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Testbericht

Susanne Kilimann, 29. November 2010
Elektrofahrzeuge stellen die Serviceprofis in den Werkstätten vor neue Herausforderungen. Der falsche Umgang mit starken Strömen und hohen Spannungen kann lebensgefährlich sein.

Mit Peugeots iOn, dem C-Zero von Citroën und dem iMiev von Mitsubishi kommen in Deutschland jetzt die ersten rein elektrisch angetriebenen Serienfahrzeuge auf die Straßen. Nicht nur die Automobilverkäufer haben es dabei mit völlig neuen Produkten zu tun. Auch in den Werkstätten muss man sich auf die Generation E vorbereiten – denn für Kfz-Profis ohne entsprechende Spezialkenntnisse können die kleinen Stromer gefährlich werden - lebensgefährlich sogar. Der Umgang mit Strom ist für Kfz-Mechaniker, -Elektriker und Mechatroniker kein wirklich neues Thema. Doch im Gegensatz zum Bordnetz herkömmlicher Fahrzeuge, wo Spannungen von 12 und 14 Volt auftreten, bekommt man es bei rein elektrisch angetriebenen Autos und bei Hybridfahrzeugen mit Gleichstromspannungen von mehreren hundert Volt zu tun.

Bevor man sich an einem Hochvoltsystem zu schaffen macht, muss man er erst einmal in einen spannungsfreien Zustand versetzten. Danach gilt es, die Anlage gegen ungewolltes Wiedereinschalten zu sichern. In einem dritten Schritt ist zu prüfen, ob alles korrekt abgewickelt wurde – das System also tatsächlich nicht mehr unter Spannung steht. Wer solche Sicherheitsvorkehrungen nicht richtig beherrscht und trotzdem an der Elektroanlage werkelt, schaltet sich in verheerender Weise gewissermaßen selbst als Widerstand in den Stromkreislauf ein. Der elektrische Strom, der dann über die Hände aufgenommen wird, durchfließt den Körper auf schnellstem Wege und verschont dabei natürlich auch lebenswichtige Organe wie Herz und Lunge nicht. Muskelkrämpfe, Herzkammerflimmern, Herzstillstand und innere Verbrennungen können die grausamen Folgen sein.

Bei Fahrzeugen mit Hochvoltsystemen dürfen daher selbst mechanische Tätigkeiten wie ein simpler Ölwechsel nur von „elektrotechnisch unterwiesenen Personen“ ausgeführt werden. Für Azubis heißt das in aller Regel schlicht „Finger weg“. Vorsicht ist geboten, weil schon beim Arbeiten in der Nähe der Hochvoltkomponenten kleine Fehler beträchtliche Gefahren nach sich ziehen können. Fürs Arbeiten an den elektrischen Antriebskomponenten reicht eine elektrotechnische Unterweisung ohnehin nicht aus. Selbst Kfz-Meister müssen dafür ein spezielles Hochvolttraining machen. Peugeot führt daher schon seit Wochen mehrtägige Schulungen mit seinen Serviceprofis durch. Wer so einen Hochspannungs-Crashkurs erfolgreich absolviert, kann anschließend an einer zweitägigen „Service-Produkt-Schulung“ für den Elektrokleinwagen iOn teilnehmen. Werkstätten, die ihre Mitarbeiter entsprechend qualifizieren lassen, können sich als „Elektro-Stützpunkt“ profilieren. Nur an diesen speziellen Stützpunkten dürfen Reparaturen am iOn ausgeführt werden. Selbst hochvoltgeschulte Werkstattprofis können aber nur einen Teil der Instandsetzungen ausführen. Wo immer Kernmodule des Antriebs betroffen sind – beispielsweise die Batterie oder der Elektromotor selbst, werden die Arbeiten vom Hersteller des Bauteils, und damit in der Regel von einem Zulieferbetrieb, abgewickelt werden.

Auch in den Werkstätten des Importeurs Honda haben etliche Mitarbeiter bereits Hochvolttrainingsmaßnahmen absolviert. Ralf Linneweber, Serviceleiter bei Honda an der Düsseldorfer Automeile, ist einer von ihnen. Nach zwei Schulungstagen sieht sich der Kfz-Profi mit über 30jähriger Berufserfahrung für die neuen Herausforderungen gut gerüstet. Ein mulmiges Gefühl beschleicht Linneweber beim Gedanken an die Zukunft, die vermutlich immer mehr Stromer auf die Straße bringt, dennoch. „Hybridfahrzeuge und Elektroautos sind wartungsärmer als Autos mit konventionellen Antrieben, deren Wartungsintervalle in den letzten Jahren ja auch schon immer größer geworden sind. Das ist ein Vorteil für den Kunden, aber schlecht fürs Werkstattgeschäft.“ Routinearbeiten wie der Ölwechsel fallen bei Autos, die ihre Energie aus der Steckdose beziehen, völlig weg. Dagegen werde die Fehlerdiagnose, wenn der Antrieb mal streikt, für das Personal in der Werkstatt immer aufwendiger und komplizierter.

Ein neuer Ausbildungsberuf, der den veränderten Anforderungen in den Autowerkstätten im Zeitalter der Elektromobilität stärker entgegenkommt - beim Zentralverband des Deutschen Kraftfahrtgewerbes (ZDK) ist das derzeit kein Thema. „Der Beruf der Kfz-Mechatronikers wird sich durch die neuen Antriebe nicht erheblich ändern und neue Entwicklungstrends fließen ja ständig in die Ausbildungsinhalte ein“, sagt Birgit Behrens, Abteilungsleiterin für Berufsbildung beim ZDK. Alternative Antriebe seien bereits jetzt Bestandteil der Ausbildung. Künftig müsse lediglich noch etwas expliziter auf das Thema Elektromobilität eingegangen werden. „Zudem bieten wir über unsere Landesverbände Weiterbildungskurse zum Thema Hochvoltfahrzeuge an“, so Behrens.

Nachschulungen sind derzeit auch beim ADAC angesagt. Bis Ende des Jahres sollen alle 1.700 „Gelben Engel“ für die besonderen Herausforderungen bei der Pannenhilfe an Elektro- und Hybridfahrzeugen fit gemacht werden. Weil die Pannenprofis unmöglich mit den Besonderheiten aller Hybrid- und Stromfahrzeuge vertraut sein können, müssen sie sich vor Ort über eine Telefonhotline Sicherheitsvorgaben des Herstellers geben lassen, erklärt Gerd Preuss, Technikbeauftragter am Schulungszentrum des ADAC. Wenn das Fahrzeug nach einem Unfall aufgeschnitten werden muss, sei dagegen immer die Feuerwehr gefragt. Und die richte sich bei Ihrer Aktion zur Rettung eingeklemmter Passagiere nach der zum Fahrzeug gehörenden Rettungskarte, auf der der Hersteller spezielle Schnittpunkte für den Ernstfall angegeben hat. Ohne diese Orientierungshilfe würden sich auch die Retter mit der Säge in Lebensgefahr begeben.
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Quelle: Autoplenum, 2010-11-29

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