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Testbericht

Stefan Grundhoff, 6. Januar 2015
Wer glaubt, dass die Autoindustrie vor einem Wendepunkt steht, hat die Ausfahrt längst verpasst. Gerade für jüngere Kunden wird das Auto immer mehr zum emotionslosen Fortbewegungsmittel, während die Hersteller Fahrspaß und Emotionen herbeibeten. Doch wo blieben die, wenn man nicht einmal mehr ins Steuer greift?

Der Charakter eines Autos bestand 100 Jahre aus Design, Technik, Motorleistung und zunehmend Image. Sportwagen waren flach, während sie Insassen mit sonorem Motorsound sowie entsprechenden Fahrleistungen betörten. Limousinen glänzten mit Eleganz und souveräner Kraftentfaltung und wenig emotionale Familiengefährte wie Vans oder Kombis boten ein Höchstmaß an Praktikabilität. Gemeinsam hatten alle, dass der Fahrer ins Steuer greifen und an der Zapfsäule nachtanken muss. War er müde oder genervt, blieb ihm nur eine Pause und die hoffentlich unterhaltsame Musik auf dem Lieblingssender.

Als Daimler-Chef Dieter Zetsche vor drei Jahren seine erste Keynote auf der immer bedeutender werdenden Consumer Electronic Show (CES) in Las Vegas hielt während hinter ihm die vier verrückten Burschen aus dem Kultstreifen Hangover über die pixelige Leinwand düsten, war die Automobilwelt bereits in ihren Grundfesten erschüttert. In den vergangenen drei Jahren hat sich noch mehr getan - viel mehr. Der wilde Elektrowahn scheint schneller als von vielen erwartet nur noch ein automobiler Nebenschauplatz zu sein und auf absehbare Zeit scheint Verbrennermotoren in der Kombination mit Plug-In-Hybriden die Zukunft zu gehören. Bleibt die Frage, wie lange wir - mit welchem Antrieb auch immer - überhaupt noch selbst ins Steuer greifen? Audi ließ einen A7 von der Universität Stanfort nahe San Francisco vollautomatisiert die 900 Kilometer lange Strecke nach Las Vegas fahren. "Mit der Testfahrt von der Westküste Kaliforniens nach Las Vegas demonstrieren wir unsere Führungsrolle im Bereich pilotiertes Fahren", so Audi-Entwicklungs-Chef Ulrich Hackenberg. Diese Führungsrolle beansprucht aber auch Daimler für sich.

Im Januar 2015 hält Dieter Zetsche an ähnlicher Stelle seine nächste Keynote-Ansprache, die in die Zukunft blickt. Diesmal geht es nicht um die allgegenwärtige Cloud und auch die vier Hangover-Burschen haben nach zwei Fortsetzungsstreifen ausgedient. Die Zukunft hat längst begonnen und die sieht Mercedes in seinem Forschungsfahrzeug F 015 Luxury in Motion perfekt in Szene gesetzt. Alle Autohersteller, die etwas auf sich halten, kommen längst nicht nur zum Jahresstart nach Detroit auf den einstigen Saisonauftakt zur North American International Autoshow (NAIAS), sondern bevölkern zunehmend weniger zurückhaltend die CES im kunterbunten Spielermekka Las Vegas. "Wer nur an die Technik denkt, hat noch nicht erkannt, wie das autonome Fahren unsere Gesellschaft verändern wird. Das Auto wächst über seine Rolle als Transportmittel hinaus und wird endgültig zum mobilen Lebensraum", sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche.

