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Testbericht

Sebastian Viehmann, 20. Dezember 2011
Carl Benz hat vor 125 Jahren das Auto erfunden? Von wegen! Schon fünf Jahre früher konstruierten zwei Engländer ein straßentaugliches Fahrzeug, und das fuhr auch noch rein elektrisch. Eine Spritztour mit dem ersten Stromer der Welt.

Es sieht aus wie ein Krankenfahrstuhl, surrt wie eine kleine Straßenbahn vor sich hin und zieht alle Blicke auf sich. Das elektrische Tricycle von William Ayrton und John Perry ist 130 Jahre alt und schafft 18 km/h. Die Lenkung ist etwas knifflig, man muss mit der rechten Hand nach hinten greifen und an einer Kurbel drehen. Doch der Antrieb schnurrt fast so reibungslos wie beim neuen Elektro-Smart.

Horst Schultz vom Museum Autovision in Altlußheim hat den stromernden Methusalem nachgebaut. Mehr als 1000 Arbeitsstunden haben Schultz und das Museumsteam investiert. Als Quellen dienten ihnen zwei Kupferstiche aus dem Jahr 1881 und technische Beschreibungen. Der Aufwand, den Stromer originalgetreu zum Leben zu erwecken, war enorm. Doch er hat sich gelohnt. Schließlich fährt hier das erste Elektroauto der Welt vor.

Elektroautos gelten oft als Speerspitze der alternativen Antriebe, dabei war es genau umgekehrt: Erst kamen die Stromer, dann der Verbrenner. Wenn man die grobschlächtigen und kaum alltagstauglichen Dampfwagen mitzählt, die bereits im 18. Jahrhundert konstruiert wurden, wird der Hype um das Jubiläum „125 Jahre Automobil“ noch unverständlicher. Zahlen aus dem Jahr 1900 machen deutlich, dass das Rennen selbst 14 Jahre nach dem ersten Patent-Motorwagen keineswegs entschieden war. Damals fuhren 40% aller Automobile mit Dampf, 38% mit Elektroantrieb und nur 22% mit Benzin.

Dass der erste straßentaugliche Stromer von 1881 – elektrische Miniaturautos gab es schon vorher – so schnell in Vergessenheit geriet, hatte mehrere Gründe. Die geringe Reichweite der Stromer war schon damals ein Knackpunkt. Das Aufladen war kompliziert und erforderte stationäre Generatoren. Außerdem legten die Wissenschaftler William Ayrton und John Perry keinen Wert auf PR. Während Bertha Benz mit dem Automobil ihres Ehemanns öffentlichkeitswirksam die erste Fernfahrt vollführte, wollten Ayrton und Perry wohl keineswegs die Pferdekutsche ersetzen. Ihr Stromer diente vor allem als Show Car, mit dem sie der Fachwelt neue Technologien wie die Edison-Glühbirne oder die von ihnen entwickelten Messgeräte Voltmeter und Ampere-Meter demonstrierten.

Trotzdem war der Antrieb ihres Gefährts 1881 eine kleine Sensation. Ein paar Monate früher hatte der Franzose Gustave Trouvé ein ähnliches Dreirad konstruiert, das jedoch kaum fahrbar war. „Trouvés Batterietechnik mitsamt der Geschwindigkeitsregelung war eher belustigend als straßentauglich. Über Seilzüge wurden die Bleiplatten in die Säure der offenen Batterien getaucht. Je nach Tauchtiefe wurde das Dreirad, mit etwas Glück, schneller oder langsamer“, beschreibt Museumsdirektor und Elektroingenieur Horst Schultz die Funktionsweise.

Das Tricycle von Ayrton Perry war dagegen so ausgereift, dass man mit dem Nachbau noch heute ziemlich problemlos Kilometer fressen könnte. Die Geschwindigkeit wird mit der Handkurbel links neben dem Fahrersitz kontrolliert. Sie fungiert als Zellenschalter und schaltet in 6 Volt-Schritten die einzelnen Batterien zusammen. Je weiter man die Kurbel nach links dreht, desto mehr Spannung liegt an und desto schneller wird das Fahrzeug. Statt der wiederaufladbaren Bleibatterien, die 1881 immerhin 40 Kilometer Reichweite ermöglichten, bauten Horst Schultz und sein Museumsteam moderne Lithium-Eisen-Phosphat-Akkus ein. Damit steigt die Reichweite auf 70 Kilometer.

Wenn man auf dem Stromer von Ayrton Perry an all den Benzinkutschen vorbei durch die Straßen surrt, lässt einen dieser Gedanke nicht mehr los: Wie könnte die Welt heute aussehen, wenn man von Anfang an auf den Elektroantrieb gesetzt hätte? Eine ähnliche Frage stellte sich schon 1884 ein Autor der Zeitschrift „Das neue Universum“, als er einen Artikel über das Tricycle der Briten verfasste. Geradezu überschwänglich beschreibt der Autor die Vorzüge des elektrischen Velocipeds gegenüber solchen mit Gas- oder Dampfbetrieb. In jedem größeren Ort werde es bald Geschäfte geben, in denen man leere Akkumulatoren abliefert und aufgeladene bekommt - „etwa wie man Selterswasser oder Bierflaschen den Kunden ins Haus schafft und die ausgetrunkenen dabei wieder mitnimmt“, so die Vision von 1884. Wenn Elektro-Pionier Shai Agassi heute sein Batterie-Wechselsystem „Better Place“ anpreist, realisiert er also tatsächlich eine uralte Idee.

Das erste Elektroauto der Welt steht nun neben einem historischen Fahrrad-Tricycle im Museum Autovision. Als Nachbau befindet sich das Gefährt in bester Gesellschaft: Auch vom Benz’schen Patent-Motorwagen existieren nur noch Repliken und keine Originale mehr.

Quelle: Autoplenum, 2011-12-20

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