia Optima zeigen, wohin die Reise der amerikanischen Automobilwirtschaft in den nächsten Jahren gehen soll. Doch nicht vergessen: von 16 Millionen verkauften Neuwagen wie vor drei bis vier Jahren ist man trotz verbesserter Stimmung weit entfernt. Viel mehr als elf bis zwölf Millionen Neuzulassungen werden mittelfristig kaum erwartet und der Blick Richtung China als automobiler Weltmarkt Nummer eins ist bei aller Freude kritischer denn je.

Auch die allseits beliebten SUV spielen in Los Angeles wieder eine nennenswerte Rolle. Saab 9-4X, der nunmehr auch fünftürige kleine Range Rover namens Evoque, ein Mini Countryman und der neue BMW X3 setzen neue Crossovergefühle ebenso stilecht in Szene wie Ford Explorer oder der neue Dodge Durango. Gerade in den USA ist ein Automarkt ohne SUV kaum denkbar, auch wenn sich der ein oder andere kleine Neuling wie ein Nissan Juke oder eben der Mini Countryman in Szene setzen kann. Kalifornien bleibt für viele Hersteller der wichtigste lokale Automarkt weltweit. Hier steht man seit Jahren nicht nur auf leistungsstarke Boliden, sondern auch auf neue Ökomodelle wie den Toyota RAV4 EV, den elektrisierenden Kia Pop, einen Nissan Leaf oder den Honda Electric. Öko ja, aber bitte sportlich und natürlich emotional. Mit echten Kleinwagen scheint dagegen auch weiterhin kein Staat zu machen.
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Quelle: Autoplenum, 2010-11-17

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