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Testbericht

Wolfgang Gomoll, 20. Mai 2015
Das Autodromo Terramar ist Zeuge einer goldenen Ära des Rennsports. Auf dem zwei Kilometer langen Hochgeschwindigkeits-Oval mit zwei Steilkurven fand 1923 der erste Große Preis von Spanien statt. Heute kämpft der verwitternde Beton mit der Natur und eine Runde in einem modernen Auto verströmt den Hauch von Abenteuer.

Salvador Mora ist ganz in seinem Element. Als der Seat Leon mit Karacho durch die mächtige Steilkurve brettert, nimmt der 71jährige die Hand vom Lenkrad und zwitschert wie ein Vogel. "Das geht alles ganz einfach", strahlt der rüstige Senior, während er fröhlich weiter pfeift. "Hier zu fahren kommt dem Fliegen am nächsten", lacht Salvador Mora und bewegt die Hände wie Flügel. Nur gut, dass der freiheitsliebende Spanier weiß, welche Geschwindigkeit die überhöhten Ecken vertragen und spult eine Runde nach der anderen ab. In den Kurven immer freihändig und vor Freude feixend.

Später steht das moderne Auto in der riesigen Betonwand, die eine Kurve ist, und krallt sich mit aller Haftungskraft moderner Pneus in den sandfarbenen Beton, um nicht nach untern zu rutschen. Ein paar Meter weiter zeigt Salvador Mora auf Reifenspuren, die sich in dem Asphalt der Steilkurve verewigt haben. "Das hier ist ein Dunlop und das ein Michelin", erklärt der Senior. Die Abdrücke stammen noch aus dem Eröffnungsrennen, dem Großen Preis von Spanien, der am 28. Oktober 1923 ausgetragen wurde. Da der Asphalt der hastig fertiggestellten Rennstrecke noch nicht ganz trocken war, konnten gruben sich die Reifen in den Untergrund und sind bis heute Zeugnis, des Wagemutes der Piloten in ihren knatternden Kisten. Denn die Spuren steigen an und beweisen, dass die Fahrer immer schneller die Wand entlangrasten und so immer weiter nach ober kletterten.

Der Brite Louise Zborowski bretterte beim Auftaktrennen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 157,2 km/h über die Asphaltplatten und umrundete die zwei Kilometer lange Strecke in seiner schnellsten Runde in 45,8 Sekunden. Allerdings überquerte der Franzose Albert Divo vor den Augen des spanischen Königs Alfons XIII., der den Kurs eingeweiht hatte, als Erster die Ziellinie. Damals drängten sich mehrere tausend Zuschauer, die sich über vier Stunden lang auf dem beschwerlichen Weg über staubige Schotterpisten von Barcelona nach Sitges-Terramar gemacht hatten, rund um das Oval. Der reiche katalanische Textil-Geschäftsmann und Autonarr Federico Armangué entschloss sich 1922 die Rennstrecke zu bauen. Rund 300 Tagen schufteten die Arbeiter und stampften das zwei Kilometer lange Oval aus dem Boden. Die Steilkurven sollten mit einer Überhöhung von 60 bis 90 Grad sogar Geschwindigkeiten bis 200 km/h ermöglichen und die Tribünen wurden so hoch gebaut, dass die Zuschauer möglichst viel von den Kampf auf dem heißen Beton mitbekamen.

Vier Millionen Peseten kostete der Bau des Rennovals. Doch das Geld war von Anfang an knapp. Die zweite Tribüne, deren Reste noch aus dem grünen Rasen ragen, wurde nie fertig, weil die finanziellen Mittel erschöpft waren. Heute wohnt der Hausmeister in dem Gemäuer. Zwei Jahre nach der Eröffnung verkaufte Armangué die Strecke an den tschechischen Rennfahrer Edgar Morawitz. Heute ist von dem Glanz der vergangenen Jahre nicht mehr viel übrig. Die Tribünen sind verweist und Gebäude-Ruinen stehen wie das Skelett eines Riesen-Dinousauriers inmitten der grünen Landschaft nahe der des verschlafenen Städtchens Sant Pere de Ribes. Rostige Stahlträger, Risse in den Wänden der Gebäude und Löcher im Straßenbelag verleihen dem Gelände einen morbiden Charme.

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet das Oval in Vergessenheit und 1955 fand das letzte Rennen auf dem Hochgeschwindigkeitskurs statt. Danach verwandelten die neuen Besitzer das Autodromo Terramar in eine Farm. Wo früher Menschen jubelten, der legendäre Pilot Tazio Nuvolari seine Runden drehte und Rennmotoren brüllten, gackerten jetzt 250.000 Hühner. Aus den Boxen wurden Pferdeställe und unter den Tribünen entstand eine Tierfutter-Produktion und der Asphalt, über den vor kurzen noch Rennwagen gerast waren, wurde genutzt um Stroh zu trocknen und Futterreste aufzubewahren.

"Es sah aus, wie eine große Müllhalde. Aber diese Schutzschicht hat die Strecke vor dem Zerfall geschützt", erzählt Salvador Mora, der als Direktor eine Initiative unterstützt, um das Oval wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zuzuführen. In Zukunft sollen hier wieder Oldtimer-Rennen stattfinden und eine Automobil-Museum entstehen. In der Mitte des Ovals steht ein Herrenhaus, in dem die Tochter der Besitzerfamilie mit ihren zwei Möpsen Pushkin und Shiva wohnt und sich über jeden Besuch freut. Bei dieser Begegnung lächelt Salvador Mora schelmisch und erzählt, dass er mit Freunden oft hier gefahren ist und mit einem allradgetriebenen Porsche einmal sogar die 230-km/h-Marke geknackt hat. Die Rundenzeit verrät der alte Herr nicht. Erst 2012 wurde der Rundenrekord von dem ehemaligen Rallye-Weltmeister Carlos Sainz geknackt, der in einem Audi R8 LMS eine Zeit von 42,6 Sekunden in den historischen Asphalt brannte. Übrigens ist es mit der Ruhe schnell vorbei, sobald man selbst am Lenkrad sitzt und über den holprigen Beton feuert. Hände vom Lenkrad, in den Kurven? Im Leben nicht!
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Quelle: Autoplenum, 2015-05-20

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