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Testbericht

Wolfgang Gomoll, 14. November 2016
Das Mercedes Entwicklungszentrum im indischen Bangalore hat sich zu einem tragenden Pfeiler im Daimler-Konzerns entwickelt. Vor allem bei der Software übernehmen die Ingenieure zunehmend die Vorreiterrolle. Das liegt auch an den chaotischen Verkehrsverhältnissen.

In Arthur C. Clarkes Bestseller-Roman "Odyssee 2010 - Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen", spielt der indische Wissenschaftler Dr. Chandra eine Hauptrolle. Sechs Jahre später ist es auch bei Mercedes so weit, das indische Entwicklungszentrum in Bangalore übernimmt mehr und mehr Verantwortung bei der Entwicklung der Fahrzeuge mit dem Stern. "Wir konzentrieren uns auf die die digitale Welt", sagt Manu Saale, der Chef des indischen Außenpostens. Mercedes-Entwicklungschef Dr. Thomas Weber konkretisiert: "In jedem neuen Mercedes steckt viel Indien." Als die Schwaben vor 20 Jahren den Entwicklungsstandort im südlichen Zentralindien eröffneten, konnte sich niemand vorstellen, welche tragende Bedeutung der Komplex in Bangalore einmal haben wird. Aus zehn Beschäftigten sind mittlerweile knapp viertausend geworden. "Wir haben dieses Jahr tausend neue Leute eingestellt, 2017 werden es genauso viele sein", freut sich Manu Saale, der als Einheimischer seinen Laden im Griff hat. Bisher waren die Statthalter Deutsche, vor zwei Jahren ging das Zepter an Saale, der auch schon bei Bosch beschäftigt war. "Wir haben diesen Schritt ganz bewusst vollzogen, um den Standort Bangalore zu stärken", erklärt Thomas Weber.

"Aber deswegen machen wir das Entwicklungszentrum in Sindelfingen nicht zu", beeilt sich Thomas Merker, Direktor für Karosserie und Sicherheit bei der Mercedes-Benz Cars Entwicklung, zu ergänzen. Doch der Stolz platzt den Mercedes-Verantwortlichen fast aus jedem Knopfloch. Bei der Entwicklung eines Fahrzeugs ist die Tatkraft der indischen Ingenieure nicht hoch genug einzuschätzen. Zu Manu Saales Aufgaben gehört der Kampf um Talente. Pro Jahr verlassen rund eine Million Absolventen die Universitäten, jedes Unternehmen will sich die Besten sichern. Keine einfache Aufgabe. In Bangalore und Umgebung sitzt harte internationale Konkurrenz - auch Google und Amazon. Trotzdem ist die Mercedes Expansion in der indischen Sechs Millionen-Metropole, die auch das Silicon Valley Indiens genannt wird, nicht mehr zu stoppen: 2012 bezog man das erste zentrale Gebäude, das eine Fläche von 25.000 Quadratmetern hat. Zwei Jahre später kam ein ebenso großes dazu, dessen Kapazität mittlerweile bereits erschöpft ist und im April dieses Jahres legte man ein weiteres mit 12.000 Quadratmetern nach.

Anders als bei anderen Firmen ist die Fluktuation bei der Mercedes-Belegschaft vergleichsweise gering. Wechseln normalerweise 20 Prozent jährlich den Job, sind es bei Mercedes in Bangalore gerade Mal sieben Prozent, die woanders anheuern. "Die Strahlkraft der Marke ist sehr hoch"; erklärt Saale. Auch wenn sich die wenigsten einen Mercedes leisten können, spürt man in jedem Winkel der Gebäude den Stolz der Mitarbeiter, die tatkräftig an der Verbesserung der Prozesse mitarbeiten. Die besten Ideen werden prämiert und der Angestellte mit einem Photo an der "Wall of Fame" gewürdigt. Die Flure und Wände sind fast antiseptisch sauber. In der Kantine die aus allen Nähten platzt, ist das Essen umsonst.

Außerhalb von Sindelfingen ist der indische Entwicklungsstandort der zahlenstärkste im weltweiten Verbund des Mercedes-Konzerns. Die Rolle der Techniker, die in der drittgrößten indischen Stadt ihren Job verrichten wird immer wichtiger und geht im digitalen Zeitalter zunehmend über das bloße Programmieren von Ideen, die aus Sindelfingen und dem kalifornischen Silicon Valley kommen, hinaus: Die IT-Expertise betrifft übrigens nicht nur Autos, sondern auch das Planen von Fabriken. Die Schwaben nutzen so den Zeitunterschied und natürlich auch den Kostenvorteil: Ein indischer Ingenieur kostet etwa ein Drittel des deutschen Pendants.

Rund 3.900 Ingenieure sitzen in Großraum-Büros und lassen die Köpfe rauchen. Nur kleine Stehwände trennen die einzelnen Arbeitsplätze, Konzentration ist oberste Ingenieurs-Pflicht. es ist so leise, dass man eine Stecknadel fallen hören kann. Neben den aufwendigen Simulations-Berechnungen tüfteln die Mitarbeiter auch an Telematik-Software: "Die neue E-Klasse hat auch hier fahren gelernt", strahlt Manu Saale. Das Entwickeln von Apps und Software, die Verbesserung von Telematik, die künstliche Intelligenz sowie komplexe Simulationen laufen in den rechteckigen Gebäudekomplexen ab. Das zeigt, dass sich die Zeit der reinen Erfüllungsarbeiten sich dem Ende zuneigt. Aus Bangalore kommen witzige und nützliche Ideen, wie die Möbel-Beladungs-App "pactris", die Daimler-Chef Dieter Zetsche auf der IFA vorstellte, ist in Bangalore entstanden. Durch das Scannen des Barcodes eines Möbelstücks gibt die Software Tipps, wie man einen Smart so intelligent belädt, dass alle Einkäufe in den Kofferraum passen.

Dieser Wechsel im Ansinnen ist bei den Mercedes-Verantwortlichen über die Jahre und nicht zuletzt durch die gescheiterte Liaison mit Chrysler gereift. Das teutonozentrische Weltbild wurde eingemottet und ein globaler Ansatz gefahren. Davon profitieren die Stuttgarter jetzt. "Wir haben mit der Installation von Bangalore einen mutigen Schritt gemacht, den damals nicht alle verstanden haben", schmunzelt Thomas Weber. Mutig ist ein gutes Stichwort. Den braucht man auch, wenn man hier Auto fährt. Mit chaotisch ist der Verkehr hier noch harmlos beschrieben. "Wer hier autonom fahren kann, kann es überall", sagt Manu Saale. Also wird das Mercedes-Entwicklungszentrum in Bangalore auch bei den Robo-Autos eine wichtige Rolle spielen, und das nicht nur wegen der Software-Kunst der Techniker.
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Quelle: Autoplenum, 2016-11-14

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