"Noch nie hatte ein Autohersteller auf der CES ein eigens entwickeltes Auto im Gepäck", freut sich CES-Chef Gary Shapiro. Mercedes ist mit seinem Zukunftsauto der erste. Dabei geht es nur nebensächlich um Design und allenfalls am Rande um Motorleistung, Fahrverhalten und Effizienz. Den visionären Mercedes F 015 wird es so niemals im Straßenverkehr geben und doch steuert das Brennstoffzellenfahrzeug mit zwei insgesamt 200 kW / 272 PS starken Elektromotoren mit maximal 200 km/h auf uns zu. Die Dauerleistung des Systems liegt trotz üppiger Dimensionalen und einer Luxusausstattung gerade einmal bei 163 PS. Zu stören scheint das in Las Vegas niemanden. 200 Kilometer kann der Forschungsträger allein mit seiner Batteriereichweite zurücklegen; weitere 900 Kilometer ermöglicht die Brennstoffzelle, die auf 100 Kilometern 0,6 Kilogramm Wasserstoff verbraucht. Das Gespenst vom anonymen Personenbeförderer geistert seit Jahren durch die Welt des autonomen Fahrens. "Nicht das Mercedes hinterher nur noch U-Bahn-Züge baut", sinniert Gary Shapiro.

Dieter Zetsche wird daher nicht müde zu betonen, dass der F 015 Emotionen wecke und Fahrspaß bereiten solle: "Die besten Zeiten des Autos stehen noch bevor. Unsere Entwicklungen bringen den Menschen mehr kostbare Zeit." Doch ganz so rosig sieht es für das Auto nicht aus. Klar, kann der Fahrer ins Steuer greifen, wenn er will. Real wird er die nervigen Strecken in die Arbeit, zum Flughafen oder Einkaufen jedoch vollautomatisiert zurücklegen. Während Lenkrad und Pedalerie verschwinden, dreht er sich nach hinten, arbeitet an seinem Pad, telefoniert mit Kollegen oder Freunden und informiert sich auf großen Displays im Innern des Luxusmodells. Hört sich wie ein real gewordener Traum aus Autopia; ist aber schlicht die reale Autozukunft von übermorgen. Wenn der Kunde echten Fahrspaß empfinden möchte, wird er wohl andere Autos im eigenen Fuhrpark nehmen. Aller Voraussicht nach einen echten Sportwagen - wohl nicht selten einen Young- oder Oldtimer, der das krasseste Gegenbeispiel zum automatisierten Fahren bedeutet.

Mercedes bringt es mit seinem Zukunftsauto auf eine sehens- und erfahrenswerte Spitze. Das breite Engagement der anderen Hersteller auf der Consumer Show in Vegas sieht nicht anders aus. BMW zeigt ebenso wie Audi oder Volkswagen, dass das eigene Fahrzeug auf Knopfdruck in die Parklücke oder in einem zweiten Schritt selbsttätig ins Parkhaus hinein und wieder heraus fährt. Es geht um Bedienkonzepte, brilliante Displays, die bald das ganze Fahrzeug erobern werden und belegen, dass Autos und Computer längst nicht mehr zusammenwachsen müssen. Beide, zweifellos mächtige Errungenschaften der vergangenen hundert Jahre, haben längst fusioniert. Ein Auto wie der 5,22 Meter lange Mercedes F 015 wird zu einem realen Lebensraum auf Rädern; einem mobile Device, das viel mehr als Autofahren kann. Nicht nur die IT-Nerds in der Wüste von Nevada nennen das "third place", ein dritter Lebensraum neben dem Zuhause und dem Büro.

Wer dann doch noch ins Steuer greifen möchte, kann mit den Händen nicht nur Lenkrad, Schalter und Getriebewahlhebel bedienen. Volkswagen oder Mercedes zeigen auf der CES, dass an der Gestensteuerung mittelfristig kaum ein Weg vorbeiführen wird. Mit Handbewegungen lassen sich wie einst im Filmstreifen Mission Impossible IV zahlreiche Anzeigen und Funktionen zu steuern. So führt ein Wischen in Richtung Frontscheibe zum Schließen des Schiebedachs, ein Wischen weg von der Frontscheibe zum Öffnen. Noch einfacher lassen sich die elektrischen Sitze des 300-PS-Sportlers verstellen. Dagegen wirken Tablets und Pads, die die Insassen mit dem Fahrzeug und dem Internet verweben fast schon von gestern. Doch neue Modelle wie der Audi Q7 oder die nächste Generation des Siebener BMWs bringen diese bereits in Serie. Die Zukunft hat längst begonnen - vorgestern.
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Quelle: Autoplenum, 2015-01-06

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