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Testbericht

Stefan Grundhoff, 1. Oktober 2008
Der Trend zu viertürigen Coupés scheint nicht mehr aufzuhalten. Maserati Quattroporte, Mercedes CLS und Passat CC waren erst der Anfang. Lamborghini zeigt in Paris seine Studie Estoque: 140 PS pro Passagier.

Lamborghini baut seit Jahren die wohl spektakulärsten Serienautos. Jetzt hat sich die Stier-Schmiede aus Sant’ Agatha eine neue Fahrzeuggattung vorgeknöpft. Wer will, kann bald auch zu viert in einem Lamborghini reisen. Anders als erwartet präsentieren die Norditaliener auf dem Pariser Automobilsalon jedoch keinen eigenwilligen Enkel des Gelände-Ungetüms ML 002, sondern einen viertürigen Grand Tourismo. Und neben dem Estoque, der zunächst nur als seriennahe Studie zu sehen ist, sehen selbst die direkten Konkurrenten Porsche Panamera und Aston Martin Rapide aus wie harmlose Familienkutschen.

Eine Limousine von Lamborghini? Wer die beiden Erfolgsmodelle Murcielago und Gallardo sieht, der hätte wohl kaum geglaubt, dass ein Lamborghini vier Türen tragen könnte. Doch der Estoque, benannt nach dem Degen, mit dem beim Stierkampf der Todesstoß gesetzt wird, kann getrost als das optische Glanzlicht der Messe betrachtet werden. Kein anderer ist dort spektakulärer und kein anderer hat ein extravaganteres Design. Dabei stört es die Lambo-Verantwortlichen herzlich wenig, dass Luxuslimousinen und Sportwagen in Frankreich verpönt und eher mit Missachtung gestraft werden.

Die feierliche Enthüllung gab es beim großen Volkswagen-Konzernabend am Vortag der Messe. VW und seine zahlreichen Markentöchter wollen sich die Aufmerksamkeit an den Messetagen nicht durch die Konkurrenz aus dem In- und Ausland nehmen lassen und setzen auf einen eigenen Event. Nach noch junger Tradition werden die Highlights von VW, Audi, Skoda, Seat & Co. daher bereits gezeigt, wenn die Messetore noch eine Nacht geschlossen haben. Wer dem Estoque in die tiefen Augen schaut, der sieht durch die flache Front, die spektakuläre Keilform und das bissige Heck große Parallelen zum Reventon, der in einer Auflage von gerade mal 20 Stück die Sportwagenfans dieser Welt nicht nur durch seinen Preis von über einer Million Euro in Ehrfurcht versetzt. Mit seiner Gesamtlänge von 5,15 Metern präsentiert sich der Estoque als eine Mischung aus Reventon und dem legendären Aston Martin Lagonda.

Spektakulär sind dabei nicht nur die von Lamborghini bekannten mutigen Schnitte und Kanten - es ist auch die Idee, einen echten Sportwagen mit vier Türen in die Tat umzusetzen. Der gerade 1,35 Meter hohe Kampfjet wirkt schon im Stand gefährlich. Fest steht: so cool ist kein anderer. "Natürlich ist der Estoque auch eine kleine Provokation", räumt Lamborghini-Chef Stephan Winkelmann ein. So muss man sich in Sant’ Agatha auch nicht gegenüber den Konzerngeschwistern Audi A8 oder Porsche Panamera rechtfertigen. "Über die Zukunft dieses Konzeptes ist noch nicht entscheiden", gibt Winkelmann konkreten Kaufanfragen aber noch eine erste Absage.

Doch wer den Estoque sieht, dürfte kaum Zweifel daran haben, dass ein derartiges Auto – gerade im Hinblick auf die Luxus-Märkte in Asien, USA und dem Orient - große Realitätschancen haben dürfte. "Dieses Auto würde uns einen völlig neuen Kundenkreis erschließen, ohne dem Image und der Exklusivität von Gallardo und Murciélago zu schaden", sagt John Fitzgerald, Direktor für Design und Marke. "Wir würden Menschen erreichen, die bislang nie auch nur im Traum über einen Lamborghini nachgedacht haben." Auch das Antriebskonzept zeigt, dass der Lamborghini Estoque mehr als eine wilde Spinnerei ist. Hinter der Vorderachse liegt der aus dem Gallardo LP 560-4 bekannte Zehnzylinder mit Direkteinspritzung, 560 PS und Allradantrieb. Auch andere Antriebskonzepte der Konzernmutter Audi wären denkbar – bis hin zu einem potenten Selbstzünder.

Der Aufruhr in Paris dürfte nicht der letzte gewesen sein, den der Lamborghini Estoque ausgelöst hat. Man darf gespannt sein. Denn Lamborghinis Wachstumspläne lassen sich nur mit einer neuen, dritten Modellreihe verwirklichen. Was würde besser passen, als eine viertürige Limousine?
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Quelle: Autoplenum, 2008-10-01

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