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Testbericht

Stefan Grundhoff, 30. März 2008
Nicht nur die Sonnenanbeter freuen sich über den aufgefrischten Mercedes SL. Das Aushängeschild der Stuttgarter Autobauer bietet mit dem SL 63 AMG auch einen kraftstrotzenden neuen Open Air-Superstar.

Der SL 63 AMG ist ein Spaßmacher. Und zwei Personen haben ihm ihren Stempel aufgedrückt. Da ist als erstes Robert Feiler. Zwar sitzt der Schwabe weder im eleganten Ledervolant, noch ist er für das Design des 525 PS starken Renners verantwortlich. Wer wissen will, wer Robert Feiler ist, der muss aber nicht lange suchen: Sein Name prangt auf der glänzenden Plakette, die das Achtzylindertriebwerk des neuen Mercedes SL 63 AMG ziert. Auch bei dem neuen Superstar aus dem Hause Mercedes treiben die Schwaben ihre Identifikation mit dem Produkt auf die Spitze: Wer einen Boliden aus Affalterbach kauft, der weiß genau, wer mit dem Zusammenbau des Hightech-Triebwerks betraut war. Nicht nur Mercedes will mit seinem guten Namen bürgen – sondern eben auch: Robert Feiler.

Den Namen des zweiten SL-Hauptdarstellers findet man nicht unter der Motorhaube. Formel-1-Fans kennen ihn jedoch seit Jahren. Und beim turbulenten Saisonauftakt von Melbourne hatte Bernd Mayländer schon alle Hände voll zu tun - in einem ganz speziellen SL 63 AMG. Mayländer fährt seit Jahren das Safety Car in der Formel 1. Bei Unfällen, Regen oder Gefahr auf der Rennstrecke versammelt der deutsche Rennfahrer die Pilotenschar im Gänsemarsch hinter sich und setzt so seit Jahren auch die PS-starken AMG-Vehikel in Szene. Die Motorsport-Truppe von Mercedes-Benz ist mit ihren silbernen Rennern seit Jahren nicht nur Haupt-, sondern auch erfolgreicher Nebendarsteller in der bekanntesten Rennserie der Welt.

Dabei ist die Fahrt in dem 4,60 Meter langen Safety Car alles andere als ein Schaulaufen. In der Formel 1 Saison 2008 pilotiert der 36jährige Mayländer einen neuen Dienstwagen: Einen scharf gemachten SL 63 AMG. Sein 6,3-Liter-V8-Motor leistet 386 kW/525 PS und ermöglicht eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 4,4 Sekunden – das Serienmodell braucht 0,2 Sekunden länger. Eine neue entwickelte Abgasanlage mit größerem Rohrdurchmesser lässt den Hochdrehzahl-Saugmotor ungehemmt atmen. Im Sinne bestmöglicher Standfestigkeit selbst bei heißesten Temperaturen kommen größer dimensionierte und zusätzliche Kühler für Motor- und Getriebeöl, Kühlwasser und die Servolenkung zum Einsatz.

Das beste dabei: Wer es als Fahrer schon nicht in die Formel 1 geschafft hat, der kann sich den Mercedes SL 63 AMG auch als Privatier gönnen und so nicht nur alle zwei Wochen am Sonntagmittag auf die Piste gehen - ausreichend gedecktes Konto vorausgesetzt. Dabei ist der SL 63 AMG auch mit dem sportiven Performance Package kein bockelharten Rennwagen. Er ist, was er zumindest seit der Einführung des SL-Roadsters im Jahre 1957 schon immer war: ein souveräner Cruiser. Dass der mittlerweile über 525 PS und 630 Nm Drehmoment verfügt, nimmt der Fahrer mit Wohlwollen und einer gewissen Gelassenheit zur Kenntnis. Der Schub ist mächtig, der Tatendrang ungestüm. Dass einen das luxuriöse Lederinterieur mit seinen fein konturierten Sitzen und zahlreichen technischen Annehmlichkeiten nie vermuten lässt, in einem Rennwagen zu sitzen, gibt dem ganzen eine lässige Dekadenz. Während sich die Konkurrenz bei Audi, Porsche und BMW zunehmend auf Doppelkupplungsgetriebe kapriziert, setzen die Schwaben auf ein neu entwickeltes Automatikgetriebe. Die AMG Speedshift MCT 7-Gang Automatik ermöglicht die Gangwechsel automatisch oder im manuellen Modus binnen maximal 100 Millisekunden. Kern dieses Motorsportgetriebes ist dabei eine nasse Anfahrkupplung, die in einem Ölbad läuft und den gewöhnlichen Drehmomentwandler ersetzt.

