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Testbericht

Stefan Grundhoff, 26. Mai 2014
Die Szenerie könnte perfekter nicht sein. Auf dem Concorso d‘Eleganza am Comer See zeigen die Reichen und Schönen jeden Jahr im Mai die exklusivsten Oldtimer. Eine Szenerie wie aus einer Parallelwelt.

Cernobbio, genauer gesagt die legendäre Villa d\\\'Este am Westufer des Comer Sees, ist im Frühjahr einer der schönsten Plätze Europas. Wenn hier alljährlich im Mai der Concorso d\\\'Eleganza stattfindet, ist die Oldtimerwelt in Wallung. Multimillionäre sind aufgeregt wie grüne Schulbuben, wenn die Juroren die eigenen Retro-Spielzeuge inspizieren. Jahrelang wurde die automobile Preziose zuvor mit gigantischem Aufwand gehegt und gepflegt worden. Restauriert und poliert strahlt sie in der gelblich schimmernden Sonne Norditaliens im kunstvoll angelegten Park der Villa d\\\'Este und will endlich von erlauchter Stelle beurteilt sein. Viele Besitzer haben endlos darauf gewartet, ins europäische Oldtimer-Mekka eingeladen zu werden. Alles soll perfekt sein - meistens ist es das. Das eigene Werkstattteam hat die zumeist Millionenteuren Oldtimer mit Flugzeugen und Spezialtransportern aus der ganzen Welt nach Cernobbio gebracht. Nichts darf an diesem Wochenende schiefgehen. Es geht nicht nur um Geld, sondern in erster Linie um Image und Anerkennung in der exklusivsten Oldtimerszene. Die kann man sich nicht kaufen, indem man einen Klassiker wie einen Alfa Romeo 6C, einen Mercedes 300 SL oder einen BMW 507 ersteigert und zum Kunstwerk perfektioniert.

Wer etwas auf sich und seine Sammlung hält, der muss sich am Comer See oder dem Concorso d\\\'Eleganza von Pebble Beach / Kalifornien den strengen Juroren stellen. Eine Parallelwelt von der keiner ganz genau weiß, wie sie wirklich funktioniert. Doch man unterwirft sich ihr und ihren strengen Regeln nur allzu gerne, um zu automobilem Ruhm und Ehre zu gelangen. Für Norbert Seeger aus Liechtenstein läuft es an diesem Morgen in der deklarierten Rolls-Royce-Klasse an bekannter Seelokalität alles andere als perfekt. Sein bräunlich schimmernder Rolls-Royce Wraith von 1938 mit einer Karosserie von Park Ward und ungewöhnlichem Rattanmuster auf den Fondtüren glänzt im Bestzustand. "Bei diesem Wraith handelt es sich um ein Einzelstück", erläutert Norbert Seeger den gewohnt behüteten Juroren, "schauen sie nur die Opernleuchten." Diese sorgten in den 30ern für eine spektakuläre Vorfahrt mit gedämmten Licht vor Oper und Theater bevor der Chauffeur die Fondtüren für die Gäste öffnete. Auf Geheiß drückt Norbert Seeger den Starter des 4,3 Liter Triebwerks. Ohne ein Mucken säuselt der Sechszylinder los, als sei er gestern erschaffen worden. Als einer der kritischen Preisrichter nach einem polierten Dachgriff hinter dem Chauffeurabteil fragt, öffnet Norbert Seeger bereitwillig und lässt wie von Geisterhand das Volantdach nach vorne ausfahren. Unruhe bei den Juroren, als das targaähnliche Dach den Führerstand überdeckt. Es ist dreckig - das war es mit einer Bestplatzierung. Der Concorso hat seine eigenen Regeln. Perfektion ist hier das mindeste. Die gibt es beim spektakulären Alfa Romeo 6C 1750 GS von 1931, der ein paar Jahre nach seiner Geburt von Karosseriespezialist Aprile in Savona aerodynamisch individualisiert wurde. Das sichert ihm den Publikumspreis Coppa d\\\'Oro.

Die rund 50 Klassiker, die in neun Klassen aus verschiedenen Epochen gegeneinander antreten, sind in ihrer Art sämtlichst einzigartig - jeder für sich. Ein perfekter Zustand allein reicht dabei nicht aus - er wird schlicht vorausgesetzt. Und auch wenn die meisten Automobile wie der Alfa Romeo 6C 1750 GS von Corrado Lopresto oder der ungewöhnliche Hudson Italia Prototype H01 aus dem Jahre 1953 von Jan Dyck echte Schönheiten sind - es geht auch anders. Bisweilen reicht es einfach aus, ungewöhnlich zu sein. So kann man über die Pagode des Mercedes 230 SL mit der einzigartigen Pininfarina-Karosse von 1964 noch geteilter Meinung sein. Unikate wie der 1969er Fiat Abarth 2000 Scorpione oder besonders der Fiat 132 Aster von 1972 in kernigem Giftgrün dürften von der breiten Masse eher belächelt, denn bestaunt werden.

Alexander Schaufler ist seit Jahren eine feste Größe in der Oldtimerszene. Der Österreicher kann sich nicht nur für Oldtimerrallyes in den Alpen erwärmen; er gehört mit seinen exklusiven Klassikern mittlerweile fest zu einem Concorso. 2012 hat er mit seinem Doppelpack aus Rolls-Royce EX 17 Sports Tourer und einem einzigartigen Mercedes 500 K in Pebble Beach für Aufsehen gesorgt; auch wenn es für den Sieg letztlich nicht reichte. Der Wiener Oldtimerliebhaber hat auf dem Concorso am Comer See mit einem seltenen Hispano-Suiza H6 B von 1922 einmal mehr einen großen Auftritt. "Es ist einfach spannend, in die Geschichte der einzelnen Autos einzutauchen", sagt Schaufler, ebenso wie sein Auto einmal mehr im Retrolook perfekt gestylt, "das bieten neue Autos einfach nicht." Grandios: der Maserati V4 Zagato aus dem Jahr 1929 mit einem einzigartigen 16-Zylinder-Motor - das einzige noch erhaltene Exemplar des seinerzeit schnellsten Rennautos der Welt.

Doch es gibt auf den Geländen von Villa d\\\'Este und der benachbarten Villa Erba nicht nur spektakuläre Klassiker, sondern auch kaum weniger aufregenden Studien oder Kleinserien zu bestaunen. Höhepunkte in diesem Jahr der Mini Superleggera Vision, der Maserati Alfieri und der BMW Vision Future Luxury als Ausblick auf die nächste Siebener-Generation. Exklusiv: das blaue Rolls-Royce Drophead Coupé der Waterspeed Collection, das an die Rennerfolge von Sir Malcom Campbell erinnern soll, der in den 30er Jahren zeitgleich Rekorde auf dem Wasser, in der Luft und auf der Straße hielt. Jedes der 35 Modelle ist bereits verkauft. Vielleicht war einer der Teilnehmer des Consorso darunter.

Quelle: Autoplenum, 2014-05-26

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