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Testbericht

Stefan Grundhoff, 23. Oktober 2014
Die Börsen gehen weitgehend unkalkulierbar auf und ab während sich die Zinsen weltweit knapp über der Nulllinie festgebissen haben. Kein Wunder, dass Oldtimerversteigerungen einen grandiosen Zulauf haben. Wo sonst gibt es für Fahrspaß und Faszination auch noch Wertzuwachs - garantiert?

Die regelmäßig erscheinenden Angebotskataloge von Bonhams, Gooding oder RM Auctions lassen selbst ausgewiesenen Autosammlern jedes Mal die Hände nass werden. Ein dunkler 1969er Dino 206 GT gehört mit erwarteten 500.000 bis 700.000 Dollar da noch zu den günstigen Ferrari-Modellen, die angeboten werden. Ein weißer Ferrari 250 GT Series 1 soll nach Schätzungen des Versteigerers mehr als 6,5 Millionen Dollar bringen und selbst der 1978er Formel-1-Rennwagen 312 T3 wird mit mindestens 1,5 Millionen veranschlagt. Da erscheinen ein 1956er Austin Healey 100 BN2, eine Corvette 427 Roadster von 1967 oder ein Lamborghini Espada von 1972 für jeweils rund 100.000 Dollar schon wie erreichbare Schnäppchen. Unglaublich, aber wahr: der blau-graue Jaguar E-Type Series-1 3,8 Liter Roadster bringt bei der Versteigerung leicht mehr als die erwarteten 375.000 Dollar. Autoauktionen sind auf der ganzen Welt längst zu einem Spiel ohne Grenzen geworden.

"Man muss auf sein Herz hören", sagt Robert Brooks Vorstand beim 1793 gegründeten Auktionshaus Bonhams, "sonst geht das Ganze in die Hose." Das Oldtimergeschäft, die Auktionen mit exklusiven Oldtimern, war schon immer eine sehr einträgliche Sache. Doch was in den vergangenen Jahren passierte, konnte niemand vorhergesehen. Die Werte von ehedem bereits teuren Oldtimern stiegen immer öfter ins Unermessliche. Bei der jährlichen Topveranstaltung in Pebble Beach brachte es ein Ferrari 250 GTO mit zweifelhaften Ruf auf 38 Millionen Dollar. Kenner der Szene hatten gar mit 50 Millionen oder mehr gerechnet. "Irgendwann ist eine Grenze erreicht", ergänzt der smart gekleidete Brooks in seinem dunklen Sakko, "aber in den nächsten Jahren dürfte es weiter nach oben gehen. Schließlich ist eine Versteigerung der einzige Ort, an dem es einen echten Markt und einen echten Marktpreis gibt." Dieses Vertrauen scheint sich insbesondere für renommierte wie Versteigerungshäuser wie Bonhams oder RM Auctions auszuzahlen. Jahr für Jahr vermelden diese neue Rekordsummen, die bei den Versteigerungen umgesetzt werden. "Der Markt ist einfach verrückt", sagt Alain Squindo, Vice President bei RM Auctions, "es sind nicht nur die GTOs, sondern auch dass ein Mercedes 190 SL bis zu 340.000 Dollar bringt, war vor Jahren nicht absehbar. Pebble Beach ist hier der Super Bowl."

Die bekanntesten und renommiertesten Events finden neben Pebble Beach in Amelia Island und Scottsdale statt. Erst in der zweiten Reihe reihen sich die europäischen Versteigerungen im britischen Goodwood und während der Techno Classica in Essen. "Die chinesischen Interessenten, die in den letzten Jahren dazu gekommen sind, machen aktuell keinen großen Unterschied für den Markt", erklärt Robert Brooks in bestem Oxford-English, "doch es werden mehr und mehr junge Sammler. Zudem werden Kollektionen gewechselt und Autos ausgetauscht. Das bringt Bewegung in den Marlt - und auch die hohen Preise." Es gibt eine Reihe von besonders finanzstarken Sammlern in Europa. Die meisten residieren jedoch in den USA, den Emiraten, in Japan und zunehmend auch in Ländern wie Russland. Fragt man Robert Brooks nach dem spektakulärsten Auto, das er je verkauft hat: "Das war im vergangenen Jahr ein Mercedes W198. Der war einfach perfekt!"

Viele Autokollektoren sind in die Jahre gekommen und reduzieren ihre Sammlungen oder stellen diese in Anbetracht der eigenen Nachkommen um. Am teuersten bleiben dabei die Autos, die eine echte Rennsporthistorie haben. Alain Squindo: "Die Käufer suchen Autos, die sich auch selbst fahren können. Es geht daher um Modelle von Porsche oder Ferrari. Für einen alten Packhard wird es bei Versteigerungen in den nächsten Jahren wohl schwer." Harte Zeiten für die hoch dekorierten Sammlungen und deren Inhaber, denn gerade in den vergangenen Jahren siegten bei den besonders exklusiven Concours-Veranstaltungen zumeist elitäre Vorkriegsmodelle, zu denen viele jüngere Kollektoren jedoch keinen echten Bezug zu haben scheinen.

"In den vergangenen Jahren hat es da nicht viele neue Klassiker der Zukunft gegeben außer vielleicht dem McLaren F1. Der kostete vor ein paar Jahren noch eine Millionen Dollar; heute ist er das Zehnfache wert", lächelt Robert Brooks, "diese Rennwagen machen gerade die Versteigerungen in Pebble Beach aus." Das sieht Alain Squindo ganz ähnlich: "Wer etwas Besonderes hat, geht zu einer Versteigerung, weil hier alles transparent ist und es auf der Gegenseite echte Spezialisten gibt. Das wird sich zukünftig noch verstärken. Doch der große Boom wird sich abschwächen - auch wenn es weiter nach oben geht." RM Auctions gehört neben Bonhams zu den Großen im Geschäft. 15 Spezialisten suchen das ganze Jahr bei Sammlern überall auf der Welt besonders spektakuläre Modelle, um den Versteigerungen die wichtigen Zugpferde zu verschaffen. Für einen Top-Event in den USA liegt die Vorbereitungszeit längst bei über einem halben Jahr.

Regelmäßig finden auch in den Auktionshäusern selbst Versteigerungen statt, auf denen sich die Fahrzeuge in atemberaubende Preishöhen aufschwingen. Bonhams öffnet zum Beispiel am 30. November wieder die Türen zu seinem Londoner Hauptquartier in der New Bond Street. Star der Versteigerung ist das Einzelstück eines 1965er Ferrari 275 GTB Berlinetta mit Aluminium-Karosse. "Es ist ein wundervoll original erhaltener Ferrari 275 Longnose Berlinetta aus der Maranello Rosso Collection", schwärmt James Knight, verantwortlich für den Autobereich von Bonhams. Erwarteter Preis für den Renner mit der Chassis-Nummer 08035: 1,5 bis 2,0 Millionen britische Pfund. Im Jahre 1965 hatte der Erstbesitzer Franco Palma aus Rom gerade einmal 5.250.000 Lira - damals rund 8.500 Dollar - dafür gezahlt. Doch es heißt schnell sein. Für diese Versteigerung sind nur 35 Plätze vorgesehen - notfalls muss es eben ein Telefonanruf tun, um mitzubieten.
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Quelle: Autoplenum, 2014-10-23

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