Ausgestattet mit vier Fahrprogrammen, bietet das Getriebe Schaltvorgänge ohne größere Zugkraftunterbrechungen. Zudem stehen vier Fahrprogramme mit unterschiedlichen Kennlinien zur Verfügung. In Verbindung mit einem dreistufigen Renn-ESP und einer Hinterachs-Differenzialsperre mit 35 Prozent Sperrwirkung bringt der Kraftprotz seine mächtige Leistung anders als viele andere Mercedes-Boliden souverän auf die Straße. Dabei kann man auf den Einsatz der "Racestart-Funktion" gerne verzichten. Die soll automatisch einen echten Rennstart ermöglichen - den man mit etwas Übung manuell auch kaum schlechter hinbekommt. Stattdessen hätte sich AMG lieber endlich mit der Aufhebung des Tempobegrenzers befassen sollen. Mercedes-typisch wird der Renner bei 250 km/h eingebremst. Dafür muss man sich keinen SL 63 AMG kaufen. Ohne Abriegelung würde der schnellste Serien-SL über 315 km/h laufen. Wer es zaghaft angehen lässt, dürfte immerhin den in Aussicht gestellten Durchschnittsverbrauch von 13,9 Liter Super auf 100 Kilometern schaffen.

Bei aller Sportlichkeit wirkt der Mercedes SL alles andere als angestrengt. Echte Sportwagenfans - und wohl nur solche werden sich für einen SL 63 AMG entscheiden - werden das Aluminium-Gewindefahrwerk in Verbindung mit dem Wankausgleich Active-Body-Control zu schätzen wissen. Und auch der sonore Sound aus der Abgasanlage ist überraschend dezent. Wer akustisch posen möchte, sollte sich lieber für einen Lamborghini oder Maserati entscheiden. Trotzdem ist der SL 63 AMG keiner, der mit seiner Potenz hinterm Berg hält. Die große Frontschürze mit mächtigen Kühlluftöffnungen und ein nicht minder mächtiger Heckdiffusor lassen in Verbindung mit dem 19-Zoll-Schmiederadsatz keine Zweifel am Kraftfluss aufkommen. An der Vorderachse arbeiten Sechskolben-Festsättel und Scheiben der Größe 390 x 36 Millimeter, an der Hinterachse Vierkolben-Festsättel mit Bremsscheiben der Größe 360 x 26 Millimeter.

Wie schon beim Safety-Car-Vorgänger auf Basis des CLK 63 AMG bringt der SL 63 AMG durch gezielte Leichtbaumaßnahmen und gezielten Verzicht auf Komfortfeatures weniger Gewicht auf die Waage als sein Pendant aus der normalen Serie. Für eine bestmögliche Rennstrecken-Performance haben die AMG-Spezialisten die Motorhaube, die Front- und Heckschürze, die vorderen Kotflügel sowie den Kofferraumdeckel aus dem Motorsport erprobten Kohlefaser-Verbundwerksstoff CFK gefertigt. Im Vergleich zum Serienmodell kann Bernd Mayländer auf der Rennstrecke selbst dann nicht das an sich vollelektrische Cabriodach öffnen, wenn er mal Pause hat. Da das Safety Car stets geschlossen gefahren wird, wurde bei ihm auf sämtliche mechanische und hydraulische Komponenten verzichtet. Unterm Strich spart das rund 220 Kilogramm Gewicht. Der Serien-SL wiegt dagegen fast zwei Tonnen – zu viel für einen Roadster.

Die Spatzen pfeifen es unterdessen schon von den Dächern, dass Mercedes dem Straßenrennwagen McLaren SLR noch eine scharf gemachte SL-Version nach dem Vorbild des Safety Cars als Straßenversion zur Seite stellen will. Bis das so weit ist, muss es das mindestens 145.239 Euro teure Serienmodell des SL 63 AMG tun. Immerhin: Wer will, kann auch mit dem 11.305 Euro teuren Performance Package für den Serien-SL zaghaft aufkeimende Rennsportgefühle befriedigen.
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Quelle: Autoplenum, 2008-03-30

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