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Testbericht

Stefan Grundhoff, 24. November 2010
Nirgends auf der Welt gibt es mehr Lamborghinis als im Süden von Kalifornien. Eine Ausfahrt im Gallardo LP 570-4 Spyder Performante. Gerade der rechte Zeitvertreib zum Erntedank.

Das Erntedankwochenende steht vor der Tür. In Deutschland hat das Herbstfest kaum nennenswerte Bedeutung. In den USA sieht das ganz anders aus. Für viele ist „Thanksgiving“ das wichtigste Fest für Familie und Freunde im ganzen Jahr. Die Highways sind übervoll, die Geschäfte platzen nicht nur am „Black Friday“ aus allen Nähten und nahezu alles dreht sich um Essen und den geliebten Truthahn. Dabei zeigt das Thermometer 23 Grad Celsius – wer mag im sommerlichen Santa Monica da an einen eiskalten Endnovembertag in heimischen Gefilden denken? Bevor es zum Truthahnessen nach West Hollywood geht und die langweiligen Gespräche von Uncle John oder Aunt Tilda einem zusammen mit dem ungenießbaren Kartoffelpüree die Feiertagsstimmung verderben, ist ein morgendlicher Ausflug Richtung Norden genau das richtige für das eigene Gemüt.

Mit einem weißen Lamborghini fällt hier, im amerikanischen Mekka von Filmsternchen und Showgrößen, niemand auf. Man fährt Mercedes G-Klasse, 7er BMW oder zumindest einen Porsche 911. Wer sich abheben will, schaut beim Sportwagenhändler seines Vertrauens in Beverly Hills vorbei. Hat dieser Dealer beste Kontakte, ist der brandneue Gallardo Spyder LP 570-4 Performante nur noch eine Frage der Zeit. Die offene Version des Superleggera muss dabei eine Doppelrolle übernehmen. Zum einen ist die offene Flunder aus Sant‘ Agata der sportlichste Gallardo-Roadster aller Lamborghini-Zeiten, zum anderen muss er die Kunden trösten, die noch etwas länger auf den Nachfolger des Murcielago warten müssen. Im Frühjahr wird der Jota, von einem neu entwickelten V12-Triebwerk mit 700 PS befeuert, die Messehallen des Genfer Palexpo zum Raunen bringen. Die offene Version des künftigen Kohlefasersportlers dürfte dagegen noch einige Zeit auf sich warten lassen.

Doch sowieso geht es bei einem Roadster weniger um die Fahrdynamik, sondern um Image, Posen und das sportliche Sonnenbad im Straßenverkehr. Hierfür und noch viel mehr ist der gewohnt bissig brüllende Lamborghini bestens gerüstet. Der Unterschied vom neuen Performante zu den anderen Spyder-Brüdern ist optisch wie technisch überschaubar. Der offene Gallardo hat nach einer Kraftkur in der norditalienischen Ebene abgespeckt. Kohlfaserdetails an Karosserie und Innenraum senken sein Trockengewicht um 65 Kilogramm auf knapp unter 1,5 Tonnen. Dafür muss man auf Details wie Sitzheizung, Soundsystem, Navigation und andere Komfortdetails verzichten. Trotz allem Hang zum Purismus tut das weh. 65 Kilogramm sind nicht viel – umgerechnet immerhin acht bis zwölf Truthähne zum Erntedank.

Die Optik des Gallardo ist auch im achten Jahr seit seiner Markteinführung unverändert wild, unvergleichlich gefährlich, ja martialisch und polarisierend. Das wird durch die modifizierten Kühleinlässe, Schürzen, Schweller und den steif im Fahrtwind stehenden Heckspoiler artgerecht unterstrichen. Die großflächige Abdeckung von Stoffdach, Motor und Getriebe wurde stilecht aus Kohlefaser gefertigt. Zusammen mit den neuen Leichtbaukomponenten an Mitteltunnel, Türverkleidungen, Sitzschalen und am Unterboden kommen so die 65 Kilogramm zusammen. Diese Gewichtsersparnis gleicht ein noch so kalorienreiches mehrgängiges Thanksgiving-Menü mit Leichtigkeit aus. Bei der Ausfahrt auf dem Pacific Coast Highway Richtung Norden, vorbei an Malibu Richtung Point Mugu ist davon nicht einmal im Ansatz etwas zu spüren. Der Lamborghini gibt sich gewohnt antrittsstark, bärenstark und stimmgewaltig. Die zehn Vokale werden bei Abfrage der Leistungsreserven zu einem brüllenden Stakkato. Gewohnt souverän beißt sich der Norditaliener mit deutschen Genen per 4x4-Antritt in den aufgebrochenen Asphalt des Highway 101. Malibu ist schnell vergangen und so es geht es immer wieder zur Kurvenjagd nach rechts in die Berge des San Bernandino Valleys. Das ist das Revier des Performante.

Die Lenkung ist trotz Allradantrieb messerscharf, die Bremsen arbeiten schlicht grandios und haben die Reifen erst einmal Betriebstemperatur, setzt allein der Fahrer die Grenzen. Der Fahrtwind des mindestens 217.651 Euro teuren Boliden hat die Frisur längst zerrüttet und so braucht man Tante und Onkel aus Oklahoma gar nicht erst unter die Augen treten. Sie würden kaum verstehen, wieso ein Auto nur zwei Sitzplätze hat, auf einen Kofferraum verzichtet, der kaum mehr als den Truthahn aufnimmt und von einem Zehnzylinder mit nur 5,2 Litern Hubraum befeuert wird. Die vergleichbaren Pick Ups aus lokaler Produktion haben mehr Hubraum, einen unvergleichlichen Alltagsnutzen; jedoch nicht annährend 419 kW / 570 PS. 0 auf 100 km/h in unter vier Sekunden dürften für die meisten Gäste beim familiären Erntedank nur nichtssagende Zahlen sein. Ganz zu schweigen die mögliche Höchstgeschwindigkeit von 324 km/h. Aber erzählen sollte man in jedem Fall davon. Es ist schließlich längst zu spät und das Thanksgiving-Dinner wartet. Und ein frisches Gesprächsthema macht den Tag nur erträglicher.
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Quelle: Autoplenum, 2010-11-24

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