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Testbericht

Wolfgang Gomoll, 5. März 2013
Britische Automobile sind der Inbegriff der Eleganz. Wen stört es da, dass Rolls-Royce und Bentley längst deutschen Konzernen gehören. Der Kampf der beiden Edelmarken ist heute so aktuell, wie vor 70 Jahren. Beim Genfer Autosalon geht es in die nächste Runde. Die Kombattanten heißen Roll-Royce Wraith und Bentley Flying Spur.

625 gegen 632 PS - klingt wie Lamborghini und Ferrari. Mitnichten. Die Protagonisten heißen Bentley Flying Spur und Rolls-Royce Wraith und sollen Fahrdynamik und Luxus miteinander verbinden. Während die beiden englischen Traditionsmarken auf der Insel rund 350 Kilometer weit voneinander entfernt sind, trennen die Konkurrenten auf dem Automobilsalon in Genf nur wenige Meter und die beiden Autos nur drei Zentimeter - 5,27 Meter ist der Wraith lang und 5,30 Meter der Flying Spur.

Auch in freier Wildbahn bewegen die beiden Edel-Platzhirsche auf Augenhöhe: Beide haben Zwölfzylinder-Power unter der Motorhaube. Beim Bentley ist es der aus dem VW-Konzern bekannte verschränkte W12-Motor, beim Rolls-Royce ist der V12, den man auch im 7er BMW zu kaufen bekommt. Beide sind doppelt aufgeladen, beide haben ein Drehmoment von satten 800 Newtonmetern - der Bolide aus Goodwood stellt es aber 500 Umdrehungen/Minute, nämlich ab 1.500 U/min bereit. Das macht das Gleiten im BMW etwas unaufgeregter. Beim Sprint gibt es wieder ein totes Rennen: Nach 4,6 Sekunden passieren beide die 100-km/h-Marke. Beim Durst hat das modernere bayerisch-britische Triebwerk die Nase um 0,7 l mit einem Durchschnittsverbrauch von 14 l/100 km vorne. Da hilft es auch nichts, dass sich der allradgetriebene Flying Spur in zwei Stufen tiefer über den Asphalt kauert: bei 195 km/h geht es vorne um fünf und hinten um 10 Millimeter runter, bei 240 km/h kommen noch einmal vorne acht und hinten 13 Millimeter dazu. So geduckt erreicht der Bentley eine Höchstgeschwindigkeit von 322 km/h.

Auch die Ziele sind ähnlich: Die beiden Nobel-Autobauer buhlen um die Gunst der Reichen dieser Welt und führen fast identische Argumente ins Feld. Beide nehmen für sich in Anspruch die edelsten Fahrzeuge zu fabrizieren, beide verweisen auf die Tradition und beide verbinden zunehmend Luxus mit Kraft. Allerdings enden bei den Fahrzeugkonzepten schon die Gemeinsamkeiten: Der Bentley ist eine viertürige Limousine und der Roll-Royce ein GT mit betont abfallender Dachlinie. Die ist allerdings so hoch, das es sich hinten fürstlich reisen lässt.

Wenn es um das Reisen, also um den Innenraum, geht, geben die beiden Nobel-PS-Protze alles. Vielfach verstellbare Sitze gehören zum guten Ton. Nur beste und edelste Materialien sind gut genug, um in den mehr als 200.000 Euro teuren Luxusdampfern das Interieur so luxuriös zu machen, wie es nur eben möglich ist. Ausgesuchte Hölzer und feinstes Leder verströmen exklusive Eleganz, wie sie in den traditionellen Gentlemen\\\'s Clubs zu finden ist. Bei der Sitzprobe machte der Bentley beim Platzangebot eine etwas bessere Figur. Logisch, ein GT, wie der Wraith, ist per se keine Limousine.

Beim Innenraum sind beide über jeden Zweifel erhaben. Wäre ja noch schöner, angesichts des Preises. Jede Naht ist fein säuberlich gesetzt, bei den Hölzern kann man zwischen zehn Furniervarianten wählen - das dunkle Eukalyptus- und das Walnuss-Holz sind serienmäßig. Insgesamt befinden sich zehn Quadratmeter in jedem Flying Spur.

Der Wraith lässt sich da nicht lumpen: Das zweifarbige Canadel-Panelling-Furnier erinnert an die Hölzer, die auf den teuersten Hochseejachten verbaut sind. Die Maserung des Holzes fällt in einem Winkel von 55 Grad ab, um auch im Innenraum Dynamik zu vermitteln. Der LED-Dachhimmel vollendet die Wohlfühl-Atmosphäre. 1.340 kleine Leuchtdioden sind per Hand in die Lederverkleidung über den Köpfen eingewoben. Egal, wo man sich im Fond niederlässt - in beiden Autos kommt echtes First-Class-Feeling auf.

Doch mit erstklassiger Handarbeit, reichlich Raum und feinen Stoffen ist es im 21. Jahrhundert nicht getan, auch britischer Adel und erst recht die aufstrebenden Chinesen wollen unterhalten werden. Und da ist das Beste nur gut genug: Beim Bentley gibt es top-modernes Infotainment-System mit einem Achtzoll-Touchscreen vorne und zwei Zehnzoll-Monitoren hinten. Gesteuert wird die Optionsvielfalt passend per Touchscreen. Der Wraith ist da etwas konservativer. Allerdings nur rein oberflächlich. Auch wenn das Infotainment-System nicht ganz so effektheischend ist, wie beim Konkurrenten, hat der Rolls-Royce technisch doch einiges zu bieten, das nicht auf den ersten Blich zu sehen, aber nicht minder eindrucksvoll ist: Um der Vollendung des sportlichen Gleitens möglichst nahe zu kommen, greift Steuerungssoftware der ZF-Achtgang-Automatik beim Schalten auf die GPS-Daten des satellitengestützten Navigationssystems zu. Damit antizipiert die Elektronik aufgrund verschiedener Parameter, wie Gaspedalstellung und Geschwindigkeit, welche Gang für die nächsten Meter der ideale ist.

Bei aller überlegenen und traditionellen Gelassenheit des Rolls-Royce, hat der Flying Spur einen Trumpf im Ärmel, der nicht zu schlagen ist: Her Majesty Queen Elizabeth II fährt seit zehn Jahren Bentley. Vermutlich ergänzt ab Sommer der Flying Spur den königlichen Fuhrpark.
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Quelle: Autoplenum, 2013-03-05

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