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Testbericht

Wolfgang Gomoll, 30. November 2019
Auf der Essen Motorshow ist die automobile Welt noch in Ordnung. Hier wird noch dem Hubraum gehuldigt und dem Bördeln gefrönt. Elektromobile sind bei dieser PS-Graffiti Orgie immer noch Exoten.

Bei der Essen Motorshow gibt es eine unausgesprochene Regel: Wenn bei einem Reifen auf der Zwölf-Uhr-Position im Radkasten noch das Profil zu sehen ist, ist das keine echte Tieferlegung der Karosserie. Tief im Westen, wo die Sonne längst nicht mehr verstaubt ist die automobile Welt noch in Einklang mit traditionellen Werten. \"Hier, wo der Hubraum noch zählt, nicht die Elektromobilität\", würde Herbert Grönemeyers Ode an seine Heimat eventuell klingen, wenn sie auf die Essen Motorshow gemünzt wäre, nicht auf Bochum. Der Ruhrpott-Barde wird auf der Essen Motorshow nicht zu hören sein, stattdessen prügeln deftige Techno-Rhythmen auf die Ohren der Besucher ein, untermalt vom Motorensound und Treibstoffgeruch des Gokart-Rennens eine Halle weiter.

Hier ist die Stimme des Volkes noch offen und ehrlich. \"Boah, schau‘ Dir mal diese fetten Rohre an\", jubelt einer beim Anblick eines Monster-Auspuffs. Viele Holländer belassen es nicht bei den Lobpreisungen und schleppen riesige Endschalldämpfer aus den Hallen. Die gibt es hier zu kaufen, außerdem noch alles, was das Herz eines PS-Junkies höherschlagen lässt: angefangen von Felgen, über Jacken im klassischen Racer-Schnitt mit karierter Flagge auf der Brust, bis hin zu aufgemotzten Sportwagen. An den Ess-Ständen gibt Currywurst und Pommes Schranke, aber auch exotische Speisen.

Am Wochenende sind die Hallen im Gegensatz zu dem Trauerspiel auf der IAA pickepalle voll und man darf gespannt sein, was passiert, wenn sich Aktivisten dazu entschließen, die Zufahrt zum Essener Messegelände zu blockieren. Drin gibt es ja einiges zu sehen. Wobei die Anzahl der Hostessen zurückgegangen ist, dennoch werden ab und an nach wie vor weibliche Reize genutzt, um die Aufmerksamkeit auf den jeweiligen Stand zu lenken. \"Ich dachte, hier geht es um Felgen\"; sinniert ein Besucher stirnrunzelnd in Anbetracht der jungen Frau, die an einem Auto für die vielen Motivsucher bereitwillig und lächelnd posiert.

Neben manchen offenherzigen Dekolleté sind auch hohe Haken bei den Damen gerne genommen, bei den Männern sind es Kapuzenpullis und Baseball-Caps. Tattoos und Piercings gehören ohnehin zum guten Ton, Schlips und Anzug sieht man hier eher selten. Genauso bunt, wie das Publikum sind die Autos. Ein Dodge Charger wird mit Airbrush-Lackierung verziert, ein Rolls-Royce kommt in einem kunterbunten Blechkleid daher.

Den Tunern in Essen ist nichts heilig, erlaubt ist, was gefällt. Der Mercedes-Leichenwagen mit dem Namen \"Strichleiche\" verkörpert da schon eher den morbiden Humor. Brachiale Pick-ups mit mattschwarzer Beschichtung sind en Vogue. Den Vogel schießt allerdings die Bundeswehr ab, die einen 12.600 Kilogramm schweren Dingo 2 GSI mit an die Ruhrpott-Metropole gebracht hat. Gegen das monströse Vehikel nimmt sich ein Dodge Ram aus, wie ein Spielzeug. Die Landesverteidiger machen so viel Bohei nicht ohne Hintergedanken. Uniformierte Vertreter stehen Gewehr bei Fuß und beantworten bereitwillig alle Fragen der Interessenten. Dagegen nimmt sich der X-Bow Verschnitt der Polizei mit der verschämten Aufforderung \"Bewirb Dich. Jetzt.\" fast hemdsärmelig aus.

Das kann man von der gepanzerten Mercedes G-Klasse nicht behaupten und schon gar nicht von dem 5.700 PS starken Tractor Pulling Ungetüm namens \"Iwan\", das von drei russischen Hubschrauber Turbinen des Typs Isotov TV3-117M angetrieben wird und als Anlasser einen Audi Pkw-Motor benötigt. Gegen dieses blechzertrümmernde und kerosinsaufende Ungeheuer nimmt sich der Bugatti Typ 41 Royale fast fragil aus.

Einen spannenden Gegensatz aus zwei Sportwagen-Ären sind der Koenigsegg CCX und der Porsche 935 K3, der mit seinem riesigen Spoiler und der ausbordenden Karosserie den modernen schwedischen Supersportler in den Schatten stellt. Das zeigt zumindest die Abstimmung mit den Füßen und das Handy-Blitzlichtgewitter, das sich rings um den Jägermeister-Porsche entwickelt.
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Quelle: Autoplenum, 2019-11-30

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