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Testbericht

Sebastian Viehmann, Mallorca, 22. Oktober 2008
Er sieht aus, als könne er kein Wässerchen trüben. Und statt acht Zylindern hat er nur sechs. Doch der neue S4 beeindruckt noch mehr als sein Vorgänger – wenn man beim Fahrwerk alle Kreuzchen in der Optionsliste macht.

Um Rotkäppchen zu verknuspern, muss sich der Wolf im Märchen schon etwas einfallen lassen. Er wählt schließlich ein Großmutter-Outfit - und das dumme Rotkäppchen fällt tatsächlich darauf herein. Auch der Audi S4 benutzt einen Trick. Er schlüpft in ein vergleichsweise harmloses Limousinen-Kleid, um all die 3er BMWs, Passat TDIs und C-Klassen in Sicherheit zu wiegen. Als die ersten Zweifel kommen ("Aber Audi, warum hast du so große Reifen? Und so einen großen Grill?") ist die Falle bereits zugeschnappt. Der S4 verschlingt seine Beute in einem Stück, rülpst genüsslich mit dem Auspuff und macht sich weiter auf die Jagd.

Dass der neue S4 im Vergleich zum Vorgänger zwei Zylinder und ein paar PS eingebüßt hat, merkt man allenfalls am etwas zahmen Sound des V6-Motors. Das Logo V6T an der Audi-Flanke verrät, dass es sich um einen aufgeladenen Motor handelt. Statt eines Turboladers kommt allerdings ein alter Bekannter der Aufladetechnik zum Einsatz: Das Rootsgebläse. Ein Rootslader schiebt die Luft ohne innere Verdichtung in die Luftmassen, die vor dem Einlassventil angestaut sind, und sorgt dort für die leistungssteigernde Druckerhöhung. Der Lader wird über einen Riemen direkt vom Motor angetrieben. Er ist also im Gegensatz zum Abgasturbolader nicht von der Abgasmenge abhängig, und der Extra-Schub steht ganz ohne Turboloch schneller zur Verfügung.

Turbo-Fans werden vielleicht den brachial einsetzenden Schub vermissen. Doch der aufgeladene Direkteinspritzer überzeugt mit einer kontinuierlichen Kraftentfaltung – eine Beschleunigung von 5,1 Sekunden von 0 auf 100 km/h spricht für sich. Die Gänge wechselt man selbst per Sechsgang-Handschalter, oder man übergibt gegen Aufpreis dem 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe diesen Auftrag. Das schaltet schnell und meistens so gut wie ruckfrei.

Der permanente Allradantrieb lässt sich mit dem Fahrdynamiksystem Audi Drive Select aufrüsten. "Wir wollten das Grundmodell in der Längs- und Querdynamik noch einmal deutlich übertreffen", sagt Audi-Entwickler Peter Kohoutek. Schon mit dem normalen quattro-Antrieb fühlt sich der A4 im Grenzbereich ziemlich wohl. Der S4 – mit allen optionalen Fahrwerkssystemen ausgestattet, versteht sich – braucht deutlich länger, bis er sich überhaupt im Grenzbereich bewegt - und macht es sich dann dort gemütlich. Möglich macht das ein neu entwickeltes Sportdifferenzial für die Hinterachse. Wenn in einer schnellen Kurve der Wagen über die Vorderräder nach außen drängt, wird über das Differenzial das kurvenäußere Hinterrad beschleunigt und das kurveninnere abgebremst. Untersteuern wird zum Fremdwort, der S4 folgt brav wie ein Pfadfinder der angepeilten Linie.

Das Ganze funktioniert sogar, wenn man plötzlich Gas wegnimmt oder die Kupplung tritt. Die Verteilung des Sportdifferenzials ist nicht von der Motorlast abhängig: Überlagerungsstufen im Hinterachsdifferenzial beschleunigen die Antriebsräder. Das ESP muss erst eingreifen, wenn zur Stabilisierung des Autos das Abbremsen einzelner Räder oder ein Motoreingriff nötig ist. Das Feintuning des Sportdifferenzials kann der Fahrer mit einem Setup am Bordmonitor vorwählen, ebenso wie das Ansprechverhalten der Dynamiklenkung und die Motorcharakteristik.

Mit dem hochgezüchteten Allradsystem bewegt man sich allerdings in einem fahrdynamischen Bereich, den man auf öffentlichen Straßen kaum ausnutzen kann. Um schnell auf der Autobahn unterwegs zu sein, braucht man keinen S4, das können andere Modelle auch. Dieses Auto will auf der Rennstrecke Gassi geführt werden oder wenigstens ab und zu morgens um fünf auf einer leeren Serpentinenstrecke zeigen, was es kann.

Den Durchschnittsverbrauch des S4 gibt Audi ja nach Karosserie- und Getriebevariante mit 9,4 bis 9,9 Litern Super pro 100 Kilometer an. Auf unseren Testfahrten zeigte der Bordcomputer ein bis zwei Liter mehr. Wenn man die ganze Ingolstädter Hightech so richtig in Aktion erleben will und das entsprechende Tempo an den Tag legt, ist an der Tankstelle natürlich ein kräftiger Spaßzuschlag fällig. Der fällt trotzdem deutlich geringer aus als beim alten S4 mit V8-Motor. Letzterer findet noch im S4 Cabrio Verwendung.

Der Grundpreis der Limousine beträgt 50.950 Euro (Avant: 52.600 Euro). Unter anderem sind Klimaautomatik, Multifunktionslederlenkrad, Xenon-Scheinwerfer und LED-Tagfahrleuchten sowie elektrische Sportsitze an Bord. Bei den Sahnehäubchen wie dem Audi Drive Select mit Sportdifferenzial und elektronischer Dämpferregelung wedelt der Audi-Händler aber weiterhin mit der Aufpreisliste.
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Quelle: Autoplenum, 2008-10-22

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