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Testbericht

Sebastian Viehmann, 27. Januar 2010
Hoffentlich bekommt nie ein Holländer diesen Wagen in die Finger: Die Firma Goldschmitt hat ein Wohnmobil gebaut, das mit einem Gas-Diesel-Antrieb mühelos die 200 Km/h-Marke sprengt. Hinter dem Renn-Camper steckt aber mehr als nur die Lust an der Geschwindigkeit.

Eigentlich ist es schade, dass dieses Fahrzeug mit dem Schriftzug „Schnellstes Reisemobil der Welt“ beklebt ist. Denn so sind die Autofahrer schon vorgewarnt, als das Wohnmobil von Danny Brink zum Überholen ansetzt und mit einem satten Grollen auf der linken Spur an ihnen vorbeizieht. Die überholten Autofahrer schauen dennoch ziemlich verblüfft aus der Wäsche – der bunt beklebte Camper ist nicht nur deutlich flotter als jedes andere Wohnmobil, er bellt auch einen brummig-kraftvollen Sound aus dem Endrohr. Danny Brink von der Firma Goldschmitt aus Walldürn freut sich schon auf den Tag, an dem er den rasenden Camper über die Nürburgring-Nordschleife jagt: „Der Runden-Rekord für Wohnmobile liegt bei rund elf Minuten. Das sollten wir locker knacken können.“

Wenn man selbst am Steuer des umgebauten Hymer-Mobils auf Fiat Ducato-Basis sitzt, kann man Brinks Vorfreude gut nachvollziehen. Während der 2,3-Liter Dieselmotor in der Serienversion mit seinen 120 PS jede Fahrt zu einer ziemlich zähen Angelegenheit macht, treibt im schnellsten Reisemobil der Welt eine Kombination aus Autogas und Dieselkraftstoff den Vierzylinder zu ungeahnten Höhenflügen. Der Motor leistet nun 198 Pferdestärken, das Drehmoment wuchs von 310 auf 420 Newtonmeter. Beim Anfahren muss man das Gaspedal ein bisschen sorgfältiger als sonst dosieren, denn beim Ducato wirkt die Antriebskraft auf die Vorderräder. Der Anzug im ersten und zweiten Gang ist enorm, auf der Landstraße wird jedes Überholmanöver zum Kinderspiel. Und das, obwohl das Fahrzeug mit vier Personen an Bord und dem kompletten Wohnmobil-Ausbau belastet ist.

Das Unternehmen Goldschmitt ist in der Branche eigentlich nicht durch Rennsport-Ambitionen bekannt, sondern durch Luftfahrwerke und hydraulische Stützen für Wohnmobile, Nutzfahrzeuge oder Rettungswagen. Das Versuchsfahrzeug mit den schwarzen 22 Zoll-Sportfelgen und dem aerodynamisch optimierten Unterboden sei letztlich „aus einer Bierlaune heraus“ entstanden, sagt Unternehmenssprecher Thomas Seidelmann. Mit 207,6 Km/h haben die Wohnmobil-Experten ihren Camper bereits auf einer abgesperrten Strecke gemessen. Im Frühjahr werden die Walldürner einen ehrgeizigen Rekordversuch starten: „Unser Unternehmen wird 30 Jahre alt, und quasi als Geburtstagsgeschenk wollen wir auf die 200 noch 30 Km/h drauf packen“, sagt Thomas Seidelmann. Mit 230 Km/h soll sich der Camper ganz offiziell im Guinness-Buch der Weltrekorde verewigen. Den derzeitigen Rekord hält mit 191 Km/h der Colorado Ti RS, ein von Karmann getunter Camper auf Basis des VW T5, der 300 PS auf die Straße bringt.

Beim Renn-Camper aus Walldürn ist das Geheimnis jedoch nicht nur bloßes Motortuning, sondern der kombinierte Diesel- und Autogasbetrieb. Der Kfz-Meister und Techniker Heinrich Bloemer hat das ungewöhnliche Aggregat konstruiert, das genau wie manche Industrie-Motoren nach dem Zündstrahlprinzip arbeitet. „Das Flüssiggas wird im Saugrohr mit der Ansaugluft vermischt und der Dieselkraftstoff in die Brennräume gespritzt. Wir können die eingespritzte Dieselmenge im Vergleich zum normalen Motor um bis zu 50 Prozent reduzieren“, so Bloemer. Das Gas-Luft-Gemisch wird im Brennraum verdichtet, und der Dieselkraftstoff sorgt für die nötige Selbstzündung. Da der Verbrauch mit Autogas wegen des geringeren Energiegehalts um rund 20 Prozent höher liege als mit normalem Kraftstoff, aber viel weniger Diesel benötigt werde, reduzierten sich die Spritkosten beim Gas-Dieselmotor insgesamt um rund ein Viertel, so Entwickler Bloemer.

Die Techniker aus Walldürn wollen den Umrüst-Kit jedoch nicht nur zur Senkung der Spritkosten für moderne Commonrail-Diesel, sondern auch für ältere Dieselmotoren anbieten – und damit betagte Wohnmobile, die beim Abgasverhalten allenfalls die Euro-1 oder Euro-2-Norm erfüllen, auf Euro 4-Niveau hieven. „In Deutschland gibt es ungefähr 450.000 Wohnmobile, und rund die Hälfte davon bekommt keine Umweltplakette“, sagt Goldschmitt-Sprecher Seidelmann. Für viele Wohnmobile sind zahlreiche Innenstädte daher tabu und die rollenden Wohnzimmer für ihre Besitzer nur eingeschränkt nutzbar.

Seidelmann rechnet daher auch damit, dass viele Besitzer älterer Camper die 6000 bis 8000 Euro Umrüstkosten in Kauf nehmen werden: „Man muss die Umrüstkosten im Verhältnis zum Fahrzeugpreis betrachten“, so Seidelmann. Der Einstieg in die Wohnmobil-Welt beginnt bei rund 40.000 Euro, doch je nach Aufbau und Ausstattung erreichen die Preise mühelos sechsstellige Summen. Da lässt sich schlecht wegen der Umweltzonen mal eben ein neues Wohnmobil kaufen. „Es gibt schon zahlreiche Interessenten, die nur noch fragen: Wann seid ihr soweit?“, so Seidelmann. Noch in diesem Jahr wollen die Walldürner ihr Umrüst-Kit in Serie fertigen. Doch auch in Sachen Renn-Ambitionen ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. „Es gibt ja für den Ducato auch noch einen Dreiliter-Dieselmotor“, sagt Heinrich Bloemer, „damit könnte man sicher nette Dinge anstellen“.
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Quelle: Autoplenum, 2010-01-27

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