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Testbericht

Sebastian Viehmann, 27. September 2010
20 Jahre Deutsche Einheit: Wir blicken zurück auf die Kultautos des Ostens. Der Trabi wurde zum Symbol der Mangelwirtschaft, doch seine Fans lieben ihn noch heute. Und das sogar tief im Westen.

Ein Trabi steht an einer Kreuzung. Die Ampel wird grün, der Trabifahrer gibt Gas, doch sein Auto kommt nicht vom Fleck. Warum? Ganz einfach – der Mercedes hinter ihm hat die Lüftung eingeschaltet. Solche Witze schossen im Jahr 1990 wie Pilze aus dem Boden. Der Trabant war damals für viele Menschen nur ein rollender Scherz, ein Verkehrshindernis, ein nervender Zweitakt-Stinker. Auf den Autobahnen waren Wessis am Volant schnell genervt von den Trabi-Kolonnen, die sich schon von weitem durch bläulichen Rauch und Zweitakt-Mief ankündigten.

Selbst viele Neubürger aus dem Osten, die im sozialistischen Mangelstaat DDR manchmal Jahrzehnte auf einen Trabi warten mussten, hatten nach der Wende die Nase voll. Wenn die einst heiß begehrte „Post aus Zwickau“ kam und man den Trabi abholen durfte, hieß es nur: Wohin jetzt mit der Kiste? Denn in der eigenen Einfahrt standen längst Golf oder Kadett. Kein Wunder also, dass der Trabi selbst mit einem neuen Viertaktmotor aus dem VW Polo unverkäuflich war und der einstige Stolz des VEB Sachsenring schließlich abgewickelt wurde.

Doch der kleine Wagen mit seiner baumwollverstärkten Duroplast-Karosserie und dem typischen „Rend-Deng-Deng“-Sound des 26 PS starken Zweitakters erweist sich als erstaunlich zäh. Der Trabi stellt mit rund 34.000 Exemplaren nach dem VW Käfer den größten Oldtimer-Bestand auf deutschen Straßen. Und das nicht nur in Berlin, Leipzig oder Dresden: Sogar tief im Westen hat sich eine eingefleischte Fangemeinde der kultigen Rennpappe verschrieben. „Dieses Auto ist so einfach und billig“, schwärmt Thomas Wentker vom nordrhein-westfälischen Trabant-Club Sputnik. Sein Trabant 601 Universal wurde im Jahr 1990 gebaut, es ist einer der letzten. Regelmäßig fährt Wentker mit seiner Familie und den Freunden des Trabi-Clubs auf Tour – natürlich mit dem „Qek Junior“ im Schlepptau, einem 300 Kilo leichten Wohnwagen.

Die Mitglieder des Trabant-Club Sputnik kommen aus ganz Nordrhein-Westfalen, aus Ruhrgebiet und Münsterland, aus Bochum, Düsseldorf oder Ascheberg. Sie fahren zu Trabi-Treffen und versammeln sich gemütlich am Schrauber-Stammtisch. „Meinen ersten Trabi habe ich umsonst bekommen“, erinnert sich Clubmitglied Timo Jürgenschellert, „der Besitzer hat mir Papiere und Schlüssel in die Hand gedrückt und wollte schon wieder die Tür zumachen.“ Er musste den Mann dazu überreden, ihm wenigstens eine kurze Einweisung auf das Auto zu geben. Sechs Jahr lange hielt der Wagen noch tapfer durch, dann musste ein neuer her. Seinen aktuellen Trabi organisierte sich Kfz-Mechaniker Jürgenschellert so, wie es viele Trabi-Piloten zu DDR-Zeiten mit Ersatzteilen machen mussten: Durch ein Tauschgeschäft. „Ich bekam den Trabi und habe dafür einen Zahnriemenwechsel bei einem alten Audi durchgeführt“, erzählt Jürgenschellert.

Mittlerweile kennt der Kfz-Mechaniker jede Ecke des Trabi aus dem Effeff, und auch Landmaschinenmechaniker Thomas Wentker kann seinen gletscherblauen Kombi im Schlaf reparieren. Doch selbst wer technisch nicht so versiert ist, kann sich beim einfach aufgebauten Trabi als Schrauber versuchen – gerade das fasziniert viele Fans so am Kultauto aus Zwickau. Der Spruch „Hast du Hammer, Zange, Draht, kommst du bis nach Leningrad“ kann durchaus ein Körnchen Wahrheit für sich verbuchen. Das Zweitaktgemisch (Öl und Benzin im Verhältnis 1:50) mixt man sich selbst, bei Tempo 80 liegt der Durchschnittsverbrauch bei bescheidenen sechs Litern pro 100 Kilometer.

Trabi Fahren ist ein Erlebnis, aber gar nicht so einfach: Zuerst muss man sich an die Lenkradschaltung gewöhnen. Das Auto ist so winzig, dass das Gaspedal fast in der Mitte des Fußraums sitzt, doch selbst als langer Lulatsch findet man problemlos Platz unterm Lenkrad. Hat man den ersten Gang reingewürgt, knattert das Motörchen fröhlich vor sich hin und schiebt den leichten Trabi erstaunlich forsch an. Überholmanöver sollte man natürlich besser schon morgens am Küchentisch planen, doch im Stadtverkehr zeigt sich der Trabi putzmunter.

Nebenbei bleibt genügend Zeit, sich an Details zu erfreuen. An den knallig bunten Knöpfen zum Beispiel, mit denen man in Zwickau wohl fröhliche Kontrapunkte zum tristen Armaturenbrett setzen wollte. Und natürlich am Original-Zubehör, das Trabi-Fans Wentker und Jürgenschellert gesammelt haben: Ein Thermometer mit der großspurigen Aufschrift „Thermo-Kontrolle“ oder ein Schalthebel mit durchsichtigem bernsteinfarbenem Knauf, in dem ein kleines Modellauto wie in einem Flaschenschiff gefangen ist.

Wo immer die Trabi-Fans mit ihren Autos auftauchen, stoßen sie überwiegend auf große Sympathie. „Der Trabi ist in Oldtimerkreisen angekommen. Früher war er vor allem als Stinker verschrien, doch mittlerweile lassen sich viele Leute in ihren Wagen auf der Autobahn zurückfallen, um begeistert Fotos zu machen“, erzählt Thomas Wentker. Die „Mauer im Kopf“ hätten Trabi-Fans schon Mitte der 90er Jahre überwunden – die Liebe zum Kultmobil schweißt Ost und West auf jedem Treffen zusammen. Doch trotz allem, sagt Wentker, könne man einen Trabi aus den östlichen Bundesländern meistens schnell von denen aus westlichen Gefilden unterscheiden: „Fans aus dem Westen legen eher Wert auf Originaltreue, bei Fans aus dem Osten wird optisch und technisch oft getunt, was das Zeug hält.“
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Quelle: Autoplenum, 2010-09-27

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