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Testbericht

Jürgen Wolff, Goodwood, 3. November 2008
Nur vier Jahre lang wurde der Silver Seraph gebaut - für Rolls Royce, wo man die Modellzyklen sonst in Jahrzehnten rechnet, nur ein Wimpernschlag. Wir waren mit dem himmlischen Gefährt in England unterwegs.

Ein "Seraph", so lehrt uns der Blick ins Organisationshandbuch der Himmlischen Heerscharen, ist ein sechsflügeliger Engel, der bei den Engelschören an der Spitze der Hierarchie steht. Die sind laut Jesaja (6,1-7) hauptsächlich mit Lobgesang auf ihren Herrn beschäftigt. Welch passender Name.

Ein Rolls Royce ist qua Image schon ein Lobgesang auf seinen Herrn und Besitzer. Wer für ein Auto den Gegenwert einer Doppelhaushälfte hinblättert, der will sich diesen Luxus nicht nur allein als Selbstzweck leisten, sondern auch als Lob und Preis auf das, was er so darstellt. Der selige Rudolf Moshammer, der sich Anfang April 1998 einen der ersten Silver Seraph in Deutschland zulassen ließ (M-RM 111), war ein Beispiel dafür. Die Karosserie des himmlischen Gefährts ist deutlich verwindungssteifer als beim Vorgänger. Und weniger majestätisch denn zeitlos elegant. Klar: Der Kühlergrill stemmt sich senkrecht gegen den Fahrtwind. Aber ansonsten wird die Karosserie bestimmt von runden, weichen Formen. Mit 5,39 Metern Länge, 1,93 Metern Breite und einem Radstand von 3,12 Metern bietet der Silver Seraph üppigst Platz für seine Passagiere. Nur der Kofferraum ist mit 374 Litern etwas klein geraten - da bietet heute jeder VW Passat schon deutlich mehr.

Innen herrscht der versprochene, schier überirdische Luxus. Wer sich auf einem der Sitze niederlässt, der ist umgeben von üppig und in mehreren Schichten verbautem, auf Hochglanz poliertem Walnuss-Wurzelholz und makellosem Connolly-Leder, das in jeder Kurve dezent vornehm knarzt. 150 Stunden Handarbeit stecken allein in den Holzblenden eines Silver Seraph. Ein Dutzend Lederhäute von ausschließlich männlichen Rindern werden gebraucht und mit doppelten Nähten verarbeitet. Der Boden ist hinten mit Wilton-Teppichen aus Schafsschurwolle ausgelegt, in denen man bis zu den Knöcheln versinkt. Und für den nötigen Halt bei der Fahrt über Englands kurvige Landstraßen sorgen dezente Fußstützen.

Der Silver Seraph ist der letzte Rolls Royce, der - noch vor dem Verkauf der Marke an BMW (2000) - im englischen Crewe gebaut wurde. Und er markiert doch schon die Zeitenwende. Nach 33 Jahren war der Nachfolger der Klassiker Silver Spur und Silver Spirit der erste Rolls, der komplett neu entwickelt wurde. Und unter der langen Haube surrt schon ein Zwölfzylinder aus bayerischer Motorenfertigung. Der V12 stammt aus dem BMW 750i und wurde - abgesehen vom Schriftzug auf dem Motorblock - praktisch 1:1 übernommen. Seit dem Phantom III aus dem Jahre 1936 hatte es keinen Rolls Royce mit V12-Motor mehr gegeben.

Vor dem Silver Seraph kokettierte man bei Rolls Royce mit der Antwort "genügend", wenn es um die Frage nach der Leistung ging - TÜV-Prüfer in Deutschland setzten bei der Zulassung meist Schätzwerte in den Fahrzeugbrief ein. Mit dem BMW-Triebwerk M73 aus Aluminium war es aus mit diesem britischen Understatement - nicht umsonst wurde das Aggregat 1999 zum "Internationalen Motor des Jahres" gewählt. Aus 5379 cm³ Hubraum sorgen 240 kW/326 PS Leistung (bei 5000 U/min.) und ein Drehmoment von 490 Nm bei 3900 U/min. sanft säuselnd für in der Tat "genügend" Vortrieb des Zweieinhalbtonners. In 7,6 Sekunden ist er damit aus dem Stand auf Tempo 100, bei 225 km/h ist Schluss.

Selbst schuld, wer mit solch unziemlicher Eile im Silver Seraph unterwegs ist - nicht nur, weil die offiziellen 17,4 Liter Super pro 100 km dann so weit von der Realität entfernt sind wie die Kühlerfigur "Spirit of Ecstasy" von den Passagieren auf den Fondsitzen. In einem Rolls Royce gleitet man geschmeidig dahin. Entspannt und ohne Hektik.

Dabei ist die 5,39 Meter lange Limousine erstaunlich agil und leicht zu chauffieren. Die Fünfgang-Automatik von ZF schaltet butterweich und lässig, die Federung mit rundum Einzelradaufhängung und computergesteuerter hydraulischer Dämpfung ist auf höchsten Komfort ausgelegt, aber doch schon deutlich härter als bei den Vorgängern. Selbst solch neumodisches Zeugs wie ABS ist zu finden. Ein Technologieträger aber ist auch der Silver Seraph nicht - Rolls Royce definiert Luxus seit jeher anders als über die Anzahl der integrierten Schaltkreise.

Von 1998 bis zur Einstellung der Produktion 2002 wurden exakt 1570 Silver Seraph gebaut. Zur Markteinführung in Deutschland kostete er 440.000 D-Mark, 2002 waren es schließlich 246.100 Euro: Jeden Zentimeter Wagenlänge war damit 45 Euro wert. Mit dem Umzug von Rolls Royce ins südengliche Goodwood im Jahre 2003 war die Zeit auch für den Silver Seraph abgelaufen. Neuwertig läuft er als Bentley Arnage mit einem V8 Motor nahezu baugleich noch in Crewe vom Band - als "Final Series". Denn auch dort ist bald Schluss. Wer einen echten Silver Seraph auf dem Gebrauchtwagenmarkt sucht, der muss für sein himmlisches Vergnügen je nach Baujahr zwischen 65.000 und 100.000 Euro investieren.
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Quelle: Autoplenum, 2008-11-03

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